»Liefering ist nicht das Paradies«

Die Vereinigung der Fußballer ist für die Wahl der Spieler der Saison bekannt. Zuletzt machte sie aber mit einem klassischen Gewerkschaftsthema auf sich aufmerksam: Sie protestierte gegen die Abschiebung von fünf Salzburg-Spielern zum Red-Bull-Farmteam nach Liefering. Im Interview kritisiert VdF-Sekretär Rudolf Novotny, dass Red Bull ahnungslos tut und den zweiten Schritt vor dem ersten setzte.
Jakob Rosenberg | 11.10.2012

ballesterer: Die VdF hat sich für die Red-Bull-Salzburg-Spieler eingesetzt, die nach Liefering abgeschoben werden sollten. Was war das arbeitsrechtliche Problem?
RUDOLF NOVOTNY: Bei Red Bull ist der zweite Schritt vor dem ersten getan worden: Ich weiß zwar nicht, was ich mit meinen aktuellen Spielern mache, aber ich hole mir gleich neue. Ein Spieler muss aber seine körperliche Fitness erhalten ob er jetzt spielt oder nicht. Das heißt, er muss die Möglichkeit haben, für den Einsatz in seiner Mannschaft oder einen möglichen Wechsel zu trainieren. Diese Thematik ist immer wieder aufgetaucht: Der Markus Schopp hat in Salzburg sein Mannschaftstraining eingeklagt, dazu gibt es eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs. Ein Spieler, der arbeiten will, das aber bei einem befristenden Vertrag für zum Beispiel ein Jahr nicht tun kann, verliert seine Fertigkeiten und hat dadurch beim nächsten Dienstgeber eigentlich keine Chance mehr. Durch den Spruch war es relativ leicht, das im Kollektivvertrag zu verankern.
Wie kann es sein, dass der aktuelle Meister nicht über den Kollektivvertrag Bescheid weiß, den er selber unterschreibt?
Ich glaube, dass die das sehr wohl wissen. Sie haben ja argumentiert, dass man den Spielern ein Mannschaftstraining bei Liefering angeboten hat. Der Verein steht zwar unter wesentlichem Einfluss von Red Bull, ist aber sportrechtlich etwas ganz anderes. Wenn ich den Spielern eine Trainingsmöglichkeit verschaffe, ist das vielleicht lieb gemeint, aber nicht im Sinne des Erfinders.
Wäre eine Versetzung zu den eigenen Amateuren möglich gewesen?
Nein, weil sie einen Vertrag mit der Profimannschaft unterfertigt haben. Das wäre dann eine Schlechterstellung, obwohl sie dort auch Mannschaftstraining haben. Man kann wie Red Bull der Auffassung sein, bei Liefering spielen eh der René Aufhauser und der Wolfgang Mair, und das sind ja gestandene Profis. Aber damit hat das nichts zu tun, die Spieler haben dort nichts verloren.
Rasmus Lindgren hat mit Klage gedroht und sich jetzt auf eine einvernehmliche Vertragsauflösung geeinigt. Welche Rolle hat die VdF bei den Verhandlungen gespielt?
Wir haben die rechtliche Vertretung übernommen. Der Fall Lindgren ist jetzt erledigt, die Frist für Joaquin Boghossian läuft aber noch (Entscheidung nach Redaktionsschluss, Anm.). Er hat zunächst überlegt, ob er auf das Angebot eingeht, weil man ihm Liefering als Paradies beschrieben hat. Dann hat er sich aber überlegt, dass das vielleicht doch nicht das Paradies ist. Wichtig ist, dass es eine schnelle Lösung gibt, weil die Karrierezeit von Fußballern sehr kurz ist. Eine gerichtliche Auseinandersetzung hilft weder dem Spieler noch dem Klub. Wenn der Vertrag aufgelöst wird, kann der Verein dieses Problem abhaken, der Spieler kann sich am Arbeitsmarkt frei bewegen.
Eine Readers-Digest-Befragung hat im vergangenen Jahr ergeben, dass Fußballer zu den unbeliebtesten Berufsgruppen gehören. Hören Sie manchmal den Vorwurf, dass die VdF ohnehin nur Millionäre verteidigt?
Ich kenne die Umfrage nicht. Aber das ist wohl darauf zurückzuführen, dass Einzelne ein im Vergleich überdurchschnittlich hohes Gehalt haben. Ich würde fast sagen, das ist ein Ausdruck der Neidgesellschaft. Ich glaube nämlich, dass sich das Gesamtauftreten von Spitzenspielern sehen lassen kann. Nahezu alle sind sich ihrer Verantwortung und Stellung bewusst.
Das ist ja sogar kollektivvertraglich festgelegt: Ein Fußballer muss sich »seiner Vorbildfunktion für die Jugend bewusst« sein, heißt es da.
Das ist zwar vielleicht übertrieben, dass man das auch so dokumentiert. Aber wir merken im Umgang mit den Spielern, dass sie wissen, dass es ihnen gut geht.
Unter den Fußballern gibt es nicht nur Spitzenverdiener. Der Kollektivvertrag sieht ein Mindestgehalt von 1.100 Euro für Bundesliga-Profis vor. Wie viele Spieler haben denn keine darüber hinausgehenden Sondervereinbarungen?
Ich schätze, dass rund zehn Prozent der Spieler nach dem Kollektivvertrag entlohnt werden. Das sind junge Spieler, die in den Profibereich hineinschnuppern. Da darf man Rapid, Austria und Salzburg nicht als Standard nehmen, sondern eher Hartberg, Vienna, Blau-Weiß Linz und Horn.
Den Kollektivvertrag gibt es seit 2008, die VdF 20 Jahre länger. Warum hat das so lange gedauert?
Weil du für die Sozialpartnerschaft einen Partner benötigst. Wenn der Partner nicht will, tust du dir immer schwer. Ich habe das Gefühl, dass die VdF in den Fußball­instanzen immer noch als Eindringling behandelt wird. Von der Bundesliga unter Peter Westenthaler habe ich den Vorschlag bekommen, ich möge doch alle Problemfälle direkt an sie weiterleiten, sie werden das schon regeln. Ich habe dann vorgeschlagen, dass ich überhaupt gleich eine Rufumleitung mache und sie das Paradies schaffen können. Wenn der Dienstgeber nicht für Vorschläge offen ist, kannst du eine Partnerschaft vielleicht durch sehr lange Arbeit herbeiführen, erzwingen kannst du sie aber nicht.
Die VdF versteht sich nicht nur als Standesvertretung der Profis, sondern aller Fußballer. Wie viele Leute sind organisiert?
In der Bundesliga ist der Organisationsgrad sehr hoch, bei rund 80 Prozent, und da schauen wir auch darauf. Je mehr konstruktive Regelungen du schaffst, desto weniger Probleme wird es geben. Gerade in den letzten Jahren hat sich die wirtschaftliche Situation der Vereine durch die strenge Lizenzierung verbessert. Unsere Arbeit findet stärker außerhalb der Bundesliga statt. Das sind oft keine spektakulären Fälle, aber wir müssen die Vereine immer wieder auf den Boden der Realität zurückholen. Manche Vereinsvertreter glauben zum Beispiel, sie können Spieler bestrafen. Dann frage ich sie, ob sie glauben, dass sie die Polizei sind.
Die Spieler aus den unteren Ligen sind nicht vom Kollektivvertrag erfasst. Warum kommen die überhaupt zur VdF?
Im Wesentlichen gibt es zwei Motive: erstens, weil viele die Vorzüge einer Mitgliedschaft schon aus ihrer Bundesliga-Zeit kennen; und zweitens, weil die Situation für vereinbarte Verträge in den unteren Ligen sehr schlecht ist. Ich weiß zum Beispiel nicht, was Austria Klagenfurt aktuell vorhat. Ob sie jetzt Profifußball spielen und welche Ziele sie haben. Fakt ist, ein Kopiergerät haben sie nicht. Sonst würde ein Spieler nicht drei Monate warten müssen, dass er seinen Vertrag kopiert bekommt. Jetzt steht der Spieler da: Zahlungen sind überfällig, unterschrieben hat er schon, ausgehändigt wurde ihm aber nichts. Das sind Dinge, die sich ein Bundesliga-Klub nicht annähernd trauen würde.
Die Bundesliga-Klubs zahlen die Gehälter pünktlich?
Es kommt immer wieder vor, dass die Liquidität einmal nicht passt. Aber monatelange Rückstände gibt es in der Bundesliga nicht. Wenn ein Klub elementare Liquiditätsengpässe hat, sollte er sich eher mit dem Insolvenzrecht beschäftigen als mit dem Fußballfeld. In den unteren Ligen gibt es die Abenteurer, die sagen: »Ich habe das Geld nicht, ich verspreche es aber sicherheitshalber, und wir werden schon sehen, ob wir Sponsoren aufstellen.« Die spielen mit wirklichem Geld DKT, aber nicht mit dem eigenen. Wer verliert, scheidet aus. Das ist schlichtweg unverantwortlich, da gibt es null Planungssicherheit.


Zur Person
Rudolf Novotny (58) gehörte 1988 gemeinsam mit Spielern wie Herbert Prohaska und Heribert Weber zu den Gründungsmitgliedern der Vereinigung der Fußballer (VdF), deren erster Vorsitzender er wurde. Die in der Gewerkschaft für Kunst, Medien, Sport und freie Berufe angesiedelte VdF versteht sich als Interessenvertretung aller in Österreich tätigen Profi- und Amateurfußballer. Der ehemalige Vienna-Spieler Novotny war bis 1997 VdF-Vorsitzender, aktuell ist er Geschäftsführender Sekretär.

Referenzen:

Heft: 76
Rubrik: Interview, Spielfeld
ballesterer # 113

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