Medizin mit Nebenwirkungen

cache/images/article_1970_erbil04_web_zugeschn_140.jpg Wie Krieg, Verfolgung der eigenen Bevölkerung und anschließende Besatzung gehörte der Fußball in den vergangenen Jahrzehnten zum Alltag des Irak. In der nach Autonomie strebenden Region Kurdistan feiern Teams wie der Arbil SC Erfolge, die Schlagzeilen bestimmen jedoch europäische Vereine.
Mario Auer | 12.11.2012
»Schau, der Typ da vorne, das ist doch dieser Schauspieler.« Mein Gastgeber deutet auf die Reihen roter Plastiksitze vor uns, auf denen sich die lokale Prominenz breitgemacht hat. Ich erkenne Hiresh Feysal Rahman nicht, ich kenne auch den Film »Schildkröten können fliegen« nicht, in dem er mit dem Mund Minenfelder räumt. Als die Mannschaften einlaufen, brandet Jubel auf. Gelb-schwarze und rot-weiß-grüne Fahnen und Fähnchen werden geschwenkt, Handtrommeln heizen die Stimmung an. Gegenüber spucken die Eingänge noch immer Zuschauer ins Rund, die es in die Mitte der Ränge zieht, dorthin, wo die Sicht am besten ist. Etwas seitlich auf der Haupttribüne erhebt sich nun auch Rahman, aber er klatscht nicht. Er hat keine Arme.

Spielball der Politik

An diesem 18. September spielt der Fußball die Hauptrolle. Er ist Teil des Alltags im Irak, aber auch hier sind historische und politische Konflikte allgegenwärtig. Über der Gegengerade thront eine meterhohe Statue mit erhobener Hand: Sie stellt den kurdischen Politiker Franso Hariri dar. Das Stadion in Arbil ist nach ihm benannt, seit die Gruppe Ansar al-Islam ihn 2001 bei einem Terroranschlag getötet hat. Zu einer Zeit, als nach dem Zweiten Golfkrieg Anfang der 90er Jahre und dem Ende des gewaltsamen innerkurdischen Konflikts 1996 eine relative Sicherheit in der autonomen Region Kurdistan im Nordosten des Irak eingekehrt war. Am 20. März 2003 begann auf Betreiben der USA und Großbritanniens der Irakkrieg mit dem anschließenden Sturz von Langzeitdiktator Saddam Hussein. Die irakische Verfassung von 2005 gab Kurdistan weitreichende Autonomierechte, die Teilhabe an den Erdöleinnahmen führte schließlich zum derzeitigen wirtschaftlichen Aufschwung.

Nicht nur im Stadionnamen von Arbil sind Fußball und Politik im Irak eng verzahnt: 1986 setzte die Nationalmannschaft inmitten des Ersten Golfkriegs zwischen Saddam Husseins Irak und der Islamischen Republik Iran mit der Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Mexiko ein Ausrufezeichen. Der Erfolg des irakischen Fußballs war ein Schlag ins Gesicht des Iran, den die FIFA nach seiner Weigerung, auf neutralem Boden zu spielen, von der Qualifikation ausgeschlossen hatte.

Stadionbauboom
Ein Funktionär in feinem Anzug hebt seinen Sohn auf den Arm, beäugt von Leibwächtern, die den dahinter sitzenden Journalisten die Sicht verstellen. Der Arbil Sport Club will im Hinspiel gegen die malaysische Kelantan Football Association den Grundstein für die Egalisierung des Vorjahreserfolgs legen: das Erreichen des Halbfinales im Cup des asiatischen Fußballverbands. Der AFC-Pokal ist der zweithöchste Bewerb auf Klubebene in Asien. Der höchste, die Champions League, ist den irakischen Vereinen seit 2009 nicht mehr zugänglich, weil die AFC die Rangliste der nationalen Verbände und Ligen nicht mehr allein nach sportlichen Kriterien erstellt: Das Regelwerk zieht dafür einen Schlüssel aus In­frastruktur, Zuschauerinteresse, Vermarktungsmöglichkeiten sowie kommerzieller und medialer Verwertbarkeit heran.

Seit der kriegsbedingten Rumpfsaison 2003/04 dominieren die kurdischen Spitzenvereine die Iraqi Premier League, ihren sportlichen Aufschwung verdanken sie wesentlich der stabilen Sicherheitslage. Das zieht auch Spieler aus dem krisen- und terrorgeschüttelten arabischen Teil des Irak an. Der Meister von 2010, der in der drittgrößten Stadt der Region beheimatete Dohuk SC, modernisiert sein Stadion gerade umfassend. In der Hauptstadt Arbil wachsen Hochhäuser und Einkaufszentren aus dem Boden, im Juni wurden Pläne für einen gigantischen Sportkomplex veröffentlicht, der innerhalb von zwei Jahren den Bau von vier Stadien mit insgesamt 250.000 Plätzen vorsieht. Zumindest infrastrukturell kann auch der arabische Teil des Irak mithalten: In den Großstädten Bagdad, Basra und Nadschaf werden gerade Stadien für bis zu 65.000 Zuschauer hochgezogen. Sie sollen dem Irak den sportlichen Anschluss an die großen AFC-Länder ermöglichen.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 77, Dezember  2012) Seit 13.11. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Spielfeld
Thema: Irak
ballesterer # 114

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 15.09.2016.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png