Obenauf in Down Under

Jahrelang fristete der Fußball in Australien ein Schattendasein hinter prominenteren Sportarten wie Rugby, Cricket und Australian Football. Mit den Transfers von Alessandro Del Piero zum FC Sydney und Emile Heskey zu den Newcastle United Jets soll sich das jetzt ändern.
Courtney Petalas, Mathias Slezak | 12.11.2012

Er musste sie dann doch verlassen. Nach 19 Jahren bei seiner Juventus aus Turin, der er auch nach dem Zwangsabstieg im Jahr 2006 mit den Worten »Ein Gentleman verlässt seine Dame nicht« die Treue gehalten hatte, wurde Alessandro Del Pieros Vertrag im Sommer nicht mehr verlängert. Seine wahrscheinlich letzte sportliche Herausforderung sucht der 38-jährige Italiener jetzt am anderen Ende der Welt beim FC Sydney, wo er dem australischen Fußball zu mehr Popularität verhelfen soll. Auch der Ligakonkurrent Newcastle United Jets hat mit Emile Heskey einen bekannten Neuzugang verpflichtet. Der englische Ex-Teamstürmer wechselte nach drei Jahren bei Aston Villa und vorangegangenen Stationen bei Leicester, Liverpool, Birmingham City und Wigan mit 34 nach Down Under.

Bis jetzt haben die beiden Star-Importe die Erwartungen erfüllt. Del Piero erzielte in der dritten Runde den 1:0-Siegtreffer im Derby gegen die Western Sydney Wanderers. »Es war ein guter Start, ich lerne meine Teamkollegen jeden Tag besser kennen und hoffe, in zwei oder drei Wochen auch körperlich bei 100 Prozent zu sein«, sagt der Italiener auf einer Pressekonferenz. Heskey hielt nach vier Runden bei ebenso vielen Treffern für seine neue Mannschaft.

Die Rechnung ist aber nicht nur sportlich, sondern auch finanziell aufgegangen. Der Fanshop der Newcastle United Jets musste bereits eine Woche nach Heskeys Transfer 5.000 Heskey-Trikots nachbestellen, da der Vorrat innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Außerdem konnte sich der Verein in kürzester Zeit über mehr als 1.000 neue Mitglieder freuen ein Zuwachs von rund zehn Prozent. Bereits in der zweiten Runde kamen beim Aufeinandertreffen von Del Pieros FC Sydney und Heskeys Newcastle 35.400 Zuschauer in die Allianz Arena in Sydney, die zweithöchste Zahl der Klubgeschichte. Im Spiel taten die beiden Neuverpflichtungen das, wofür sie geholt worden waren: Sie erzielten Tore. Del Piero verwandelte in der 26. Minute einen Freistoß zum 1:1, Heskey legte 15 Minuten später volley zum 2:1 für Newcastle nach. Das erste Duell der neuen Superstars ging schlussendlich an den Engländer, die Jets gewannen 3:2.

Einer verdient so viel wie alle

»Je mehr Fußball im Fernsehen gezeigt wird, desto größer wird die Aufmerksamkeit und desto mehr bekannte Spieler werden nach Australien kommen«, sagt Heskey. Trotz des Hypes hinken die Zuschauerzahlen aber noch deutlich hinter den populären Sportarten Rugby und Cricket hinterher. Publikumsmagnet ist aber Australian Football, eine Mischung aus American Football, Fußball und Rugby, die vor allem im bevölkerungsreichen südöstlichen Bundesstaat Victoria Woche für Woche hunderttausende Besucher in die Stadien zieht. »Jedes Wochenende gibt es allein in Melbourne vier AFL-Spiele, zu denen zwischen 50.000 und 80.000 Zuschauer kommen«, sagt Paul Turner, Professor für Sportwissenschaften an der Deakin-Universität in Melbourne. Zahlen, von denen der australische Fußball nur träumen kann. In der vergangenen Saison lag der Zuschauerschnitt bei 10.500. Populäre Spieler seien eine Möglichkeit, das Interesse am Fußball zu heben, sagt Turner: »Wenn du die besten Sportler hast, kommen die Zuschauer ins Stadion, egal ob es sich um Rugby, Australian Football oder Fußball handelt.«

Dass noch nicht mehr Stars den Wechsel nach Australien gewagt haben, hängt auch mit den Ligaauflagen zusammen. Jeder A-League-Klub darf maximal fünf Nichtaustralier aufnehmen, die Kaderspieler dürfen zusammengerechnet nicht mehr als zweieinhalb Millionen australische Dollar (rund zwei Millionen Euro) pro Jahr verdienen. Ein Star pro Verein ist ausgenommen sonst wäre ein Engagement wie jenes von Del Piero gar nicht möglich. Der Italiener verdient alleine kolportierte zwei Millionen australische Dollar (rund 1,6 Millionen Euro). Dazu kommt am anderen Ende ein »Junior Marquee Player« unter 23 Jahren, dessen Gehalt von bis zu 150.000 australischen Dollar (rund 120.000 Euro) ebenfalls nicht unter die Gehaltsbeschränkung fällt.

Ein Tiroler friert

In der Saison 2005/2006 hieß einer der Legionäre in der A-League Richard Kitzbichler. Der heute 38-jährige Tiroler, der jetzt als Videoanalyst für Red Bull Salzburg arbeitet, wechselte im Sommer 2005 von der Wiener Austria zu Melbourne Victory. »Der Kontakt ist über unseren damaligen Tormann Joey Didulica zustande gekommen. Mich hat das einfach gereizt, weil es etwas komplett anderes war«, sagt Kitzbichler. Anders waren auch die Bedingungen, die er in Melbourne vorfand. »Ich bin davon ausgegangen, dass es in Australien immer warm ist, und habe dementsprechend gepackt. Dann bin ich in Melbourne angekommen, und dort hat es geregnet und nur fünf Grad gehabt«, sagt Kitzbichler, der damals die Anfänge der neu gegründeten A-League miterlebte: »Trainiert haben wir in Schulen, weil es noch kein Trainingszentrum gegeben hat. Wir haben unsere Schuhe selbst putzen müssen und das Trainingsgewand am Abend zu Hause waschen.«

Die A-League war Nachfolger der National Soccer League, deren Klubs Anfang der 2000er Jahre in eine Krise gerieten, da die wichtigsten Spieler ins Ausland wechselten und ein ungünstiger TV-Vertrag den Fußball fast vollständig aus dem Free-TV verdrängte. 2005 sollte der Sport mit einem drei Millionen Dollar (rund 2,5 Millionen Euro) schweren Marketingpaket und der Gründung der A-League wiederbelebt werden. Als Zugpferd holte der FC Sydney den ehemaligen Manchester-United-Stürmer Dwight Yorke, der in seiner ersten Saison sieben Tore erzielte. Im selben Jahr traf auch Kitzbichler für Melbourne fünfmal, ehe er im Februar 2006 einen Vertrag bei den Red Bull Juniors unterzeichnete, wo er 2009 seine Karriere beendete. Das damalige A-League-Niveau bezeichnet Kitzbichler als »irgendwo zwischen erster und zweiter österreichischer Liga«. Mittlerweile habe der Fußball in Australien aber stark aufgeholt, da die Liga für Legionäre und australische Spieler, die noch im besten Alter aus dem Ausland zurückkehren, interessant geworden sei.

Kewell hört auf

Besonders die Verpflichtung von Del Piero hält Kitzbichler für einen klugen Schachzug, da in Australien viele italienische Migranten leben. Dadurch werde der ehemalige Juventus-Star mit Sicherheit für einen Zuschauerboom sorgen. Dass Altstars wie Del Piero und Heskey überhaupt nach Australien wechseln, verwundert Kitzbichler, der die A-League noch immer verfolgt, nicht: »Das Leben in Australien ist super. Es ist ein extrem sportbegeistertes Land, die Menschen sind viel relaxter, und selbst wenn du so wie ich mitten in Melbourne wohnst, bist du in einer Viertelstunde am Strand.«

Kitzbichlers ehemaliger Verein Melbourne Victory setzte vergangene Saison ebenfalls auf eine prominente Neuverpflichtung, Ex-Liverpool-Mittelfeldspieler Harry Kewell. Doch obwohl der Zuschauerschnitt dank des 58-fachen australischen Teamspielers von 15.000 auf knapp 20.000 stieg, blieb Victory hinter den Erwartungen und qualifizierte sich als Achter des Grunddurchgangs nicht für die Play-offs. Dort holte sich stattdessen Brisbane Roar, die Mannschaft des deutschen Spielmachers Thomas Broich, zum zweiten Mal in Folge den Meistertitel. Kewell kehrte im Sommer aus familiären Gründen nach England zurück. Die Verpflichtung von Starspielern ist kein Erfolgsgarant, um aus dem Schattendasein zu treten, doch zumindest resultiert sie in Zuschauerzuwächsen und einem hohen medialen Interesse. Ob mit den vorherrschenden Strukturen und Beschränkungen in Australien genügend Spieler verpflichtet und dauerhaft gehalten werden können, um die Liga auf ein international konkurrenzfähiges Niveau zu bringen, bleibt abzuwarten. Dann wird sich zeigen, ob die Verpflichtungen von Del Piero und Heskey nur als kurzer Boom oder als Start eines goldenen Zeitalters in die Geschichte der australischen A-League eingehen werden.

 

Referenzen:

Heft: 77
Rubrik: Spielfeld
Thema: Australien
ballesterer # 112

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