Kommt der doppelte Vorteil?

FANARBEIT Sozialarbeit und Streetwork für jugendliche Fußballfans? Was für viele neu klingt, hat in Österreich eine fast 30-jährige Geschichte, wenn auch mit Unterbrechungen.


Clemens Schotola | 12.05.2008
Dass sich die öffentliche Diskussion über Fans rund um die Europameisterschaft hauptsächlich um Sicherheit dreht, ist nicht wirklich überraschend. Doch mit den zur EM angebotenen Fanbotschaften, einem Projekt von FairPlay und FSI (Football Supporters International), gelangt vielleicht eine neue Sichtweise an die Öffentlichkeit. Zwar handelt es sich dabei nicht um »klassische Fanarbeit« wie Kurt Wachter von FairPlay unlängst bei der Club-2x11-Diskussion zum Thema »Wie viel Sicherheit braucht der Fußball« anmerkte, der Ansatz, die Bedürfnisse und Wünsche der Fans in den Vordergrund zu stellen wurde aber dadurch zumindest wiederentdeckt. Aufholbedarf wäre in jedem Fall vorhanden: Während in anderen Ländern Fanarbeit auf festen finanziellen und institutionellen Füßen steht, ist sie hierzulande ziemlich verwaist. So sind in Deutschland über 30 Fanprojekte bis hinab in die vierte Spielklasse aktiv. In Österreich ist präventive soziale Arbeit im Fußballkontext hingegen fast nicht (mehr) vorhanden. »Fanarbeit« gilt hauptsächlich als Aufgabe der Polizei, sprich: Minimierung des »Sicherheitsrisikos« Fußballfans. 


Streetworker am Platz  auch in Österreich


Durch die EM besteht die Chance, dass der Anlassfall genützt wird, um nachhaltige Fanarbeit zu installieren und das Feld der Fanbetreuung nicht ganz der Polizei zu überlassen. Ansätze sind vorhanden: So sind in Wien seit 2003 wieder Streetworker in und um Fußballstadien unterwegs. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, können auf den Rängen vorzufindende Faktoren wie Alkohol, Auslotung der Grenzen und geballter Gruppenzwang doch auch gefestigtere Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt bringen. Deswegen starteten schon in den 80er Jahren erste sozialarbeiterische Projekte, die gezielt auf Fußballfans und die damals wesentlich größere Hooliganszene Bezug nahmen. Die-se waren nicht nur auf Wien beschränkt. In Linz wurden von 1991 bis 1998 Fans des LASK und des FC Linz mittels mobiler Jugendarbeit betreut. Doch die schwindende Relevanz beider Fanszenen, bedingt durch zwischenzeitlichen Abstieg und Fusion, führte zum Aus dieses Projekts. 

Ist das damalige Ende des Streetworker-Einsatzes in Linz noch nachvollziehbar, darf die Einstellung in Wien als typisch österreichisch bezeichnet werden. 1979 wurde zur Finanzierung der Streetworker der Trägerverein »Rettet das Kind« gegründet. Zielgruppe waren »Jugendliche nahe der Kriminalität« also auch im Fußballumfeld. Erste Erfolge der Fanprojekte in Deutschland und ein Wohlwollen der Vereine vereinfachten die Akzeptanz des damals neuen Konzepts. Bei einem Länderspiel Deutschland gegen Österreich 1980 wurde erstmals Kontakt zu Fans hergestellt. Erste Erfolge stellten sich ein, für Anhänger beider Wiener Großvereine konnten Fanlokale installiert werden. Doch 1999 wanderte die Projektfinanzierung vom Amt für Jugend und Familie (MA 11) zum Landesjugendreferat (MA 13). Im Zuge der folgenden Umstrukturierungen wurden Streetwork Wien vom Trägerverein »Rettet das Kind« drei von sechs Dienststellen gestrichen. Die Stadt forderte eine Mitfinanzierung der Bundesliga sowie von Rapid und Austria. Rapid weigerte sich jedoch, und so mussten die Streetworker ihre Arbeit mit jugendlichen Fans vorläufig einstellen. Die beiden Großklubs setzen mit Andi Marek und Martin Schwarzlantner jeweils auf Klubmitarbeiter als Fanbetreuer. 

Seit 2003 sind unabhängige Streetworker wieder in den Stadien der Hauptstadt unterwegs, und zwar hauptsächlich aus pragmatischen Gründen. »Der Fußballplatz dient vorrangig dazu, den Kontakt zu halten«, sagt Mella Synek, Leiterin von Streetwork Wien. Jedoch gebe es keinen dezidierten Auftrag, dort tätig zu werden. Auswärtsspiele können bis auf Derbys nicht besucht werden. Ein Zustand, den Synek bedauert, da gerade Auswärtsfahrten zur Kontaktherstellung verwendet werden könnten. Das Miterleben und Gesehenwerden sind zentrale Faktoren, ist doch die Empathie der Streetworker und ganz besonders die Akzeptanz durch die Fans wichtig. Denn den Einsatz von Streetworkern sehen viele durchaus kritisch, weil sie nicht als Sozialfälle stigmatisiert werden wollen.

 

Reibebaum Polizei


Ebenso werden die Streetworker von manchen der Zusammenarbeit mit der Polizei verdächtigt. Auch aus diesem Grund geht Synek auf Distanz zu den Ordnungshütern. Anonymität und Parteilichkeit seien Vorrausetzung bei der Arbeit mit den Fans, so die Sozialarbeiterin. Die Verschärfung der repressiven Maßnahmen, vorrangig durch die letzten Novellen des Sicherheitspolizeigesetzes, sieht sie kritisch: »Das Fußballstadion dient dazu, neue Gesetze und Methoden auszuprobieren. Mit dem Hintergrund, Gewalt zu verhindern, lässt sich vieles legitimieren.« Die neuen polizeilichen Möglichkeiten führen laut Streetworkern zu einem vermehrten Einschreiten, das nicht am Fußballplatz haltmacht. So wurde Jugendlichen aus diversen Subkulturen beim Donauinselfest der Zugang von der Polizei verwehrt, Personalien aufgenommen und Fotos gemacht. Eine Behandlung, die sich auch ein anwesender Streetworker gefallen lassen musste. Wie im Stadion nützte der Dienstausweis wenig im Kontakt mit der Polizei. Auch die Kommunikation mit den »szenekundigen Beamten« verläuft nicht friktionsfrei. »Die sehen sich teilweise als die besseren Sozialarbeiter«, stellt Synek mit einem leichten Seufzer fest. 

 

Vom Streetwork zum Fanprojekt


Streetwork für die jugendliche Fußballklientel hat sich zwar bewährt, doch stellen Fans eben nur einen Teil der Zielgruppe dar. Kleinere Interventionen sowie individuelle Hilfestellungen können noch getätigt werden. Doch dann stößt der institutionelle Rahmen bei der Unterstützung reiner Fananliegen schon an seine Grenzen. Lobbyarbeit, die Ermöglichung von Freiräumen und zielgruppenspezifischere Betreuung kann reines Streetwork nicht leisten. Aus diesem Grund wird von Fanorganisationen die Einrichtung von Fanprojekten gefordert. 

Dass sich das deutsche Vorbild nicht eins zu eins auf österreichische Verhältnisse übertragen lässt und die Art und Weise der Umsetzung besonders heikel ist, zeigt das (vorläufig) gescheiterte Fanprojekt in Innsbruck. Das von FairPlay verfasste Konzept wurde von den Verrückten Köpfen als Versuch, »ein offensichtlich typisch Deutschland-geprägtes Konzept über Innsbruck zu stülpen, welches aber komplett an den über Jahre gewachsenen Strukturen in Innsbruck vorbeigeht«, abgelehnt. Kritik gab es auch an der mangelnden Einbindung der Fanszene. Durchpeitschen lassen sich Fanprojekte sicherlich nicht. So fordern die Verrückten Köpfe für die Zukunft die gemeinsame Erarbeitung eines Konzepts auf breiter Basis sowie eine ständige Diskussion und Reflexion sämtlicher Entwicklungsschritte. 

So gesehen wird es spannend, ob das Versprechen von Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka, nach der EM flächendeckend Fanprojekte in Österreich zu installieren, eingelöst wird. »Wer Fanarbeit unterstützt, hat einen doppelten Vorteil ein friedliches Fußballfest und nachhaltige Kosteneinsparung. Professionelle Fanarbeit kostet alle Beteiligten lang-fristig mit Sicherheit weniger als Polizeieinsätze«, ließ Lopatka wissen. Der ballestererfm wird ihn notfalls an sein Versprechen erinnern.

Referenzen:

Heft: 33
ballesterer # 82

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