Lost Grounds: Inselkick - Malta

MALTA  Am 26. Jänner 2007 berichtete die »Times of Malta«, dass ein russischer Tourist sich am verwahrlosten Manoel Island Football Ground an die Querstange eines Tores gehängt hatte, worauf sie brach und ihm lebensgefährliche Kopfverletzungen zufügte. Seither ist der Sandplatz auf der Insel Manoel für die Öffentlichkeit gesperrt. Der ballestererfm, drang trotzdem noch einmal in das Stadion vor, das für eine Saison den Mittelpunkt der maltesischen Fußballwelt gebildet hatte.
Matthias Marschik | 09.05.2008
Der EU-Beitritt löste auf Malta einen gewaltigen Bauboom aus. Die größten Hotel- und Bürotürme werden am Tigne Point von Sliema und auf der der Stadt vorgelagerten Manoel Island errichtet. Der Kunstrasen-Trainingsplatz der Sliema Wanderers in Tigne wurde bereits abgetragen, der kleine Nicholl-Ground gleich nach der Brücke auf Manoel Island wird noch für Jugendspiele genutzt. Dahinter versperrt ein Schranken das Weiterkommen zum großen Sandplatz der Insel: »Site Under Construction«, »No Trespassing«. Der Portier ist freundlich, aber bestimmt: Auch für einen »football researcher from Austria« gibt es kein Durchkommen.
Nächster Tag, anderer Schrankenwächter. Ich versuche es als Tourist: »Wonderful view on Valletta«. Es gelingt aber zum »pitch« dürfe ich keinesfalls. Der »view« ist tatsächlich Atem beraubend, mein Blick geht freilich stets seitlich Richtung Stadion. Sandsteinwände und rostige Tore versperren mir die Sicht. Im letzten Moment kommt mir ein Betonmischwagen zu Hilfe. Das Ungetüm als Sichtschutz gegen den Portier verwendend, laufe ich auf das Feld, das freilich nur mehr für den Eingeweihten als solches zu erkennen ist. Die Torpfosten sind entfernt worden, es gibt keine Kabinen, keine Kassenhäuschen mehr, keine Markierungen.   

 

Staub, wohin man schaut

 

Geblieben sind lediglich Sand und Staub, dazu einige Reste der Stehplatzränge und die steilen, engen Aufgänge zur gegenüber liegenden Haupttribüne. Man kann sich kaum vorstellen, welches lebensgefährliche Gedränge hier geherrscht haben muss, als in der Saison 1965/66 alle bedeutenden Begegnungen Maltas hier vor oft weit mehr als 10.000 Zuschauern ausgetragen wurden.
Fußball wurde auf Manoel Island ab dem Jahr 1903 gespielt. Allerdings war die kleine Insel militärischer Sperrbezirk, den nur Angehörige der britischen Marine betreten durften. Fußballspiele waren auf englische Schiffsauswahlen beschränkt. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Manoel zum Marinelazarett und zur Quarantänestation umgestaltet. Zivile Spiele fanden erst ab 1960 statt, als die Malta Football Association (MFA) den Sandplatz von der Royal Fleet übernahm und in der Folge sukzessive für einige tausend Besucher ausbaute.
Das berühmte Gzira-Stadion, in dem seit den 1930er Jahren alle wichtigen nationalen wie internationalen Spiele Maltas stattgefunden hatten, war Eigentum des Barons Testaferrata, der für sein Stadion nicht nur die pro Spiel zu bezahlende Miete, sondern auch die Eintrittspreise und sogar die Beginnzeiten vorschrieb. Das wollten sich weder die MFA noch die Klubs länger vorschreiben lassen. Sie beschlossen daher im Sommer 1965 nach einem Streit mit der Verwaltung von Gzira einfach in ihr eigenes Stadion auf Manoel zu übersiedeln. Keine gute Entscheidung.

 

Von prekären Europacupehren

 

Neu eröffnet wurde der Platz im September mit dem Cupsieger-Spiel von Floriana gegen Borussia Dortmund (1:5). Man war überaus stolz, dass erstmals in der bis dahin 75-jährigen Geschichte des maltesischen Fußballs ein großes Spiel auf einem Feld ausgetragen wurde, der den Vereinen selbst gehörte.
Doch es zeigte sich sofort, wie wenig das Stadion seinen Aufgaben gewachsen war. Die Zuschauer stauten sich stundenlang auf der engen Inselbrücke, es gab kaum Sitzplätze, keine gedeckte Tribüne, viel zu wenig Stehplätze, keine Kantine, kaum Toiletten und nur behelfsmäßige Kabinen. Das Spielfeld wies ein recht deutliches Gefälle zwischen den Toren auf, und der kräftige Wind wirbelte ständig Staubfontänen hoch, sodass Spieler wie Besucher kaum etwas sahen. Die seltenen Regenfälle verwandelten das Spielfeld wiederum in eine Morastlandschaft.
Zudem besaß der Platz keinerlei Absperrungen, was das Publikum dazu animierte, ständig auf das Feld zu laufen, um wahlweise die eigenen oder gegnerischen Spieler oder den Schiedsrichter zu attackieren. Drei Erstligamatches konnten in der Saison 1965/66 überhaupt nicht zu Ende gespielt werden. Dennoch hielt man ein Jahr am Manoel Ground fest, trug dort die kompletten Meisterschaften der ersten und zweiten Liga und alle Cupspiele aus. Den größten Erfolg errangen die Sliema Wanderers mit einem 1:0 im Meistercup gegen Panathinaikos, allerdings nach einer 1:4-Auswärtsniederlage. Auch das einzige Heimländerspiel dieses Jahres gegen Libyen wurde mit 1:0 gewonnen.

 

Rückzug

 

Am Ende der Saison sah die MFA das Projekt Manoel als gescheitert an, die Klubs kehrten reumütig ins Gzira-Stadion zurück. Maltas Fußball-Chronist Carmel Baldacchino meint, dieses eine Jahr hätte den Inselfußball in eine tiefe Depression gestürzt: Erinnerungen an diese Saison seien nach wie vor allgegenwärtig, doch riefen sie alles andere denn Nostalgie hervor. Dennoch wurde der Platz auf Manoel noch bis 1982 für Spiele der zweiten und dritten Liga genutzt. Das letzte bedeutende Match war das Cupfinale der III. Klasse zwischen den Pieta Hotspurs und den Tarxien Rainbows (2:1) im Mai 1982. Bis 1984/85 gab es noch Reserve- und Nachwuchsspiele, dann wurde der Platz aufgelassen.  
Der Betonmischer, in dessen Blickschatten ich mich auf den bis heute in Malta berüchtigten Manoel Island Football Ground geschwindelt habe, ist längst im Gewirr der Baustelle verschwunden. Wie also soll ich den Platz unentdeckt verlassen? Ich entschließe mich zur Offensive, spaziere hinaus Richtung Schranken. Und der Portier? Er winkt mir freundlich zu, fragt, ob ich alles gesehen und fotografiert hätte und meint, ich solle am Wochenende wieder kommen. Wenn die »Chefs« nicht da seien, da könne ich stundenlang umher spazieren. Objektschutz auf Maltesisch. 

Referenzen:

Heft: 28
Rubrik: Serien
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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