Mehr Fragen als Antworten

cache/images/article_2271_uli_140.jpg Die angesetzten vier Tage reichten dem Landgericht München für ein Urteil im Fall Ulrich Hoeneß. Spiegel-Reporter Rafael Buschmann spricht im Interview über die möglichen Konsequenzen des kurzen Prozesses.
Edgar Lopez | 10.04.2014
Geschätzte 30 Millionen Euro an Steuern hat Uli Hoeneß bei jahrelangen Devisengeschäften hinterzogen. Dafür wurde er Mitte März zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren rechtskräftig verurteilt und trat daraufhin von seinem Amt als FC-Bayern-Präsident zurück. Das Startkapital soll Hoeneß vom früheren Adidas-Chef Robert Louis Dreyfus erhalten und erfolgreich vermehrt haben: Auf dem Konto des Schweizer Geldinstituts Vontobel sollen sich zwischenzeitlich bis zu 155 Millionen Euro befunden haben. Viele Zahlen, viele offene Fragen, wie Prozessbeobachter Rafael Buschmann sagt.

ballesterer: Welche Auswirkungen hat das Urteil auf den deutschen Fußball?
Rafael Buschmann: Beim Prozess ist es ausschließlich um die Privatperson Ulrich Hoeneß gegangen. Weder die Staatsanwaltschaft noch die Ermittler oder der Richter haben Hinweise auf eine Verbindung zum Fußball gegeben. Unabhängig von der juristischen Ebene wird Hoeneß dem deutschen Fußball fehlen. Mit seinem Populismus und seiner Streitlust hat er die Bundesliga geprägt.
Der Prozess ist ziemlich schnell abgewickelt worden. Welche Fragen sind offen geblieben? Rechnen Sie mit weiteren Enthüllungen?
Der Prozess hat mehr Fragen als Antworten geliefert. Wer hat Hoeneß an das hochkomplexe Devisengeschäft herangeführt? Wieso hat das Gericht die Bankunterlagen erst so spät erhalten? Es gibt einen anonymen Informanten, der Einblicke in das Konto und Kontakt zu den Behörden aufgenommen hatte. Warum hat die Staatsanwaltschaft dennoch keine Ermittlungen eingeleitet? Ob all diese Fragen je geklärt werden, kann ich nicht beantworten. Hoeneß und das Gericht haben sich sehr bemüht, den Fall schnell abzuschließen. Juristisch ist der Deckel drauf, journalistisch sollte es allerdings noch einige Folgerecherchen geben.
Wird aus dem Fall Ulrich Hoeneß eventuell doch noch ein Fall Bayern München?
Das ist vollkommen spekulativ. Die Motivation für die Überweisung von Dreyfus in Höhe von 20 Millionen Mark an Hoeneß wird niemals aufgeklärt werden, Dreyfus ist bereits gestorben. Eine Verstrickung des Adidas-Geschäfts mit einer privaten Zahlung an Hoeneß ist zwar Stoff für Verschwörungstheorien, aber völlig unbewiesen.
Muss der Fußball Konsequenzen ziehen und seine eigenen Richtlinien überdenken?
Schwierig. Bei Privatpersonen oder -firmen sind die Verbände machtlos. Am Fall Neymar sieht man, wie Versteuerungsmodelle ausgenutzt werden können. Diese Bereiche kann der Fußball nicht kontrollieren. Was den Verbänden fehlt, sind verbindliche Compliance-Richtlinien. Weder der DFB noch die DFL, UEFA oder FIFA haben bisher konsequent solche ethischen Selbstverpflichtungen formuliert. Damit wäre zumindest eine grobe Regulierung gegeben, an der sich jeder Beteiligte orientieren könnte.

Referenzen:

Heft: 91
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 112

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