»Didi hat bei allen seinen bisherigen Stationen ein Feeling für den Fußball bewiesen. Es ist nicht immer nur die theoretische Erklärung, die glänzt, sondern auch das Gefühl und da ist er irrsinnig stark.«
Seit der Wohlfühlqualifikation für die WM-Endrunde 1998 setzt der ÖFB stark auf Emotionen. Motivationskunst scheint bei der Auswahl der Führungskräfte mindestens ebenso wichtig wie die fußballfachliche Qualität. Wenn ein Teamchef die Rolle des emotionalen Stichwortgebers nicht erfüllen konnte, war sein Standing auch verbandsintern schnell beschädigt. Josef Hickersberger und Karel Brückner hatten, obwohl sie keine fragwürdigeren Entscheidungen als ihre Vorgänger und Nachfolger trafen, offenbar stark mit Autoritätsproblemen zu kämpfen. Dass aktuell erfolgreiche Trainer und Führungskräfte im europäischen Fußball wie der Mainzer Aufsteiger Thomas Tuchel, Champions-League-Sieger Jose Mourinho und Michel Preudhomme von Twente Enschede längst die Faktoren Emotion und fachliche Innovation perfekt vereinen und diese Fähigkeiten im Wechselspiel medial inszenieren, scheint in die ÖFB-Chefetage noch nicht durchgedrungen zu sein. Trotz akribischer Aufbauarbeit im Nachwuchsbereich vermittelt die Betreuung des A-Teams einen davon abgekoppelten Eindruck. Aber der Reihe nach
»Mein Denken hat sich geändert. Ich brauche nicht mehr sagen: Die U17 hat sich qualifiziert, daher sind wir gut. Wir haben das jetzt sieben Mal geschafft. Ich muss im Nachwuchs nicht mehr alles gewinnen da sind wir schon weiter.«
Als Freund der guten Organisation kennt Willi Ruttensteiner den Unterschied zwischen der Arbeit an den Graswurzeln und aufgesetzten Strukturen. Die Arbeit von unten nach oben hat mit dem vorläufigen Höhepunkt des vierten Platzes bei der U20-WM 2007 und zahlreichen weiteren Erfolgen der ÖFB-Nachwuchsauswahlen definitiv Früchte getragen. Was die Qualität und Quantität der Spieler in Topligen betrifft, ist es gelungen, die Lücke zu vergleichbaren Ländern wie der Schweiz, EM-Qualifikationsgegner Belgien und ähnlichen Kalibern wie den Skandinaviern zu schließen. Eine Lücke, die seit dem 0:9 im Kegelmatch von Valencia 1999, das österreichische Spieler am internationalen Transfermarkt fast unvermittelbar gemacht hatte, riesig war. Aktuell können Spieler wie Marc Janko und Marko Arnautovic ohne weiteres in einem Atemzug mit Schweizer Pendants wie Alexander Frei und Tranquillo Barnetta genannt werden, trotz unterschiedlicher Karriereverläufe und Spielstile. Die durch Erfolge der Nachwuchsteams neu gewonnene Reputation wieder und wieder zu bestätigen, ist mittlerweile nur noch ein untergeordnetes Ziel in der Arbeit des ÖFB-Sportdirektors. Das Verpassen der letzten beiden U21-EM-Qualifikationen bezeichnet Ruttensteiner als »bittere Erlebnisse, weil die Spieler hinsichtlich ihrer Erfahrung von einer solche Endrunde wahnsinnig profitiert hätten.« Seinen positiven Gesamteindruck könne das aber nicht trüben. Es gehe vielmehr darum, auf allen Positionen herausragende Spieler für das A-Team zu entwickeln.
»Es ist unsere Philosophie, attraktiven Angriffsfußball zu spielen in der Hälfte des Gegners. Wir wollen nicht durch Verteidigen zum Erfolg kommen. Ohne Mut zur Offensive wird man sich nicht für eine Endrunde qualifizieren.«
Ob diese Entwicklung auf einen für das A-Team festgelegten Spielstil hinausläuft, ist noch schwer zu beurteilen. Ruttensteiners Verständnis von Offensivfußball kann den Ausführungen in seinem Buch »Von den Besten lernen!« wohl am treffendsten mit einem auf die Spitze getriebenen »kontinuierlichen Spielaufbau« beschrieben werden. Die Vorliebe für Offensivfußball erscheint logisch, weil sich der größere Teil der fußballinteressierten Öffentlichkeit damit eher identifizieren kann. Dass viele erzielte, aber auch viele erhaltene Tore große Emotionen erzeugen, ist nicht erst seit dem 4:4 von Brüssel bekannt. Ob der Offensivfußball des ÖFB grundsätzlich für hohe Ballsicherung stehen soll, ob man den Ball öfter in der eigenen Hälfte gewinnen will, um Platz für Angriffe zu schaffen oder ob man aggressives Pressing in der gegnerischen Hälfte spielen möchte, darauf geht Ruttensteiner im ballesterer-Gespräch nicht näher ein: »Das sind eher Schlagworte. Die Spielanlage ist stark von Situation und Gegner abhängig.« Mit anderen Worten: »Anything goes!«
In den Duellen mit den vorher genannten Mannschaften »auf Augenhöhe«, wie das in Österreich traditionell genannt wird, vor allem aber mit größeren Teams wie Deutschland und der Türkei, geht es um den besseren Matchplan und dessen optimale Vorbereitung. Und da sieht sich auch der Technische Direktor gefordert. Im Hintergrund, versteht sich: »Ich unterstütze Didi bei der Gegnerbeobachtung, der Analyse und dem Einstellen der Mannschaft. Aber ich brauche keine Medienauftritte, wo ich mir drei Mal fürs Fernsehen die Krawatte richte.«
»Auf das Individuelle legen wir sehr großen Wert. Das ist das Entscheidende. Die individuellen Profile, die Stärken und Schwächen liegen uns sehr am Herzen.«
Die Aufbauarbeit des ÖFB zielt offenbar nicht auf einen eindeutig abzulesenden Stil im Sinne eines schablonenhaften Fußballs ab. Die von Ruttensteiner ins Leben gerufenen Initiativen »Challenge 08« und »Projekt 12« sollen die immer weiter steigende Individualisierung im Fußballtraining vorantreiben. Über das mangelnde mediale Verständnis dieser langfristig angelegten Projekte zeigt sich Ruttensteiner verwundert: »Wir haben das Challenge-Projekt eingeführt und vier Monate später ist in den Zeitungen gestanden, es bringe keinen Erfolg. Da habe ich mir gedacht, ich bin im falschen Film.«
Ein paar Jahre später verkörpern junge österreichische Topspieler aber die durch diese Projekte geförderte individuelle Klasse. »Wir haben Spieler, die nach vorne viel riskieren«, sagt der Technische Direktor. Und in der Tat könnte die offensive Dreierreihe Arnautovic-Junuzovic-Kavlak zum Markenzeichen einer »typisch österreichischen« Unberechenbarkeit werden. Gipfeln soll dieser Prozess freilich in messbaren Ergebnissen, einer »großen Vision«, die in der »Projekt 12«-Broschüre öffentlich kommuniziert wurde: einem dauerhaften Platz unter den Top 30 der FIFA-Weltrangliste (aktuell: 49., beste Platzierung seit 2001).
»Wir möchten auf dem Platz überzeugen und nicht ununterbrochen Wasserstandsmeldungen abgeben. Wir legen die Zielsetzung intern exakt fest, aber wir müssen uns nicht pausenlos verkaufen.«
Die fußballinteressierte Öffentlichkeit hat an Tiefe gewonnen: Mehr und mehr Blogs beschäftigen sich mit Taktik und Systemen, Online-Portale generieren Tausende Klicks durch Debatten über die strategische Ausrichtung von Mannschaften. Schlüssige Erklärungen zu Zielsetzungen, Einberufungen und fachliche Hinweise sind notwendige Argumente, wenn die Umsetzung am Rasen (noch) nicht funktioniert und die Identifikation mit dem Team nicht verloren gehen soll. Der fußballinteressierte Österreicher wird jedoch immer noch mit ernüchternd engstirnigen Statements (»Belgien? An die denken wir ab Samstag!«) abgespeist. Dass der ÖFB sich mit einer Darstellung der durchaus vorhandenen Kompetenz im eigenen Haus Geduld, Respekt und Sympathie beim Publikum kaufen könnte, ist den Verantwortlichen nicht bewusst.
»Die Entscheidung, wer in der höchsten Mannschaft aufläuft, kann nur der Teamchef treffen. Wir haben am Beginn zwar ein, zwei Mal Probleme gehabt, grundsätzlich funktioniert die Koordinierung bei den Einberufungen in diesem Jahr aber hervorragend.«
Im Fokus von Kritikern der Nationalmannschaft steht in erster Linie die Kaderzusammenstellung. Dieses entscheidende Kriterium für den Erfolg, die Integration der »richtigen« Spieler in einen funktionierenden Plan, hat auch in der Ära Constantini für Debatten gesorgt und den Teamchef erst in die defensive Lage gebracht haben, in der er sich aktuell befindet. Zu den Beispielen Andreas Ivanschitz und György Garics sagt Ruttensteiner nur, Constantini habe seine Linie durchgezogen. Weiteres Thema sind die U21-Spieler: »Sie werden raufgezogen, um sie in ihrer Entwicklung nicht aufzuhalten«, sagt Ruttensteiner und gibt am Beispiel David Alaba einen Einblick in die Abläufe: »In der Phase, wenn die Vorentscheidungen zur Kaderplanung getroffen sind, komme ich dazu. Vor dem Länderspiel gegen die Schweiz im August hat der Teamchef gesagt: Wenn Junuzovic ausfällt, brauche ich einen Spielgestalter, ich habe sonst keinen.« Dass diese Position im folgenden Spiel gegen Kasachstan letztlich Veli Kavlak einnahm, während Alaba nur zu einem Kurzeinsatz auf der linken Seite kam, und der U21 beim entscheidenden Spiel in Schottland fehlte, zeigt, dass die Bevorzugung des A-Teams nicht unproblematisch ist. Der Technische Direktor dazu: »Der Teamchef hat keine falschen Entscheidungen getroffen. Bei den Einberufungen hat immer der höhere Trainer das Sagen. Im A-Team geht es nur um Ergebnisse, deswegen hat es eine Sonderstellung.« Andreas Herzog hätte sich mit der U21 zwar sicher für die EM-Endrunde qualifiziert, wenn er Kavlak und Co. durchgehend zur Verfügung gehabt hätte, meint Ruttensteiner: »Im Sinne der Gesamtentwicklung halte ich es aber für gut, wenn die Spieler mit dem größten Potenzial in der höchsten Mannschaft spielen.
»Es ist für einen internationalen Referenten bei einer Fortbildung nicht mehr so leicht, etwas Neues zu bringen. Die Leute haben ein gewisses Anspruchslevel und ein Selbstvertrauen, dass unsere Konzepte zum Erfolg führen. Im Nachwuchs liegen wir sicher unter den Top 10 in Europa. Deshalb auf Topleute zu verzichten, wäre aber fatal.«
Das Trainerteam des ÖFB liegt Willi Ruttensteiner naturgemäß am Herzen. Von der Qualität seiner Leute ist er überzeugt und nennt explizit Herzog und U20-Coach Andreas Heraf. Laut Ruttensteiner hätten die österreichischen Trainer in den vergangenen Jahren einiges aufgeholt, darüber sollten Dialektsprache und Boulevardschmähs nicht hinwegtäuschen. Um diese Entwicklung fortzusetzen, möchte er nur noch absolute Spitzenleute nach Österreich holen. Nach Fitnesstrainer Roger Spry wird für Fortbildungen zu taktischen Fragen etwa Ricardo Muniz, langjähriger Mitarbeiter des Hamburger SV, herangezogen. Einen weiteren Coup will der ÖFB mit der Einladung von Bruno Demichelis landen. Der am Aufbau des revolutionären »Milan-Lab« federführend beteiligte Sportpsychologe, der derzeit für den FC Chelsea arbeitet, soll österreichische Kollegen im kommenden Jahr mit seiner Expertise vertraut machen. Ein Geheimlabor in Lindabrunn? Das wär doch was. Nachdem der so genannte strukturell/funktionelle Bereich, also Technik und Taktik, international nahezu vollständig ausgereizt scheint, findet die Weiterentwicklung des Fußballs im mentalen und im biochemischen Bereich, also der wissenschaftlichen Trainingssteuerung, statt. Der ÖFB könnte alle positiv überraschen, wenn er ganz nebenbei den Ruf als Dopingland, den andere Sportarten Österreich beschert haben, just am Sektor der Biochemie bei Fußballern umdreht.
»Es geht um eine Qualifikation und Ergebnisse. Ich weiß nicht, ob wir eine Freude gehabt hätten, wenn wir gegen Kasachstan besser gespielt hätten und das Match 1:1 ausgeht. Da spiele ich lieber schlecht und gewinne.«
Mit der Mentalität ist es bekanntlich so eine Sache. Dass es der Deutsche Fußball-Bund schafft, die alten Klassiker Siegeswillen und Turniermannschaft mit modernem Hochgeschwindigkeitsfußball zu vereinen, hat bei der WM in Südafrika die Weltöffentlichkeit beeindruckt. Der ÖFB muss kleinere Brötchen backen. Mit dem Verlauf der EM-Qualifikation zeigt sich Ruttensteiner grundsätzlich zufrieden. Zwei Schritte auf einmal attraktiven Angriffsfußball zu spielen und gute Ergebnisse zu erzielen müssen ja nicht von Anfang an gemacht werden. Die Basis für die Abkehr vom klassischen Alleshabenwollen, nicht viel dafür tun und eigentlich eh nicht daran glauben, scheint aber gelegt. Wenn dieser Sprung schon nächstes Jahr gelingt, wäre das paradox unösterreichisch. Also auch wieder nicht. Paradox eben. Österreichisch halt.






Zwei Pflichtsiege und das 4:4 in Belgien haben Didi Constantini den Kopf gerettet. Die laufende EM-Qualifikation wirft aber hintergründigere Fragen auf als die nach der Zukunft des Teamchefs. Wo steht der ÖFB? Wo will er hin? Und mit welchen Mitteln? Eine Antwortsuche mit Willi Ruttensteiner.
erscheint am 12. Juli 2013.
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