»Meine Spieler haben maximale Freiheit«

cache/images/article_1698_65spiel_fr_140.jpg Mit taktischer Finesse hat Ney Franco Brasilien bei der U20-WM in Kolumbien zum Titel geführt. Mit dem ballesterer sprach der Teamchef darüber, wie seine Spieler Chaos stiften, warum sich sein Verbandsjob ideal mit seiner Vaterrolle verbinden lässt und weshalb er sich gesetzlichen Schutz für seine Kollegen wünscht.
Robert Florencio | 09.09.2011
Das Interview mit dem Teamchef bietet unerwartete Einblicke. Denn der erste Stock des brasilianischen Mannschaftshotels in der Provinzhauptstadt Pereira ist für Pressevertreter ansonsten eine verbotene Zone. Die Szenerie wirkt ein bisschen surreal. Der eben eingeflogene A-Nationaltrainer Mano Menezes spaziert vorbei und grüßt mit Handzeichen, hinter der Glastür machen die Stars Coutinho und Casemiro Dehnübungen. An einem Tisch hinter dem Swimmingpool streckt mir Ney Franco freundlich die Hand entgegen, von seinem Polo blitzen die fünf Sterne des brasilianischen Verbands CBF. Angesichts des Viertelfinales gegen Spanien am nächsten Tag ist das Gespräch auf 15 Minuten anberaumt, doch der Teamchef nimmt sich doppelt so lange Zeit.

ballesterer: Sie gehören zu jenen Trainern, die als Spieler nie Profi waren. Wie steht man in Brasilien zu diesem Thema?  
Ney Franco: Die beiden Ansätze sind gleichberechtigt: Auf der einen Seite die Schule der Ex-Kicker um Mario Zagallo und Zico, auf der anderen die akademisch Ausgebildeten wie Carlos Alberto Parreira,­ Paulo Autuori (Ex-Teamchef von Peru, Anm.) und ich. Ich sehe keine der beiden Schulen im Vorteil, der Erfolg eines Trainers hängt sehr stark von der Persönlichkeit ab. Aber es gibt genug Fälle von bekannten Ex-Spielern, denen die Visionen fehlen, wie man ein taktisches System mit den individuellen Qualitäten der Spieler am besten kombiniert.


Wie hat Ihre Trainerkarriere begonnen?
Mein erstes Engagement als Chefcoach war 2005 bei Ipatinga. Dort habe ich es als erster Trainer seit 40 Jahren geschafft, mit einem Provinzklub die Bundesländermeisterschaft von Minas Gerais zu gewinnen. Im Jahr darauf sind wir bis ins Semifinale des brasilianischen Cups gekommen und erst an Flamengo gescheitert. Die Verantwortlichen von Flamengo waren so beeindruckt, dass sie mich vom Fleck weg als Coach für das Finale gegen Vasco da Gama engagiert haben. Ich habe dafür die taktische Ausrichtung des Teams komplett umgekrempelt, und wir haben den Cup geholt. Das war der bis dato schönste Erfolg meiner Karriere.


Wo haben Sie Ihren bittersten Moment erlebt?

Bei Coritiba. Der Klub war ausgerechnet zu seinem hundertjährigen Bestehen in schweren Nöten und hat mich zur Halbzeit der Meisterschaft geholt, um den Abstieg zu verhindern. Im letzten Spiel hätten wir einen Sieg gegen Fluminense gebraucht, aber nur unentschieden gespielt. Danach hat eine Hetzjagd der enttäuschten Fans auf alles begonnen, was sie für den Abstieg verantwortlich gemacht haben. Zum Glück war ich aber nicht das Ziel, und so sind wir in der folgenden Saison wieder aufgestiegen. Seither ist der Verein wieder erstklassig.

 

Warum sind Sie trotz großer Erfolge kaum länger als ein Jahr bei einem Klub geblieben?
In Brasilien gibt es die schlechte Tradition, dass Erfolge sehr schnell vergessen werden. Man ist ständig gefordert, Spitzenleistungen zu erbringen, sonst zählen sie dich sehr schnell an. Im Fernsehen laufen zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Fußballdebatten, in denen alles genau seziert wird. Dadurch entsteht ein riesiger Druck auf die Akteure. Ich glaube, das Einzige, was uns Trainern helfen könnte, wäre ein Bundesgesetz zum Schutz vor vorzeitiger Entlassung. (schmunzelt)

Wie ist es zu Ihrem Engagement bei der U20-Auswahl gekommen?

Unser A-Teamchef Mano Menezes ist sehr darauf bedacht, junge Spieler zu fördern. Von den letzten Generationen haben es nur wenige bis in die A-Kader der Vereine und des Teams geschafft. Er hat die Nachwuchsprogramme deshalb neu organisiert und mit Verbandspräsident Ricardo Teixeira vereinbart, erstmals einen Trainer mit Profierfahrung für die U20 zu bestellen. Dass sie dabei auf mich gekommen sind, ist eine große Ehre. Mit der WM-Qualifikation ohne Niederlage und dem Turnierverlauf hier in Kolumbien habe ich ihre Erwartungen wohl erfüllt.

 

Wie würden Sie Ihre Philosophie beschreiben?

Ich will an der offensiven Grundphilosophie anknüpfen, die unser Team bei der WM 1982 gezeigt hat. Leider ist das brasilianische Spiel in der Folge immer mechanischer geworden. Das gilt es zu korrigieren. Ich lege sehr viel Wert auf ein gut strukturiertes Offensivspiel und gebe den Spielern innerhalb dieses Systems die maximale Freiheit, was sich auch auf meinen zwischenmenschlichen Umgang mit ihnen auswirkt. Kreative Entfaltung ist ein entscheidender Faktor. Um eine erfolgreiche Mannschaft aufzubauen, müssen die Spieler im Laufe eines Matches bis zu drei verschiedene Positionen einnehmen können. So wechselt mein Sechser, wenn es die Situation erfordert, eigenständig auf die Position des Außenverteidigers oder rückt ins offensive Mittelfeld vor. Diese Variabilität ist sehr wichtig, weil sie meine Mannschaften unberechenbar macht und beim Gegner für Chaos sorgt. Ich sehe darin auch einen Unterschied zur spanischen Fußballschule. Beide Ansätze forcieren ein technisch hochstehendes Spiel, vom Aufbau her ist das spanische System aber schematischer.

 

Würden Sie bei einem Angebot eines Großklubs aus ihrem Vertrag aussteigen?

Ich habe bis 2016 die Gesamtverantwortung als Nachwuchskoordinator, in enger Abstimmung mit Mano Menezes, der auch Teamchef bei den Olympischen Spielen in London sein wird. Selbst bei einem großzügigen Angebot würde ich nicht aus meinem Vertrag beim CBF aussteigen. Natürlich gäbe es bei einigen Klubs mehr zu verdienen, aber mein Gehalt ist für brasilianische Verhältnisse ausgezeichnet. Und der entscheidende Vorteil ist die Lebensqualität: Beim Verband kann ich relativ unbehelligt vom medialen Druck meiner Arbeit nachgehen. Ich habe zwei Kinder und möchte nicht, dass sie von ihren Mitschülern gehänselt werden, wenn der Papa zwei oder drei Spiele verliert und von den Medien zerrissen wird.


In Europa herrscht weiterhin die Meinung vor, die brasilianischen Spieler würden alle aus Armenvierteln kommen und das Spiel am Strand oder auf der Straße lernen. Stimmt das so noch?

Brasilien ist großen Veränderungen unterworfen. Die Mittelschicht ist im vergangenen Jahrzehnt stark gewachsen, das wirkt sich auch auf den Fußball aus. Immer mehr Talente kommen aus Familien, in denen die Eltern sehr bemüht sind, sie zu Sichtungstraining der Klubs zu bringen. Meine Spieler stammen aber tatsächlich mehrheitlich aus eher bescheidenen Verhältnissen. Bis zum Alter von elf oder zwölf Jahren haben sie noch nicht im Verein gespielt, sondern am Strand, auf Spielplätzen und Straßen und vor allem in Futsal-Hallen. Für die Zeit danach bieten ihnen aber vor allem die Großklubs Strukturen, ohne die unsere Erfolge nicht möglich wären.


Wie haben Sie jetzt die österreichische Mannschaft bei diesem Turnier gesehen? War sie der leichteste Gruppengegner?
Nein, Panama war schwächer. Das Hauptproblem, das ich bei Österreich ausgemacht habe, war die fehlende Offensivkraft. ­Andreas Weimann ist ein talentierter Stürmer. Aber was kann er bewegen, wenn von hinten nichts nachkommt? Diese WM hat gezeigt, wie wichtig die Stoßkraft eines offensiven Außenverteidigers oder eines zentralen Mittelfeldspielers sein kann. Solche Spieler haben Österreich gefehlt. Die gute Nachricht lautet: Das ist alles trainierbar.

Zur Person:
Ney Franco (45) ist Absolvent der staatlichen Sportuniversität von Vicosa. Nachdem er sich als Konditionstrainer bei den Jugendteams von Atletico Mineiro und Cruzeiro Belo Horizonte erste Sporen verdient hatte, stieg er mit dem Provinzklub Ipatinga ins Profigeschäft ein. Weitere Stationen führten den begeisterten Hobbymusiker zu den Traditionsvereinen Flamengo, Atletico Paranaense, Botafogo und Coritiba. Im September 2010 wurde Franco zum Trainer der U20-Auswahl Brasiliens bestellt, mit der er im August dieses Jahres den Titel bei der WM-Endrunde in Kolumbien holte.

Referenzen:

Heft: 65
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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