Paranoia am Bosporus?

Nach dem WM-Qualifikationsspiel zwischen der Türkei und der Schweiz brannten einigen Beteiligten die Sicherungen durch. Doruk Yurdesin über Hintergründe und Ursachen der Jagdszenen von Istanbul. Übersetzung aus dem Englischen: Reinhard Krennhuber.
Die Auslosung der Barrage löste in der Türkei nostalgische Gefühle aus, waren mit der Schweiz doch zwei wichtige Stationen des Aufstiegs des nationalen Fußballs verbunden. 1989 hatte Galatasaray im Meistercup Xamax Neuchatel eliminiert und war dadurch bis ins Viertelfinale vorgestoßen. Sechs Jahre später fixierte die Nationalmannschaft mit einem Sieg über die Eidgenossen in Zürich die erstmalige Teilnahme an einer Europameisterschaft. Zwei Heroen des damaligen Sieges, Teamchef Fatih Terim und Stürmer Hakan Sükür, waren auch diesmal wieder dabei und sollten die Durststrecke beenden, in die sich das türkische Team nach Platz drei bei der WM 2002 manövriert hatte.

 

Argwohn und Verschwörung

 

Doch mit den Träumen war es schnell vorbei. Erste Sorgen um eine faire Behandlung machten sich die Kolumnisten in Istanbul und Ankara, als die UEFA am 8. November die Türkei aus dem Kandidatenkreis für die Ausrichtung der EM 2012 eliminierte. Der Ehrenpräsident des Verbandes, Senes Erzik, gleichzeitig Vizechef der UEFA, und der mittlerweile abgetretene Verbandspräsident Levent Bicakci sahen in der Entscheidung ein Politikum, hatte die türkische Bewerbung den technischen Kriterien der UEFA doch in höchstem Maße entsprochen.
Am selben Tag tauschte die FIFA die Schiedsrichter für das Rückspiel in Istanbul aus. Der eigentlich vorgesehene Spanier Luis Medina Cantelejo, der eine Woche zuvor beim Champions League-Spiel zwischen Schalke 04 und Fenerbahce zwei Spieler der Istanbuler ausgeschlossen hatte, wurde ersetzt durch den Begier Frank de Bleeckere, seinerseits Spielleiter im skandalträchtigen U17-WM-Halbfinale mit drei Roten Karten für die Türken. Verkauft wurde der Schritt als Vorsichtsmaßnahme, Medina sollte ein Auftritt im Fenerbahce-Stadion erspart bleiben. Trotzdem entstand ein schaler Beigeschmack, waren sich die türkischen Medien über die Rechtmäßigkeit der Ausschlüsse auf Schalke doch einig gewesen und der FIFA-Schritt für alle Beteiligten völlig überraschend erfolgt.
Zu diesem Zeitpunkt weilte Terims Team bereits in der Schweiz und Massenblätter wie »Hürriyet« bastelten schon an der nächsten Verschwörung. Im Mittelpunkt: Unschöne Kommentare über türkische Spieler in der Schweizer Presse. Unerwähnt blieb, dass einzig die Boulevard-Zeitung »Blick« über die Stränge geschlagen hatte. Viel Raum wurde auch Alexander Freis Spuckattacke gegen Steven Gerrard bei der EM in Portugal eingeräumt, weil die Fünf-Spiele-Sperre des Schweizer Angreifers von einem UEFA-Komitee unter der Führung Bicakcis ausgesprochen worden war.

 

Terim sucht sich Sündenböcke

 

Die Schweizer gewannen das Hinspiel in Bern mit 2:0 und die türkische Mannschaft sah sich einem gnadenlosen Verriss in der Heimat ausgesetzt. Das Niederpfeifen der Hymne stellte in den Berichten nur eine Randnotiz dar, weil ähnliches auch bei Länderspielen in der Türkei nichts Ungewöhnliches ist. Selbst dass Schiedsrichter Lubos Michel der Türkei einen »klaren Elfer« vorenthalten hatte, erregte die Gemüter weniger als die körperliche Unterlegenheit von Terims Team, die auch der alles andere als selbstkritische Teamchef eingestehen musste.
Nach heftigen Diskussionen über die Niederlage tauchten am Montag nach dem Spiel erste Beschwerden über die schlechte Behandlung der türkischen Equipe durch Schweizer Spieler, Funktionäre und Zuschauer auf. Terim warf Schiri Michel vor, seinem Team den Todesstoß versetzt zu haben und behauptete, die Schweizer hätten eigens türkische Schimpfwörter gelernt, um seine Schützlinge zu provozieren. Die Sündenböcke waren gefunden, und nur wenige Kolumnisten blieben bei ihrer ursprünglichen Einschätzung, wonach während der Partie, die türkische und Schweizer Fans friedlich neben einander verfolgt hatten, nichts Schlimmes passiert sei.
Doch Terim hatte noch nicht genug. Kurz vor dem Rückspiel gab er die Order aus, die Türken sollten »nicht sehr gastfreundlich« mit dem Gegner umgehen. Prompt wurden die Eidgenossen bei ihrer Ankunft mit den bekannten Transparenten (»Welcome to Hell«) empfangen. Eier flogen, die Fahrt zum Hotel gestaltete sich als Spießrutenlauf und dauerte dreieinhalb Stunden.
Um dem Wirbel zu entgehen, stornierten die Schweizer sogar das Training. In diesem angespannten Klima blieben die Pressekonferenzen der beiden Teamchefs am nächsten Tag unübersetzt. In der türkischen Öffentlichkeit hielten sich die Stimmen jener, die stolz darauf waren, das Schweizer Benehmen vom Hinspiel noch getoppt zu haben, die Waage mit Warnungen an die Fans und das Team, den Bogen nicht zu überspannen.

 

Aus Blatter spricht der Schweizer

 

Dann kam das Spiel und die Türkei schied aus. Den Verlierern nutzte es auch nichts, dass sie dem Gegner, der in der gesamten WM-Quali nur sieben Tore erhalten hatten, vier Treffer in 90 Minuten geschossen hatten. Die Gewinner wiederum suchten ihr Heil in der Flucht in die Kabinengänge. Die Berichte über die folgenden Tumulte gingen um die Welt.
Am nächsten Morgen, als die türkischen Fans gerade im Begriff waren, zu lesen, wie sich Terim über den Schiedsrichter echauffierte, meldete sich Sepp Blatter zu Wort. Der FIFA-Chef erklärte, wie sehr ihn die Vorfälle als Schweizer verletzen würden, und dass er mit der Absicht der härtest möglichen Strafe Ermittlungen gegen den türkischen Verband eingeleitet habe. Die türkische Öffentlichkeit war sich weitgehend einig, dass die Vorgänge nach dem Spiel eine Schande darstellten, aber die Kommentare von Blatter, der sich aus der fernen Schweiz wohl nur schwer ein umfassendes Bild machen konnte, waren zu einseitig und kamen zu schnell.
Im Spielertunnel hatten sich Personen aufgehalten, die dort nichts zu suchen hatten. Einige von ihnen waren mit Stadionverboten belegt und gelangten trotzdem an Akkreditierungen. Die gleichen Personen, die 1999 Fenerbahce-Tormann Rüstü nach einem Cupspiel niedergeschlagen hatten, attackierten Schweizer Teammitglieder, bedrohten Medienvertreter und beschimpften türkische Kameramänner als Verräter.
Die europäischen Medien standen bei alledem unter genauer Beobachtung der türkischen Presse. Die übersetzten Schlagzeilen und Kommentare erweckten den Eindruck, dass Europa fast froh über die Vorfälle sei. Sportminister Mehmet Ali Sahin machte derweil den Betreuerstab und den Verband für die Vorkommnisse verantwortlich. Nur wenige erinnerten sich, dass ebendieser Politiker vor wenigen Monaten die Anweisung erteilt hatte, die Endrunde sei unter allen Umständen zu erreichen.

 

Ein Co-Trainer zeigt Reue

 

Mit dem Wochenende zog der Liga-Alltag ein und dem Skandal wurde immer weniger Platz eingeräumt. Jedoch nicht, ohne die Playoff-Tragödie als Verschwörung von FIFA und UEFA gegen die Türkei dargestellt zu haben, die in der Feindschaft zwischen
Blatter und Erzik ihren Ursprung haben sollte. Schließlich hatte Erzik den Schweizer bei seiner Wiederwahl nicht unterstützt. Daneben wurden der tragische Sittenverfall und die Stigmatisierung des türkischen Fußballs beweint.
Die folgende Woche begann mit dem Rücktritt von Assistenz-Coach Mehmet Özdilek, einem der Verantwortlichen für die unschönen Szenen. Er hatte einem Schweizer Spieler das Bein gestellt, worauf ihm Benjamin Huggel einen Tritt versetzte, auf den er adäquat reagierte. Özdilek entschuldigte sich für seine »schlimmen und unakzeptablen Taten«. Bezeichnend ist, dass der während seiner 12-jährigen Karriere im Mittelfeld von Besiktas kein einziges Mal ausgeschlossene Ex-Internationale bis jetzt der einzige Beteiligte auf beiden Seiten war, der Konsequenzen aus seinem Verhalten zog.
Und während drei türkische und fünf Schweizer Spieler sowie Mitglieder der Betreuerteams von der FIFA vorgeladen wurden, nahm der AC Milan im CL-Spiel bei Fenerbahce am Ort des Skandals eine gesunde Portion an Gastfreundschaft dankend entgegen. Die Italiener wurden mit Blumen begrüßt, Schewtschenko durfte vier Tore bejubeln und zum Abschied gab es stehende Ovationen für die Auswärtsmannschaft.

Referenzen:

Heft: 20
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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