Opfer Austria?

cache/images/article_1661_fuh_140.jpg Anders als bei Rapid steht bei der Austria eine kritische wissenschaftliche Aufarbeitung der Vereinsgeschichte während der NS-Zeit noch aus. Der Klub sieht sich primär als Opfer der Nazis, den Parteigängern zum Trotz.
Die »neue« Austria der Post-Stronach-Ära gibt sich gerne geschichtsbewusst. So propagierte der Wiener Großklub anlässlich der Eröffnung des Vereinsmuseums im Mai 2009 den über »Traditionspflege« führenden »Weg zurück zum eigenen Ich«. Während die Austria hinsichtlich des Erinnerungsortes gegenüber dem ewigen Rivalen aus Wien-Hütteldorf die Nase vorne hatte (das Rapid-Museum wird im Herbst 2011 eröffnet), hinkt sie bei der Aufarbeitung der NS-Zeit hinterher. Als Rapid im Juli 2009 vor dem Jubiläumsspiel gegen Schalke 04 wegen des allzu unbefangenen Umgangs mit dem »großdeutschen« Meistertitel in die Kritik geriet, reagierte Präsident Rudolf Edlinger prompt und gab eine Studie in Auftrag, die kürzlich unter dem Titel »Grün-Weiß unterm Hakenkreuz. Der Sportklub Rapid im Nationalsozialismus« in Buchform erschienen ist. Vereinsgeschichtlicher Nachholbedarf besteht auch bei den »Veilchen«, wie durch die fehlerhafte und fragwürdige Darstellung der NS-Zeit in der Publikation zum 100. Geburtstag erneut bewiesen wurde. Zudem bekommt die Austria ihr Neonazi-Problem nicht in den Griff, auch am letzten Spieltag der abgelaufenen Saison hing wieder ein einschlägiges Transparent mit Grüßen an einen rechtsextremen spanischen Mörder auf der Osttribüne.


Im April teilte das Management auf Anfrage mit, die Austria habe sich »durch die Installierung eines Museums schon sehr eingehend mit der Geschichte des Vereins, und daher auch mit der Zeit von 1938 bis 1945 auseinandergesetzt« und sähe sich »derzeit nicht in der Lage ein Forschungsprojekt ressourcenmäßig zu unterstützen«. Zuletzt lenkte Präsident Wolfgang Katzian gegenüber dem ballesterer ein: »Die Nachforschung der eigenen NS-Geschichte ist für den Verein ein wichtiges Thema und ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr starten können. Bei der nächsten Zusammenkunft des Verwaltungsrats am Ende des Sommers werden wir uns ausführlich unserer Geschichte widmen.«

Geschichtslücken
Ein Grundproblem violetter Vergangenheitsbewältigung besteht darin, dass die Austria jahrzehntelang ausschließlich als Opfer des Nationalsozialismus begriffen wurde. Doch selbst die Geschichtsschreibung der NS-Verfolgung von Austrianern ist unter Abzug der Mythen, Halbwahrheiten und Geschichtslügen erstaunlich lückenhaft. Im März 1938 wurde der »Judenklub« Austria vorläufig gesperrt und unter »kommissarische Leitung« gestellt. Der »nicht arische « Vorstand musste ins Ausland fliehen, darunter Präsident Dr. Emanuel »Michl« Schwarz, der die Verfolgung überlebte. Walter Nausch, Trainer, Kapitän und Vereinssekretär in Personalunion, ging mit seiner jüdischen Ehefrau in die Schweiz.

 

Doch wer waren die jüdischen Vorstandsmitglieder neben dem Präsidenten, die nach dem »Anschluss« fliehen mussten? Auch über Austria-Manager Robert Lang, dem zunächst die Flucht nach Jugoslawien gelang, wo er nach dem deutschen Einmarsch 1941 ermordet wurde, ist wenig bekannt. Immer wieder wurde in der Nachkriegszeit kolportiert, es habe 1938 jüdische Spieler in der der Kampfmannschaft gegeben, tatsächlich zählte aber von den Aktiven kein einziger zu den politisch oder »rassisch« Verfolgten. Das Schicksal jüdischer Ex-Spieler der Austria (bzw. ihres Vorgängervereins Amateure) ist hingegen unbekannt. Eine Untersuchung ihrer Lebenswege nach dem Vorbild der Hakoah-Studie »mehr als ein Sportverein« steht noch aus.

Eindimensionale Opferrolle
Der Opferstatus, den die Austria nach 1945 zugesprochen bekam, hat angesichts der Vertreibung und Ermordung von Funktionären seine Berechtigung. Zwar räumen Manager Markus Kraetschmer und Museumskurator Gerhard Kaltenbeck brieflich »die Nähe einiger Spieler oder Funktionäre zum Nationalsozialismus« ein, die weitgehende Ausblendung von Nazis und Mitläufern im Verein verstellt allerdings den Blick auf ein differenziertes Geschichtsbild. Wenn es in der neuen Vereinschronik heißt, die Austria »konnte und wollte sich im Gegensatz zu anderen Vereinen nicht mit den neuen Machthabern arrangieren«, dann ist das zumindest voreilig. Mit der Ablöse des ehemaligen Amateure-Spielers und SA-Mannes Hermann Haldenwang als »kommissarischem Leiter« im Herbst 1938 beruhigte sich die Lage im Klub, der nach einem von April bis Juli 1938 dauernden Intermezzo als »SC Ostmark« auch wieder seinen Namen tragen durfte.

 

Anders als in den turbulenten Monaten nach dem »Anschluss« war der Fortbestand des Vereins in der Folge nicht mehr bedroht, wenngleich die Austria sportlich nicht mehr mithalten konnte. Die neu aufgestellte Führungsriege von den alteingesessenen Funktionären war einzig Sekretär Egon Ulbrich verblieben stand dem Regime keineswegs ablehnend gegenüber. Anders als gerne behauptet, wurde das Präsidentenamt nicht für »Michl« Schwarz freigehalten, sondern im Oktober 1938 mit dem Rechtsanwalt Dr. Bruno Eckerl besetzt, der ab Mai 1938 Anwärter und ab 1941 Mitglied der NSDAP war. Und so wie andere Fußballklubs auch suchte sich die Austria unter der NS-Prominenz mächtige Schirmherren: SS-Führer Ernst Kaltenbrunner und sein Sekretär Walter Münch nahmen die Posten des Ehrenpräsidenten und des für ideologische Schulungen zuständigen Dietwarts ein. Im Vergleich zu Rapid zeigt sich unter den Spielern eine größere Affinität zum Nationalsozialismus, zählte doch mit SA-Mann Hans Mock mindestens ein Aktiver zu den NSDAP-Mitgliedern. Bislang sind zudem zwei Fälle bekannt, in denen Austria-Stars von der »Arisierung« jüdischen Eigentums profitierten: Karl Sesta und Matthias Sindelar.

Symbolfigur Sindelar
Im Zuge der zwischen 2003 und 2005 geführten Debatte über die Rolle des »Papierenen« während der NS-Zeit hielt sich die Austria bedeckt. Einzig der legendäre Ex-Sekretär Norbert Lopper, selbst NS-Opfer und Antifaschist, meldete sich im Standard zu Wort, er »lasse Matthias Sindelar nicht ins rechte Eck stellen«. Ein offizielles Statement der Vereinsführung blieb aus, dafür wurde im April 2004, kurz nach Überschreiten des hitzigen Höhepunkts der Diskussion, eine »Autobus-Nostalgie-Rundfahrt durch Wien« angeboten, die unter anderem zum »Wohn- und Kaffeehaus von Matthias Sindelar« führte.

 

Während der FC Schalke 04 im Jahr 2001 auf eine Straßentaufe nach dem legendären Spielmacher Fritz Szepan verzichtete, weil der von der »Arisierung« eines Geschäfts profitiert hatte, wurde die 1999/2000 vorgenommene Benennung der Südtribüne des Horr-Stadions nach Sindelar nicht einmal ansatzweise diskutiert. Auch heute spricht die Austria über das »von Matthias Sindelar übernommene arisierte Kaffeehaus«, ganz so, als sei »Sindi« bloß Käufer und nicht »Ariseur« gewesen. »Wir machen uns unseren eigenen antifaschistischen Helden und den lassen wir uns auch nicht wegnehmen«, hatte Peter Menasse 2004 die Haltung der Austria in der Causa zusammenfassend kritisiert. Dabei bestünde an geeigneten Helden kein Mangel, wie das Beispiel von Ernst Stojaspal zeigt. Er ließ sich vor seiner glanzvollen Karriere in der violetten Dress die Hand brechen, um dem weiteren Kriegsdienst in Hitlers Armee zu entgehen. Doch der verurteilte »Wehrkraftzersetzer« hat abseits des Fußballs bislang noch keinen Platz im Geschichtsbild der Austria erhalten.

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