Auf Türkisch eröffnete der Kanadier Declan Hill seinen Einführungsbeitrag beim europäischen Fankongress in Istanbul mit der Botschaft: »Das Spiel, das wir lieben, hat Krebs!« Und als wäre sein Befund noch nicht dramatisch genug, versuchte er etwas später, die letzten Zweifler mit einem Hinweis auf seinen eigenen Kampfgeist wachzurütteln: »Ich stehe hier als einer, der sein Leben für den Fußball riskiert hat.«
Hill kann nicht nur dramatische Reden halten, was er sagt, scheint Hand und Fuß zu haben. 2008 schloss er in Oxford sein Doktorat mit einer Arbeit über Spielabsprachen im Fußball ab. Er infiltrierte eine asiatische Wettmafiabande sechs Monate lang mit versteckter Kamera und veröffentlichte den in 14 Sprachen übersetzten Bestseller »Sichere Siege«. In Istanbul erzählte der Aufdeckungsjournalist von wegen Spielabsprachen verurteilten ehemaligen chinesischen Verbandspräsidenten, von vier geschobenen WM-Testspielen des südafrikanischen Nationalteams, von den Sapina-Brüdern aus Kroatien, die auch beim deutschen Wettskandal 2005 eine Schlüsselrolle gespielt haben. Wo er keinen Beweis hat, formulierte Hill vorsichtiger, etwa im Zusammenhang mit dem 7:1-Auswärtssieg von Olympique Lyon gegen Dinamo Zagreb in der Champions League 2011/12: »Ich weiß nicht, ob es geschoben war, aber ich kenne niemanden, der glaubt, dass es nicht geschoben war.«
Spieler unter Druck
Tony Higgins verwies auf das »Schwarzbuch Osteuropa«. Seine Organisation, die internationale Spielergewerkschaft FIFPro, hatte die Studie auf Basis von mehr als 3.000 Interviews mit osteuropäischen Profis zu Jahresbeginn veröffentlicht. Das Ausmaß der Korruption habe alle überrascht, meinte Higgins und betonte den Druck, dem die Spieler ausgesetzt seien: »Viele Spieler werden nicht oder viel zu spät bezahlt. 55 Prozent der befragten Spieler, die seit 36 Monaten ohne Gehalt waren, wurde die Beteiligung an Manipulationen angeboten.« Darüber hinaus seien Drohungen und körperliche Gewalt bei mangelnder Kooperationswilligkeit keine Seltenheit. Higgins geht wie Hill davon aus, dass sich Spielmanipulationen inzwischen vermehrt in Westeuropa ausbreiten, und mahnte zur Wachsamkeit: »Lehnt euch nicht zurück, wenn ihr Fans eines westlichen Vereins seid!« Sylvia Schenk von der Antikorruptionsorganisation Transparency International stieß ins selbe Horn: »Es gibt in vielen Ländern eine Kultur der Spielabsprachen, das fängt schon ganz unten an.«
Wer sich einen Beitrag türkischer Fans zu den Urteilen im Süper-Lig-Skandal erwartet hatte, die ein nur wenige Straßen entferntes Gericht keine zwei Wochen zuvor gefällt hatte, wurde enttäuscht. Die beiden Fanvertreter auf dem Podium kamen aus Italien und Griechenland. Loukas Anastasiadis engagiert sich bei Aris Saloniki und propagiert eine fanbasierte Gegenkultur, die er anhand seines Vereins illustrierte: »Aris ist ein Klub im Besitz der Fans und einer der wenigen, die nicht in den aktuellen griechischen Wettskandal verwickelt sind.«
Der Süper-Lig-Megaskandal
Ein tragfähiger Konsens über die Ablehnung und lückenlose Aufklärung von Manipulationen ist aber keineswegs selbstverständlich, wie das türkische Beispiel zeigt. Am 2. Juli waren 20 Akteure türkischer Profiklubs in erster Instanz zu teilweise langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Die Urteile werden nun vom Obersten Gerichtshof überprüft. Aziz Yildirim, der Präsident von Fenerbahce Istanbul, fasste für die Gründung einer kriminellen Vereinigung und Manipulation von Spielen in erster Instanz über sechs Jahre aus. Wegen der laufenden Berufung ist Yildirim nach einem Jahr Untersuchungshaft derzeit auf freiem Fuß. Viele »Fener«-Fans sehen ihn als Opfer einer politischen Verschwörung und Märtyrer. Der ehemalige Trainer des Stadtrivalenrivalen Besiktas, Tayfur Havutcu, bekam mehr als ein Jahr Haft. Ihm wird die Schiebung des Cupfinales 2011 vorgeworfen. Von den »großen drei« des Istanbuler Fußballs wurde nur Galatasaray von dem Skandal nicht berührt. Um ein emotionales Hickhack innerstädtischer Rivalitäten zu vermeiden, setzten die Kongressveranstalter den türkischen Manipulationsskandal erst gar nicht auf die Tagesordnung, da sie die eben erst entstandenen ersten Ansätze einer klubübergreifenden Faninitiative in der Türkei nicht gefährden wollten.
Peinlich berührte Verbände
Vermutlich waren auch der türkische Verband TFF und die UEFA froh, die Diskussion in Istanbul nicht führen zu müssen. Der TFF hätte erklären müssen, warum er kurz vor den Urteilen des Gerichts im Gegensatz zu diesem zu dem Schluss gekommen war, dass es keinerlei Manipulationen gegeben habe. Auch die UEFA hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, schließlich erreichte Besiktas, als offenbar unrechtmäßiger Cupsieger, das Achtelfinale der Europa League. Die UEFA hatte letzten Sommer mit sanftem Druck den TFF lediglich dazu gebracht, Meister Fenerbahce wenige Stunden vor der Gruppenauslosung von der Champions League zurückzuziehen.
Die Fußballinstitutionen wissen scheinbar nicht, wie sie einen im Manipulationssumpf verfahrenen Karren wieder aus dem Dreck ziehen können. Insofern ist das unspektakuläre Credo der Korruptionsexpertin Schenk nachvollziehbar, wonach auch im Sport bei Korruption die Prävention das Wichtigste sei. Eine Expertengruppe auf EU-Ebene stellte Gianluca Monte, der für die Europäische Kommission am Podium saß, als Beitrag dazu vor. Aufdecker Hill empfahl den Fans allerdings, sich davon nicht zu viel zu erwarten: »Hören Sie sich den Mann an. Er hört auf die Wettanbieter die wollen über das Thema nicht reden. Er hört auf die Verbände die wollen nichts davon wissen. Er hört auf Politiker die wollen das Thema nicht anrühren.«






Die Manipulation von Spielen untergräbt zusehends die Glaubwürdigkeit des Fußballs. Beim Istanbuler Fankongress diskutierte ein hochkarätiges Podium über das Thema. Der aktuelle türkische Manipulationsskandal aber war den Veranstaltern zu heiß.
erscheint am 12. Juli 2013.
Abo bestellen