Neue Heimat

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Die Ausgliederung der Profiabteilung hat in der Fanszene des Hamburger Sport-Vereins heftige Reaktionen ausgelöst. Eine Gruppe von HSV-Fans will nun mit einem eigenen Verein von vorn anfangen: dem HFC Falke. 

Nicole Selmer | 24.08.2014

Manchmal rutscht es ihr doch heraus, wenn sie vom HSV spricht: das "Wir". Aber künftig werden die Spiele des Hamburger Sport-Vereins ohne Tamara Dwenger stattfinden. Sie hat ihr Saisonabo abgegeben, der Mannschaft die Unterstützung entzogen und dem Verein die Treue. Der HSV, das sind jetzt "die da".

"Wir sind nicht mehr erwünscht"
Der HSV hat derzeit etwa 100 Millionen Euro Schulden und ist dem Abstieg aus der deutschen Bundesliga nur knapp in der Relegation entronnen. In der größten Krise der Vereinsgeschichte soll eine Auflösung der bisherigen Struktur helfen: Am 25. Mai stimmten 87 Prozent der Mitglieder für die Ausgliederung der Profimannschaft in eine Aktiengesellschaft und die damit verbundene Möglichkeit des Verkaufs von Anteilen an Investoren. Kritiker sahen darin eine Aufgabe der Mitbestimmungsrechte. Der Schritt löste in der Fanszene heftige Reaktionen aus: Die größte Ultragruppe des Vereins "Chosen Few" erklärte Anfang Juli, dass sie den Support in der Saison 2014/15 aussetzen werde. Andere HSV-Fans, zu denen auch Tamara Dwenger gehört, vollzogen einen noch radikaleren Bruch. Sie gründeten einen eigenen Verein: den HFC Falke. Dwenger ist die Präsidentin des Klubs. Der Name beruft sich auf die HSV-Historie - der FC Falke war einer von drei Gründungsvereinen des Bundesligisten -, aber der Verein soll ein Neubeginn sein. Ein neues Wir. Eine Heimat für alle, für die es nach dem 25. Mai nicht mehr weitergehen konnte wie zuvor.

Dwenger geht seit 1996 zum HSV und hat sich über viele Jahre im "Supporters Club", der Fanvertretung im Verein, engagiert. "Viele sehen halt nicht, dass Fußball so viel mehr ist als nur die 90 Minuten", sagt sie. "Das ist für mich ein ganz großer Lebensinhalt. Wenn das plötzlich nicht mehr da ist - was ist dann?" Die Ausgliederung war für Dwenger und ihre Mitstreiter jedoch nur die letzte in einer Reihe fanunfreundlicher Entscheidungen der jüngeren Vergangenheit, zu denen auch eine Vereinbarung mit der umstrittenen Ticketplattform viagogo und ein Polizeieinsatz im Fansektor gehörten. "Als Minderheit von anders denkenden Fans sind wir nicht mehr erwünscht", sagt Tamara Dwenger.

Mitspieler gesucht
Die Keimzelle des HFC Falke fand sich nach der Ausgliederungsabstimmung in einem Stammlokal der HSV-Fanszene, der Pandora-Bar, zusammen. "Dort hat Beerdigungsstimmung geherrscht", sagt Dwenger. Aus der half die Idee heraus, einen eigenen Verein zu gründen und damit in der Kreisklasse neu anzufangen. Eine Gruppe von 22 Leuten begann mit den Vorbereitungen. "Wir haben Arbeitskreise für alles Mögliche gegründet", sagt Dwenger. "Für die Satzung, die Website, das Logo." Zur Gründungsversammlung am Tag des WM-Finales kamen rund 300 Leute, die dem neuen Verein beitreten wollten. Ein fünfköpfiges Präsidium ist gewählt, der Eintrag ins Vereinsregister erfolgt.

Um auch den Spielbetrieb aufzunehmen, fehlt jedoch noch einiges: eine Spielstätte, Trainer und Mannschaft. "Wir haben ein Minikonzept: Wir würden gern im Hamburger Westen und auf Rasen spielen, wünschen uns ein Klubheim vor Ort, und Stehtraversen wären schön", sagt Vereinspräsidentin Dwenger. Wünsche, die sich im dicht besiedelten Hamburg, wo die Nachfrage nach Spiel- und Trainingsplätzen groß ist, nicht ohne Weiteres erfüllen lassen. Auch die Suche nach geeigneten Spielstätten ist Sache eines Arbeitskreises, das letzte Wort hat jedoch die Vereinsbasis. "Wenn die Mitglieder sagen ,Wir wollen auf Asche in Hamburg-Lurup spielen', dann spielen wir auf Asche in Lurup", sagt Dwenger. "Wir wollen, dass jeder an dieser Entscheidung beteiligt ist."

Die Aufnahme des Spielbetriebs in der Kreisklasse, neun Staffeln unter der Bundesliga, ist für die Saison 2015/16 geplant, Spieler werden ab sofort gesucht. "Ihr habt Interesse, uns zu unterstützen und im Trikot des Falken aufzulaufen?", heißt es auf der Vereinswebsite. Auch Fans dürfen auf einen Platz im Team hoffen - sportliche Eignung vorausgesetzt.

Arbeitskreis Gruppentherapie
Wohin so etwas führen kann, davon hat Stuart Dykes bei der Falke-Gründungsversammlung berichtet. Dykes ist Mitglied des FC United of Manchester, der 2005 aus Protest gegen die Übernahme von Manchester United durch Malcolm Glazer entstand. Für den November ist bereits eine Gruppenreise zu einem Spiel nach Manchester geplant, das der FC United dann vielleicht schon in seinem neu gebauten Stadion bestreiten wird. Der HFC Falke sieht sich als Teil dieser noch jungen Bewegung der Fanvereine. "Ich finde es wichtig, dass wir zu diesen Vereinen Kontakt haben", sagt Dwenger. Eine Reise zur Salzburger Austria steht ebenfalls auf der Planungsliste.

Ob der HFC Falke selbst eine Erfolgsgeschichte schreiben kann, wird sich in den nächsten Monaten zeigen - und auch davon abhängen, was mit dem HSV geschieht. Längst nicht alle Falke-Mitglieder haben ihre Abokarten abgegeben und selbst wenn, die Trennung ist nicht leicht. "Niemand von uns sagt einfach: ,Zack, das war's.' Da ist auch viel Verdrängung im Spiel. Einige gehen nicht mehr hin, andere gucken sich das weiter an." Die Ultras von "Chosen Few" unterstützen nun die dritte Mannschaft des HSV, die nicht von der Ausgliederung betroffen ist und in der Hamburger Bezirksliga Nord spielt. Zum ersten Auswärtsmatch Anfang August gegen das zweite Team von Barmbek-Uhlenhorst reisten die Ultras gemeinsam mit dem Fahrrad an.

Währenddessen wird in der HSV Fußball AG weiter umgebaut: Der ehemalige HSV- und Red-Bull-Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer ist als Vorstandsvorsitzender zurückgekehrt. Mit den Millionen des Unternehmers Klaus-Michael Kühne wurden Neuzugänge wie Valon Behrami von Napoli und Nicolai Müller vom FSV Mainz 05 geholt, Kühne erhält dafür Anteile der AG. "Ich wünsche denen alles Gute", sagt Tamara Dwenger. 

Foto: Patrick Franck

Referenzen:

Heft: 94
Thema: Fanvereine
Verein: Hamburger Sport-Verein
ballesterer # 121

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