Lämmli, nicht Schlämmli

NATI Der Schweizerische Fußballverband sucht einen Nachfolger für Teamchef Köbi Kuhn, der nach der EM zurücktritt. Dass die älteren Herren des Verbandes Star­trainer Ottmar Hitzfeld verpflichten wollen, könnte sie überfordern, meint Gianni Casutt vom Schweizer Fußballmagazin ZWÖLF.
Gianni Casutt | 08.05.2008
Das Telefon klingelte Sturm bei Ernst Lämmli. Er wusste: Dieses Interview mit der Bild-Zeitung hat hohe Wellen geschlagen. Der Delegierte der Schweizer Nationalmannschaft habe über Weihnachten mit Ottmar Hitzfeld verhandelt, schrieb Bild.  »Es ist so, wir haben uns getroffen«, bestätigte Lämmli. »Es war ein ganz unverbindliches Gespräch unter alten Bekannten. Wir kennen uns seit 25 Jahren. Das ist etwas anderes, als wenn ich einen Unbekannten treffe.« Klinsmann war damals beim FC Bayern noch kein Thema. Lämmli wollte sich so unverfänglich wie möglich ausdrücken, aber die Medien in Deutschland sind nun einmal nicht so ruhig wie jene in Holziken, Kanton Aargau. Der kicker konfrontierte Karl-Heinz Rummenigge mit diesen Aussagen, woraufhin der Bayern-Boss seinen Respekt für Lämmli wahrlich gut versteckte. Auf die Frage, ob ihn Hitzfelds Flirt mit der Schweiz störe, antwortete er: »Sollen wir uns irritieren lassen, dass mit Herrn Lämmli oder Schwämmli gesprochen wird?« In der Hoffnung auf eine aggressive Debatte rief die Bild-Zeitung wieder bei Lämmli an und fragte, was er von dieser Respektlosigkeit halte. Lämmli versuchte, nicht beleidigt zu wirken. »Alle Leute sprechen so, wie sie sind. Ich weiß, wer ich bin, nämlich Lämmli, nicht Schwämmli. Ich arbeite seit 25 Jahren erfolgreich im Fußball«, sagte der 68-Jährige. Die Vorstellung ist bitter, aber wohl wahr: Während wahrscheinlich jeder andere Funktionär dem offensichtlich nicht ganz abgeneigten Hitzfeld kurzerhand ein Angebot vorgelegt hätte, schaffte es Lämmli nicht über einen Kaffeeklatsch mit einem alten Freund hinaus. Gegenüber Medien sagt er: »Jetzt warten wir mal, bis wir wieder was von Ottmar hören.«

Hitzfeld als zu große Schuhnummer


Einige Schweizer Fußballfans vermuten, dass ein Engagement von Hitzfeld ein paar Nummern zu groß wäre für den gemütlichen Schweizer Fußballverband. Der Vorstand um den 74-jährigen Präsidenten Ralph Zloczower arbeitet ehrenamtlich und besteht aus pensionierten Juristen und Architekten. Das Verhältnis zu den Medien ist angespannt. Die Situation spitzte sich zu, als Nati-Coach Köbi Kuhn im Frühjahr 2007 Captain Johann Vogel aus dem Kader strich und Lämmli sagte: »Ich muss diesen Entscheid nicht mittragen.« Kuhn stand mit abgesägten Hosen da. Die Boulevardzeitung Blick warf dem Verband vor, er würde »stillos« mit Köbi Kuhn umgehen. Das Schweizer Fernsehen organisierte sogar eine Diskussionssendung zu den Querelen. Kuhn fühlte sich dort sichtlich unwohl. Den Vorwurf, dass die verknöcherten Verbandsstrukturen schuld seien, konnte er nicht wirklich zurückweisen: »Dass unsere Strukturen nicht ganz dem höchsten Niveau des heutigen Fußballs entsprechen, ist klar.« Wenige Wochen später engagierte der Fußballverband nach deutschem Vorbild den ehemaligen Nationalspieler Adrian Knup als Manager.

 

Schwierige Suche mit Tradition


Oft geht heute vergessen, dass schon Köbi Kuhn nur eine Notlösung nach einer unruhigen Zeit war. Der Verband legte sich im Jahr 2000 mit dem argentinischen Spitzenklub Independiente an, als der damalige Präsident und heutige Ehrenpräsident Marcel Mathier nach Buenos Aires flog und Enzo Trossero unter Vertrag nahm. Die Verantwortlichen von Independiente waren düpiert, da Trossero noch einen gültigen Vertrag besaß. Der Trainer selbst trat nach wenig Erfolg bereits ein Jahr später zurück.
Nach der EM braucht die Schweizer Nationalmannschaft einen Nachfolger für Köbi Kuhn. Das hat man beim Fußballverband erkannt, viel mehr noch nicht. Am besten ließen die Funktionäre vielleicht die Hände von der großen Fußballpolitik und machten den Assistenztrainer oder einen Jugendtrainer zum Chefcoach. Das hat mit Kuhn recht gut geklappt und die Bild-Zeitung würde das auch nicht interessieren.

Referenzen:

Heft: 32
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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