Menschen der Kurve

cache/images/article_1973_ultras-catania-1_140.jpg Marode Stadien, Spielmanipulationen und jahrzehntelange gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Staatsmacht und Fans, an deren Ende die Ultras aus vielen Kurven verschwunden sind: In Italien lässt sich der »moderne Fußball« in ­seinem Verfallsstadium beobachten. Das will die Doku »Verrückt nach Fußball« zeigen, die ab Mitte November im deutschen Fernsehen zu sehen ist.
Kai Tippmann | 12.11.2012

Auf einer Reise von Catania über Ancona bis Turin fingen Marc Mauricius Quambusch und sein Filmteam Impressionen aus den italienischen Kurven ein. Sie sprachen mit Ultras, Anwälten und Fanaktivisten und erhielten Einblicke in alte und neue Auseinandersetzungen zwischen Fans, Polizei und Funktionären. Für Filmemacher Quambusch ist die Doku auch eine Mahnung, in Deutschland auf keinen Fall den italienischen Weg einzuschlagen: »In Italien sieht man, was herauskommt, wenn man allein auf Repression setzt. Das vertreibt auch die ganz normalen Zuschauer aus dem Stadion und ruiniert letztlich den Fußball.« Aber selbst wenn die Fans in Catania, Mailand und Rom nicht mehr jede Woche ins Stadion gehen wollen oder dürfen: In den Ruinen des italienischen Fußballs ist noch viel Leben. Das weiß auch Kai Tippmann. Der Blogger, Übersetzer und ballesterer-­Autor lebt seit zwölf Jahren in Italien. Dem Filmteam um Quambusch stand er als Reiseführer zur Verfügung, seine Eindrücke veröffentlicht er hier.

Fehler und Ideale der Fans
»Ich habe eher Hooligans erwartet, die uns böse anschauen. Ehrlich gesagt habe ich auch ein bisschen Angst gehabt, aber wir haben nur nette, intelligente Leute kennengelernt, mit denen wir uns gut unterhalten konnten.« So fasst die Aufnahmeleiterin, die Fankurven bisher nur aus dem Fernsehen kannte, ihre Erfahrungen nach dem Dreh zusammen. Wenn die Doku ähnliche Reaktionen bei mäßig Fußballinteressierten hervorruft, in deren Vorstellung die Kurven mehrheitlich von »Chaoten«, »Kriminellen« und »blinder Gewalt« geprägt sind, ist schon viel erreicht.

 

Denn bei allen Problemen der italienischen Kurven, der Ultras und ihrer eigenen Logik: Die Stadien werden von Menschen besucht. Menschen, die vielleicht nicht immer alles richtig machen, mit denen man aber reden kann: über ihre Motive und Ängste, ihre Fehler und Ideale, ihren Stolz und ihre Leidenschaft. Man kann mit ihnen feiern, essen, trinken und singen. Und wenn man ihnen ohne Vorurteile gegenübertritt, öffnen sie sich sogar für einen ganzen Trupp von Medienmenschen mit ihren Fernsehkameras und zeigen das, was in der Diskussion über Fans so oft ausgelassen wird.

Sizilianische Gastfreundschaft
Unsere Reise begann in Catania, dem Ort, der für den jüngsten Wandel im italienischen Fußball steht. Hier starb im Februar 2007 der Polizist Filippo Raciti bei Ausschreitungen rund um das sizilianische Derby gegen Palermo. Racitis Tod löste Empörung, Sondergesetze und immer noch anhaltende Diskussionen aus. Begeistert von unserem Projekt, hatte uns ein hochrangiger Ultra aus Catania für das Wochenende eingeladen. Der erste Abend bei Bier und Cola reichte, um das Eis zu brechen. Aus Zeitmangel haben wir es nicht geschafft, alle Gruppen in Catania zu besuchen, aber wir haben am Treffpunkt der »Irriducibili« gedreht, während sie sich warmgesungen haben, und wurden dann stilecht mit den Scootern zum Stadion mitgenommen.

 

Wir wurden von den »Skizzati« in den Stadtteil Passarello eingeladen, wo wir sie beim Fahnenschwenken und Abbrennen von Bengalen vor ihrem Wandbild filmen durften. Die »Skizzati« sind die Gruppe, der auch Antonio Speziale angehörte. Der zum Tatzeitpunkt 17-Jährige wurde ohne einen einzigen Beweis für den Tod Racitis verantwortlich gemacht und 2010 zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Erst seine Berufungsverhandlung im Dezember wird vielleicht Klarheit über die Geschehnisse liefern. Speziale hat sich von uns filmen lassen, während sein Anwalt uns die Prozesse der beiden ersten Instanzen erläuterte. Mir ist es auch ein persönliches Bedürfnis, diesem Justizskandal zu Öffentlichkeit außerhalb Italiens zu verhelfen. Noch mehr hat mich aber die Tatsache bewegt, dass auch die Ultras aus Catania trotz der dort besonders starken Repression den Mut aufbrachten, mit uns vor laufender Kamera zu reden. Mehrere hundert Ultras sitzen in Catania noch ihre Stadionverbote aus dem Jahr 2007 ab, wir durften sie dabei filmen, wie sie viermal pro Spiel bei der örtlichen Polizeiwache unterschreiben mussten und das Match nur im Autoradio verfolgen konnten. Dabei wurden wir aus dem Fenster der Polizeiwache selbst gefilmt. Für unser Team wird das folgenlos bleiben, den beteiligten Ultras ist jedoch bewusst, dass sie wegen der Zusammenarbeit weitere Schikanen erwarten könnten.

Mailänder Geheimnisse
Für mich als Milanista war besonders bewegend, wenn auch durchaus zwiespältig, von Inter-Fans der Curva Nord in ihren geheimen Versammlungsort eingeladen zu werden. Danach haben wir sie in eine Lagerhalle begleitet, wo sie die Choreografie für das Derby vorbereiteten. Auch hier dasselbe Gefühl: Die Choreo unterliegt strengster Geheimhaltung, und gerade ich als Milan-Fan durfte mit dem Kamerateam dabei sein. Wir haben den Interisti beim Entladen der Lieferwagen geholfen, sie beim Malen gefilmt und interviewt. Auch in Mailand wurden wir wie Gäste behandelt: Panini, Pasta, Zigaretten und Bier wurden genauso selbstverständlich geteilt wie an allen anderen Stationen von Ancona bis Turin, von der Kleinstadt Varese bis zur Hauptstadt Rom.

 

Überhaupt, Rom. Dort sprachen wir mit dem Fananwalt Lorenzo Contucci und Riccardo Bertolin von »myRoma«, Highlight war aber das Treffen mit Cristiano und Giorgio Sandri, Bruder und Vater von Gabriele, dem im November 2007 auf einem Autobahnrastplatz von einem Polizisten erschossenen Lazio-Fan. Das letztinstanzliche Urteil aus dem Jahr 2012 lautet auf Totschlag, der verantwortliche Schütze sitzt hinter Gittern, die von der Familie geforderte Gerechtigkeit ist erreicht und wir konnten uns über die sozialen Projekte der »Fondazione Sandri« unterhalten. Als wir im »Parco Gabriele Sandri« drehten, liefen während des Interviews Kinder aus der benachbarten Volksschule, die auch Gabriele besucht hatte, und begannen im Hintergrund Fußball zu spielen. Für eine Sekunde hielt der medienerfahrene Giorgio Sandri inne. Diese Sekunde reichte mir, um mir die vielen Stunden Freizeit zurückzuzahlen, die ich in meinen Blog altravita.com investiert habe, dessen Geburtsstunde der ­Todestag Gabriele Sandris war.

Die Zukunft des Fußballs
Bei unserer Reise durch schöne und weniger schöne Städte haben wir zahlreiche Kurven und Gruppen kennengelernt und ihre Gastfreundschaft genossen. Wir haben aber auch die unerfreulichen Seiten des »modernen Fußballs« besser kennengelernt. Im neuen Juventus-Stadion bekommt man einen Eindruck davon, in welche Richtung es in den nächsten Jahren gehen könnte: Vor dem Anpfiff erklärte der Stadionsprecher den Fans, was sie zum Auflaufen der Mannschaften tun, wann sie aufstehen und wann sie was singen sollten als besondere Serviceleistung erschien der Text auch gleich auf der Anzeigetafel. Im Mailänder San Siro konnte ich mich nur um ein Haar der Festnahme entziehen, als ich mit den »Non Tesserati« der Fiorentina vor dem Auswärtsblock stand. Unser Vergehen bestand darin, gesungen zu haben. Wir sind mit den »Ultimi Rimasti Lebowski« abgestürzt, die aus Ablehnung des Fußballgeschäfts ihren eigenen Verein in der untersten Spielklasse gegründet haben, und wir haben mit Vertretern von »Sosteniamolancona« gesprochen, die für mehr Mitgliederbeteiligung beim mehrmals pleitegegangen US Ancona kämpfen. 


TV-Tipp
ZDFinfo zeigt »Verrückt nach Fußball. Eine Reise durch die Fankurven Italiens« am 19. November um 18.30 Uhr erstmals im deutschsprachigen Fernsehen. Zudem ist der Film in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 96

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