Mit Mario in die Midlife-Crisis

cache/images/article_1989_img_5792_140.jpg Mario Haas hat seine letzte Saison absolviert. Für den ballesterer hat der Rekordspieler und Torschützenkönig des SK Sturm zuvor noch seine Kinder eingepackt und ist mit ihnen auf die Fußballplätze seiner Jugend zurückgekehrt. Ein Familienkick im Grazer Arbeiterviertel Schönau 20 Jahre danach.
Martin Schreiner | 11.12.2012

Mario liegt am Boden. Er lacht. Es ist morgens um halb acht. Im Blaumann repariert er die Eingangstür unseres Gymnasiums und scherzt mit seinem Arbeitskollegen. Die anderen Schüler schauen ihn halb verschlafen, halb verächtlich an, als wir uns ins Gebäude des BRG Petersgasse in Graz schleppen. Sie haben keine Ahnung, wen sie vor sich haben. Mir hingegen genügt der Bruchteil einer Sekunde, dann weiß ich genau: Wer hier an diesem Frühlingstag vor 20 Jahren im Dreck liegend schraubt, ist Mario Haas, die Zukunftshoffnung des SK Sturm. Kurz darauf nimmt Trainer Ladislav Jurkemik den 18-Jährigen in den Kader der Kampfmannschaft auf. Bald schon werden viele Augen auf ihn gerichtet sein, nicht mehr nur die seiner Altersgenossen.


Es ist Sommer 2012. Die Nachricht trifft mich so hart, wie der Asphalt sich angefühlt haben muss, auf dem Mario vor meiner Schule gelegen ist: Peter Hyballa, der neue Sturm-Trainer, hat ihm gesagt, dass er in der laufenden Saison nicht mehr mit ihm plant. Derartige Brutalitäten überlässt der Österreicher gerne seinen Nachbarn aus dem Norden, die ewig scheinende Schleife der einjährigen Vertragsverlängerungen hat ein Ende gefunden. Mario ist bald 38 Jahre alt. Seine letzte Saison bei den »Schwarzen« liegt vor ihm. Ich muss los: nach Graz. Nachschauen, wie es ihm geht.


Die Tür zum Spielertrakt im Trainingszentrum Messendorf geht auf. Mario steht vor mir. Er blinzelt in die Sonne, unterm Arm ein Toilettetascherl. Er kratzt sich am Hals, der Dreitagebart steht ihm gut. Sein Blick geht zu Boden, als er murmelt: »Ich kann dich heute nicht treffen. Ich sitze im Heimspiel gegen die Admira auf der Bank.« Ich bin erleichtert. »Also doch. Es geht weiter, du bist wieder im Kader«, antworte ich. »Schauen wir einmal«, sagt Mario. Sein Lächeln wirkt gezwungen. Er möchte spielen und Tore schießen. Den Beruf ausüben, der ihm langsam entgleitet. Doch in diesem Moment wissen wir beide, dass unsere durch den Fußball verlängerte Jugend am Ende der Saison endgültig vorbei sein wird. Dann wird es keinen aktiven gleichaltrigen Profifußballer bei Sturm mehr geben. Mario geht zu seinem Auto. Noch gibt es ein nächstes Spiel. Dem gilt die volle Konzentration. Es ist auch der Strohhalm, an den ich mich klammere. Sonst wüsste ich nicht, was ich tun sollte, bis die Midlife-Crisis voll einschlägt.

Ein Kind der Neuholdau
Die Fanklubs der Nordkurve im Stadion Liebenau sehen das ähnlich. Zum ersten Mal seit Wochen haben sie Mario wieder auch wenn er nur auf der Bank sitzt. Schon bei der Bekanntgabe des Kaders begrüßen sie ihn mit »Mario Haas, allez, allez, allez«. Er hat ihnen gefehlt. Dabei sind die Fans auch nicht deppert. »Brigata«-Capo Thomas Lang sagt sogar: »Mario Haas wird sportlich heuer keine Rolle mehr spielen. Da können sich alle anderen Stürmer die Beine brechen.« Ihnen geht es um die Zuneigung zu einem Spieler, der die Anhänger und seinen Klub nie betrogen hat. Er ist ihr Rekordtorschütze, siebenmaliger Vereinstorschützenkönig und der Spieler mit den meisten Einsätzen in der Klubgeschichte. Er hat in Österreich nie für einen anderen Verein gespielt. Alles, was der SK Sturm gewonnen hat, hat er mit Mario gewonnen. Bei den drei Meistertiteln, bei sämtlichen Cup- und Supercup-Siegen sowie bei den erfolgreichen Champions-League-Spielen war er immer ein wesentlicher Teil der Mannschaft. Das ist keine Kleinigkeit. Die Anhänger wissen das. Mario weiß das auch, wenn er sagt: »Als ich jung war, habe ich immer davon geträumt, mit dem Klub Meister zu werden. Dann ist es wirklich wahr geworden.« Das ist scheiß kitschig, denke ich mir. Aber es ist auch verdammt wahr. Mario kommt sogar aus dem Ortsteil, in dem Sturm entstanden ist. Er ist ein Bub aus der Grazer Neuholdau. Hier, im Südosten von Graz, kann viel schiefgehen. Zwischen der Mur, den Eisenbahngleisen und der Schönaugasse. Ist es aber nicht.


Als Mario in seinem Familienauto um die Ecke in die Hüttenbrennergasse biegt, ist der Tag gerade viel zu schön für düstere Arbeiterklassenromantik. Die Sonne scheint am Körnerplatz, dem Fußballplatz des GSV Wacker. Genau hier kommt er her. Er hat seine Kinder Jannik und Emma mitgebracht. Mario kümmert sich um die dreijährige Emma, die genießt noch halb ihren Mittagsschlaf. Jannik sieht den Fußballplatz. Gerade auch noch verschlafen, ist er plötzlich hellwach. Wir schnappen uns einen Ball, kicken und schauen auf die andere Straßenseite. Hinüber zu jenem Haus der berüchtigten Schönausiedlung, in dem Mario aufgewachsen ist. Jetzt wohnt seine Mutter alleine in der 50-Quadratmeter-Wohnung im fünften Stock. Damals waren sie zu sechst mit Mario und seinen drei Geschwistern. Seine Eltern ließen sich scheiden, da war er zwölf Jahre alt. Jannik spielt sich warm und zeigt sich vom Gerede über alte Zeiten wenig beeindruckt. Er weiß nicht, dass ich vor vielen Jahren mit der GSV-U14 gegen seinen Papa und den SK Sturm in einer Saison 1:14 und 0:16 verloren habe. Ich war linker Verteidiger, Mario lief damals so schnell an mir vorbei, als wäre ich gar nicht da. Er bot mir nicht einmal einen Zweikampf an. Die Hösche mit seinem vierjährigen Sohn lässt mir da heute zumindest gewisse Chancen auf den Ball.


Als Siebenjähriger ging Mario mit einem Freund zum Probetraining in die Gruabn, den alten Heimplatz des SK Sturm. Zehn Fahrradminuten von der Schönau entfernt. Er traf auf einen Herrn, den er bis heute neben Ivica Osim als seinen wesentlichen Wegbereiter nennt: Alois »Burschi« Jarc. Ehemaliger beinharter Außenverteidiger und bärbeißiger Jugendleiter vom Jakominigürtel. Wie Osim versteckt er hinter einer schrulligen Art ein gutes Herz. Eine versteckte Zuneigung, die nie offiziell zugegeben, dennoch deutlich spürbar ist. Beide wollten lieber im Hintergrund arbeiten und in Ruhe gelassen werden. »Er war nicht immer leicht zu nehmen, ein schwieriger Typ«, sagt Mario. »Aber er hat immer zu uns gehalten, er war immer für uns da.« Feinfühlig ist er, der Mario, denke ich mir. Er braucht dieses Gefühl, sich auf jemanden verlassen zu können. Nach seiner ersten Begegnung mit Jarc verließ sich Mario fast 30 Jahre lang auf denselben Verein. Unterbrochen nur durch Auslandsaufenthalte bei Racing Strasbourg und JEF United Ichihara in Japan. Drei Jahre Trennung in einer Langzeitbeziehung.

Lesen Sie den gesamten Artikel in der aktuellen Printausgabe des ballesterer (Nr. 78, Jänner/Februar 2013) Seit 11.12. österreichweit in den Trafiken sowie im deutschen und Schweizer Bahnhofsbuchhandel!

Referenzen:

Heft: 78
Rubrik: Spielfeld
Verein: SK Sturm
ballesterer # 120

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