Nordatlantisches Bündnis

Die neueste Reform der Champions League wird die reichen Klubs noch reicher machen. Dagegen macht sich zunehmend Unmut breit. Einige europäische Vereine drohen mit der Gründung einer eigenen internationalen Liga. 

Nicole Selmer | 15.11.2016

Man kennt das – irgendwo ganz unten in einer Schublade des Schreibtischs liegt ein Zettel mit alten Notizen. Vielleicht ist nicht mehr alles lesbar, aber doch interessant genug, um nach all den Jahren wieder einen Blick darauf zu werfen. Wer genau in diesem Fall den Zettel zu einer internationalen Liga mit dem Arbeitstitel „Atlantic League“ gefunden hat, ist nicht ganz klar. Die ursprünglichen Pläne für einen Wettbewerb zwischen den Topklubs aus Schottland, den Niederlanden, Belgien und den skandinavischen Ländern stammen aus dem Jahr 2000 und sind dem Kopf des damaligen Präsidenten von PSV Eindhoven, Harry van Raaij, entsprungen.

Die Aussteiger
Nun liegen die Pläne von damals wieder auf dem Tisch. Der Vorsitzende des FC Kopenhagen, Anders Hörsholt, sagte der Tageszeitung Berlingske Tidende Ende August: „Es ist zu früh, um über konkrete Modelle zu reden, aber ja, wir sind an Diskussionen über eine Liga über die Landesgrenzen hinweg beteiligt.“ Der Gesprächskreis für eine solche Liga umfasst Ajax, PSV und Feyenoord aus den Niederlanden, Anderlecht und Brügge aus Belgien, das schottische Old Firm sowie Malmö FF aus Schweden und Rosenborg aus Norwegen. Auch Ligakonkurrent Bröndby sei eingeladen gewesen, diskutiere derzeit aber nicht mit.

Der FC Kopenhagen hat ebenso wie Celtic und PSV die Gruppenphase der aktuellen Champions League über den Meisterweg erreicht und darf sich sogar noch Hoffnungen auf den Aufstieg machen. Doch die Teilnahme am lukrativen Bewerb wird für Vereine aus diesen Ligen in Zukunft schwieriger werden, ihr Anteil an den Gewinnen niedriger. So macht Hörsholt auch keinen Hehl daraus, was der Auslöser für die Pläne der Atlantikkoalition ist: die jüngste Champions-League-Reform, die ab 2018/19 den vier besten Klubs aus Deutschland, England, Italien und Spanien vier Startplätze in der Gruppenphase zusichern soll. „Wenn wir jetzt nicht handeln, werden die großen Klubs noch größer und einflussreicher und die Situation für andere Vereine immer schwieriger“, sagte Hörsholt. „Wir müssen nach internationalen Alternativen suchen.“ Sein Verein könnte daher ebenso wie die Spitzenklubs der anderen beteiligten Länder die jeweilige nationale Liga zugunsten des neuen Formats verlassen.

Unattraktive Königsklasse
Das ist eine ziemlich dumme Idee“, sagt Sarah Agerklint, stellvertretende Vorsitzende des offiziellen Fanklubs von Bröndby IF, dem ballesterer. „Vielleicht bin ich Traditionalistin, aber wir sollten in unserer Liga spielen und wenn wir dort erfolgreich sind, einen Platz im Europacup erhalten.“ Ähnlich äußerte sich auch Lars Thor, der Fanklubvorsitzende des FC Kopenhagen, über die Idee seines Präsidenten. Die Skepsis hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die skandinavischen Länder bereits Erfahrung mit einer eigenen Liga gesammelt haben. In der 2004 gegründeten Royal League spielten zwölf Klubs aus Dänemark, Schweden und Norwegen in der langen Winterpause – von November bis April – einen Sieger aus. Was zunächst wie eine attraktive Überbrückung der spielfreien Zeit schien, scheiterte rasch am mangelnden Sponsoren- und Zuschauerinteresse. Nach drei Spielzeiten wurde die Royal League wieder eingestellt.

Auch einem neuen länderübergreifenden Bewerb misst Agerklint keine größeren Chancen zu, sich zu etablieren: „Alles, was den Reiz einer Liga ausmacht, fällt weg: die lokalen Bezüge, die Geschichte, die Rivalitäten“, sagt die Fanvertreterin. „Was haben wir mit Brügge zu tun?“ Ebenso wie ihr Kollege Thor vom Lokalrivalen FC Kopenhagen bringt Agerklint einen weiteren Punkt ins Spiel: die Auswärtsfans. Bröndby setzte sich heuer in der dritten Runde der Europa-League-Qualifikation gegen Hertha BSC durch, 2.000 dänische Fans begleiteten den Klub nach Berlin. „Im Europacup reisen viele Fans zu den Auswärtsspielen, auch wenn es nach Island oder Kasachstan geht“, sagt sie. Das ginge jedoch nicht, wenn solche Fahrten alle zwei Wochen auf dem Programm stünden.

Sorge um die Liga
Doch vielleicht nehmen nicht einmal die Verfechter der Atlantic League ihre Agenda ernst, schließlich verbieten FIFA und UEFA verbandsübergreifende Ligen ohnehin. Ihnen dürfte es mit der Drohung eher um die Verhandlungsmacht bei zukünftigen UEFA-Reformen gehen, denn den FC Kopenhagen und andere Klubs treibt die Sorge um, dauerhaft von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen zu werden. Claus Thomsen, Präsident der dänischen Profiliga, skizzierte im Interview mit dem Deutschlandradio die Folgen der Champions-League-Reform für Dänemark: „Selbst wenn wir uns sportlich und finanziell verbessern, werden wir auf europäischer Ebene keinen Erfolg haben können.“ Die Sorge um die Zukunft der heimischen Liga teilt Sarah Agerklint, die auch im Dachverband der dänischen Fanklubs aktiv ist. „Wir wollen Fußball attraktiver machen, wir versuchen, mehr Leute in die Stadien zu bringen.“

Ein Vorhaben, das durch die Liga nicht unbedingt erleichtert werde. Mit dieser Saison ist nicht nur ein Play-off-Format eingeführt worden, sondern auch die Anstoßzeiten sind komplett auf das Fernsehen zugeschnitten. Jedes Match der 14er-Liga findet zu einem eigenen Termin zwischen Freitag- und Montagabend statt. „Das berücksichtigt die Interessen der Fans nicht“, sagt Agerklint, und die Zahlen geben ihr recht. Der sinkende Zuschauerschnitt wird nach derzeit 15 Spieltagen in den Medien breit diskutiert.

Die Derbys zwischen dem FC Kopenhagen und Bröndby stellen traditionell den Höhepunkt des dänischen Fußballs dar. Sollten sie in einigen Jahren stattdessen in einer internationalen Liga mit Celtic, Malmö und Ajax stattfinden, könnte das bei entsprechendem Interesse von Sponsoren und TV-Sendern die Situation dieser beiden Vereine tatsächlich verbessern. Für Bröndby-Fan Agerklint dennoch kein Argument: „Ich will nicht, dass es nur zwei Teams gut geht. Wenn die beiden interessantesten Klubs in eine andere Liga wechseln, wäre der dänische Fußball als Zuschauersport am Ende.“ 

Referenzen:

Heft: 117
Thema: Dänemark, UEFA
ballesterer # 121

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