Nicht einschlafen

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Am 26. Februar trifft sich die FIFA in Zürich zu einem außerordentlichen Kongress. Es geht um einen neuen Präsidenten, aber auch um tiefgreifende Reformen.

Moritz Ablinger | 02.02.2016

Es war ein bizarres Bild. Als Francois Carrard, der Leiter der FIFA-Reformkommission, den versammelten Medienvertretern am 3. Dezember seine Vorschläge präsentiert, nimmt der interimistische Weltverbandspräsident, Issa Hayatou, neben ihm auf dem Podium Platz. Während der Ausführungen Carrards schläft Hayatou ein. Dass an der Müdigkeitsattacke auch Hayatous Gesundheitszustand schuld ist, hilft der Optik nur wenig. Das Bild des schlafenden Präsidenten zeigt die Zerrissenheit der FIFA: Auf der einen Seite eine alte Machtelite, die noch nicht bereit ist, ihren Platz zu räumen, auf der anderen die vor wenigen Monaten eingesetzten Reformer, die fundamentale Umstrukturierungen des Verbands fordern.

Kongress der Veränderungen
Seit September tagt die Reformkommission, die nach den ständigen Korruptionsermittlungen gegen FIFA-Offizielle den Ruf des Verbands retten soll. Ihre Vorschläge beinhalten gravierende Veränderungen wie die Abschaffung des Exekutivkomitees, eine Schwächung des Präsidentenamts und eine Beschränkung der Amtszeiten. Am 26. Februar sollen die Reformen am außerordentlichen Kongress in Zürich auch beschlossen werden. Alle 209 Länderverbände der FIFA haben dort jeweils eine Stimme. Um die vorgeschlagenen Statutenänderungen zu beschließen, ist eine Dreiviertelmehrheit nötig.

„Die Vorschläge der Reformkommission sind positiv“, sagt Sylvia Schenk, die die Arbeitsgruppe Sport der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International leitet. „Die Reduzierung des Exekutivkomitees auf Strategie und Kontrolle ist überfällig.“ Denn derzeit bestimmt das Exekutivkomitee, kurz ExKo, sowohl das Tagesgeschäft als auch die längerfristige Ausrichtung der FIFA. Das 30-köpfige Gremium, dem der Präsident vorsitzt, entscheidet zudem über die Austragungsorte der Weltmeisterschaften. Geht es nach den Reformvorschlägen soll es durch das sogenannte Council ersetzt werden. Dort sollen neben dem Präsidenten und seinen acht Stellvertretern 28 Vertreter der sechs Kontinentalverbände sitzen. Jeder Kontinentalverband muss dabei mindestens eine Frau entsenden.

Zudem soll das neue Council mit deutlich weniger Macht als das alte ExKo ausgestattet werden, so wird es beispielsweise nicht mehr über die WM-Vergaben bestimmen. Stattdessen soll es eher als Kontrollgremium des Generalsekretärs und der Mitarbeiter fungieren. „Es soll eine Art Aufsichtsrat werden“, sagt FIFA-Experte Jean-Francois Tanda. „37 Mitglieder sind dafür zwar ein bisschen viel, aber das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Schonfrist für Skeptiker
Trotz der eingeschränkten Macht bliebe das neue Council dennoch ein maßgebliches Gremium innerhalb der FIFA. So wird es künftig den Generalsekretär ernennen können, und dieser wird von großer Bedeutung sein. Denn das Generalsekretariat soll neben der Organisation der FIFA-Wettbewerbe auch für die administrativen und finanziellen Belange zuständig sein. „Das macht Sinn“, sagt Schenk. „Operatives Geschäft und Aufsicht gehören getrennt. Bislang hat Blatter über alles bestimmt. Das wird sich jetzt ändern.“ Wer diesen Posten besetzen wird, ist noch unklar. Jerome Valcke, der dieses Amt ab Juni 2007 bekleidete, war im September aufgrund von Korruptionsvorwürfen seiner Aufgaben entbunden worden. Seither hat sein ehemaliger Stellvertreter Markus Kattner das Amt inne, allerdings nur interimistisch.

Die FIFA, so viel steht fest, wird auch nach dem 26. Februar noch im Umbruch sein. „Es wird nach dem Kongress nicht alles plötzlich gut sein“, sagt Korruptionsexpertin Schenk. „Man kann eben nicht die ganze Organisation auf einmal ändern – ein Kulturwandel braucht Zeit.“ So ist die Reformkommission auch auf die Zustimmung jener angewiesen, die einer transparenteren FIFA bisher eher kritisch gegenüberstanden.

ExKo-Mitglied Constant Omari war vor nicht allzu langer Zeit noch Unterstützer von Joseph Blatter, er sprach ihm vor dessen letzter Wahl im Mai seine Loyalität aus. Gegen ExKo-Mitglied Michael D’Hooghe ermittelte bis vor Kurzem die FIFA-Ethikkommission, da er zugegeben hatte, vor der Abstimmung über die WM-Vergabe nach Russland ein kleines Bild als Geschenk von einem russischen Offiziellen bekommen zu haben. Doch auch reformskeptische Funktionäre wie Omari und D’Hooghe erhalten eine Schonfrist, denn alle aktuellen ExKo-Mitglieder sollen automatisch zu Mitgliedern des Councils werden, bis ihre Amtszeit abgelaufen ist. Auch die Amtszeitbeschränkung – eine Wiederwahl soll nur mehr zweimal möglich sein – gilt für die amtierenden Funktionäre erst ab der nächsten Wahl im Mai.

Unbekannte Größen
Neben den Reformen wird in Zürich am 26. Februar aber auch noch über einen neuen FIFA-Präsidenten abgestimmt. Seitdem Blatter am 2. Juni 2015, nach fast 17 Jahren im Amt, zurückgetreten ist, leitet Issa Hayatou den Weltverband interimistisch. Er gehört nicht zu den fünf zugelassenen Kandidaten. Der langjährige UEFA-Präsident Michel Platini hätte zwar gerne kandidiert, darf nach seiner Funktionssperre wegen Korruption aber nicht antreten. Dafür wird der Präsident des jordanischen Verbands, Prinz Ali bin al-Hussein, der Blatter schon im Mai herausgefordert hatte, wieder kandidieren. Auch der ehemalige FIFA-Funktionär Jerome Champagne wird antreten, und anders als noch im Vorjahr hat er diesmal auch die notwendigen Unterstützungserklärungen von fünf Länderverbänden erhalten. Dazu kommen UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino, Tokyo Sexwale, Geschäftsmann und Mitorganisator der WM 2010 in Südafrika, und der Präsident des asiatischen Fußballverbands, Scheich Salman bin Ibrahim Al-Khalifa. „Man weiß nicht viel über die Kandidaten“, sagt Jean-Francois Tanda. „Die besten Chancen hat wohl Scheich Salman.“

Salman zählte in der Vergangenheit zu den Unterstützern Blatters und verlautbarte noch im letzten Jänner, dass der asiatische Verband ihn und nicht Prinz Ali unterstützen werde. Menschenrechtsorganisationen kritisieren Salman. Als es im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 in Bahrain zu Aufständen gegen das autokratische Regime kam, schlossen sich auch Fußballer dieser Bewegung an. Viele von ihnen wurden eingesperrt. Salman, so die Vorwürfe, sei federführend daran beteiligt gewesen, die Athleten zu identifizieren. „Es wäre verheerend, wenn die Integrität des neuen Präsident wieder mit erheblichen Zweifeln belastet ist“, sagt Schenk. Salman selbst bestreitet die Vorwürfe, das dreiköpfige Wahlkomitee sah für die Menschenrechtsverletzungen keinen Beweis erbracht und ließ ihn zur Wahl antreten. „Salman hat in Asien und Afrika starken Rückhalt“, sagt Tanda. „Er wird sich dort aber mit Prinz Ali duellieren müssen.“

Der jordanische Prinz ist der Vorgänger des Scheichs als FIFA-Vizepräsident für den asiatischen Kontinentalverband und laut den Buchmachern auch der schärfste Konkurrent für Salman. Schon beim Kongress im Mai konnte er 73 Stimmen auf sich vereinen. Ali wirkt bemüht, sich als transparente Alternative zur Politik Blatters darzustellen. Zuletzt forderte er die Veröffentlichung des Berichts zu den Vergaben der Weltmeisterschaften nach Russland und Katar.

Ein modernes Unternehmen
Es gibt keinen perfekten Kandidaten“, sagt Sylvia Schenk. „Aber mit der neuen FIFA-Architektur wird der Präsident ohnehin geschwächt.“ Künftig soll der Präsident nicht mehr für die Berufung und Kündigung des Generalsekretärs zuständig sein, auch die Kontrolle von dessen Arbeit fällt nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich. Die Regelung, dass bei Stimmengleichheit im Exekutivkomitee bzw. dem Council das Votum des Präsidenten doppelt zählt, soll ebenso der Vergangenheit angehören. Einer Machtkonzentration, wie sie Blatter zuletzt erreicht hatte, sollen so schon vorbeugend Schranken vorgeschoben werden. „Strukturen, wie sie die FIFA hatte, waren in der Geschäftswelt schon vor 20 Jahren überholt“, sagt Tanda. „Sie wird sich jetzt modernisieren.“

Denn dass die Reformen auf dem Kongress Zustimmung finden, davon gehen fast alle Beobachter aus. Im Dezember wurden sie schon in einer ExKo-Sitzung beschlossen. Schließlich lastet enormer Druck auf dem Weltverband. Tanda sagt: „Klar hatten die FIFA-Funktionäre Angst, dass das FBI den ganzen Laden dicht macht.“ Die Ermittlungen der amerikanischen Sicherheitsbehörden, die schließlich auch Blatter aus dem Amt drängten, dürften jetzt dafür sorgen, dass sich die FIFA modernisiert. „Es muss auch nach dem 26. Februar von außen Druck auf die FIFA geben“, sagt Schenk. „Die Behörden und die kritische Öffentlichkeit dürfen sich jetzt nicht ausruhen.“ Oder gar einschlafen. 


Foto: MCaviglia CC BY-SA 3.0

Referenzen:

Heft: 109
Thema: FIFA
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