Migration in Favoriten

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Die Stimmung war schon einmal besser im Franz-Horr-Stadion. Das liegt an den tiefen Rissen innerhalb der Fanszene der Austria. Viele haben der Fantribüne den Rücken gekehrt.

Moritz Ablinger | 12.10.2014

Es ist der größte Stehplatzbereich im österreichischen Fußball. Auf zwei Rängen bietet die Osttribüne im Franz-Horr-Stadion 4.200 Fans Platz. Allerdings sind nicht alle Austria-Anhänger glücklich mit dem Zustand ihrer Fantribüne. "Es ist für die Leute nicht mehr attraktiv, auf die Ost zu gehen", sagt Herbert (Name von der Redaktion geändert, Anm.). Fast sein ganzes Fanleben stand er in der Kurve der Austria, doch vor einigen Jahren zogen er und sein Fanklub auf die Nordtribüne um. Andere sollten folgen, ein regelrechter Exodus setzte ein. Mit "Fedayn", "Inferno Wien", "Maniacs", "Sanguiniker", "Schwechat" , "Soccerholics" und anderen tummeln sich auf der eigentlichen Familientribüne mittlerweile mehr altgediente und lautstarke Fanklubs als in den Fankurven so manch anderer Vereine. "Die organisierten Fans auf der Ost sind weniger geworden", sagt Michael, der mit seinem Fanklub weiter dort steht. "Die Auslastung der Tribüne ist dramatisch zurückgegangen." Tatsächlich ist der Unterrang chronisch halbleer, wirklich gut gefüllt ist die Osttribüne nur bei Derbys gegen Rapid.

Umkämpfte Tribüne
Doch es geht nicht nur um die Zuschauerzahlen. "Die Stimmung ist sicher schlechter geworden", sagt Chris, der mit seinem Fanklub mittlerweile auch auf der Nord beheimatet ist. "Die Leute, die abgezogen sind, fehlen einfach beim Support." Tiefpunkt war die Meisterschaftspartie gegen Red Bull Salzburg in der Meistersaison 2012/13. Neun Runden vor Schluss empfing die Austria als Tabellenführer den Verfolger aus Salzburg. Zwar war das Stadion fast ausverkauft, doch auf den Rängen kam keine Stimmung auf, die organisierte Fanszene verweigerte den Support.

Der Grund für den Boykott waren in der Winterpause ausgesprochene Hausverbote und der Ausschluss der Fangruppe "Unsterblich Wien". Einige Fanklubs auf der Osttribüne wollten sich der Protestaktion allerdings nicht anschließen und hängten ihre Banner trotzdem auf. Es kam zu körperlichen Übergriffen, als Personen aus dem "Unsterblich"-Umfeld versuchten, die Zaunfahnen gewaltsam zu entfernen. Heute will niemand so recht über die Geschehnisse von damals reden, auch "Unsterblich" selbst ist ein rotes Tuch. Das Thema werde medial aufgebauscht, Nazis gebe es überall.

Am Ende der betreffenden Saison stand die Austria als souveräner Meister fest, im darauffolgenden Herbst spielte sie in der Champions League. "Das sind eigentlich die Phasen, in denen die Fankurve massiven Zulauf erhalten sollte", sagt Herbert. "Stattdessen hat man sich in einer Auseinandersetzung mit dem Verein aufgerieben."

Unsterbliche Brückenbauer?
Die Gründe für diese Auseinandersetzung sind vielfältig und teilweise miteinander verwoben. Fest steht, dass "Unsterblich Wien" einen massiven Anteil daran hat. Zuletzt wurde der Fanklub durch einen Prozess am Wiener Landesgericht einer weit über Fußballkreise hinausreichenden Öffentlichkeit bekannt. Im Umkreis von "Unsterblich" bewegen sich zahlreiche Rechtsradikale, derzeit sind sieben von ihnen angeklagt, im Vorfeld des Derbys am 27. Oktober 2013 das linke Kulturzentrum Ernst-Kirchweger-Haus in Wien-Favoriten angegriffen zu haben.

In der Austria-Fanszene ist "Unsterblich" aber auch als schlagkräftige Hooligan-Abordnung bekannt und wird als solche von einigen Fanklubs noch immer respektiert. Auch die "Viola Fanatics", die tonangebende Ultragruppe auf der Osttribüne, pflegten lange einen guten Kontakt. Darunter leidet heute nicht nur die Glaubwürdigkeit der "Fanatics", sondern die gesamte Osttribüne. "Jahrelang waren die ,Fanatics' die Handlanger von ,Unsterblich'", sagt Herbert. "Seit deren Ausschluss streiten sie das zwar ab, aber die Leute sind doch nicht blöd. Die glauben ihnen das nicht." So durfte der damalige "Unsterblich"-Capo auf der DVD zum zehnjährigen Jubiläum der "Fanatics" eine Grußbotschaft überbringen. Auf ballesterer-Anfrage ließen sie ausrichten, sich zu dem Thema nicht äußern zu wollen.

Dass Probleme mit Nazis in der Kurve mit den Hausverboten ein für allemal erledigt sind, wollen andere Austria-Fans jedenfalls nicht glauben. ",Unsterblich' hat über Jahre hinweg Brücken auf der Ost geschlagen", sagt Herbert. "Diese Beziehungen gibt es heute immer noch. Stadionverbote greifen da zu kurz."

Tiefer Riss
Doch bei den Boykottmaßnahmen aus dem Vorjahr ging es nicht nur um den rechten Rand der Austria-Fans, sondern auch um das Krisenmanagement des Vereins. Schon seit dem Platzsturm beim Europacup-Heimspiel gegen Athletic Bilbao im Dezember 2009 fährt die Austria eine harte Linie. Ermäßigte Einzeltickets und Sonderangebote für den Stehplatz gibt es seit damals nicht mehr, ohne Ausweis kommt man nicht mehr auf die Osttribüne. "Die Maßnahmen des Vereins waren total überzogen", sagt Chris. Sie haben damit nicht das Problemklientel, sondern die große Mehrheit der Supportwilligen verschreckt." Mittlerweile hat der Verein auf diese Vorwürfe reagiert, auch die Konflikte innerhalb der Fanszene nehmen die Verantwortlichen wahr - öffentlich darüber reden möchten sie aber eher ungern. Seine Aussagen aus dem ballesterer-Gespräch will ein Funktionär dann doch nicht gedruckt sehen.

Der Verein will die Fantribüne wieder attraktiver machen: Jeder Ost-Abonnent bekam beim Meisterschaftsspiel gegen den Wolfsberger AC Anfang Oktober eine Freikarte geschenkt, um neue Leute mit auf die Tribüne zu nehmen. "Das ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Michael. Auf die Osttribüne zurückkehren will so schnell trotzdem keiner der abgewanderten Fanklubs. Es handelt sich eben nicht nur um einen Konflikt zwischen Verein und Fans, der Riss verläuft quer durch die Fanszene. Und er geht tief. "Eine Rückkehr kommt für uns momentan nicht infrage", sagt Chris. Nicht nur sein Platz auf der Ost bleibt währenddessen leer - auch wenn sie die größte und modernste Fantribüne Österreich ist.

Foto: Werner Koisser

Referenzen:

Heft: 96
Verein: FK Austria Wien
ballesterer # 115

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