Platzsturm der Funktionäre

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Vor 58 Jahren trat das brasilianische Nationalteam erstmals in Wien an. Die Zuschauer sahen fünf reguläre Tore, nicht gegebene Abseitstreffer und wutentbrannte CBF-Funktionäre, die den Schiedsrichter auf dem Feld bedrängten. 

Robert Florencio | 12.11.2014

Am 18. November trifft die österreichische Nationalmannschaft zum neunten Mal in ihrer Geschichte auf Brasilien. Für den ÖFB wird die Begegnung in Wien vermutlich zum bisher teuersten Freundschaftsspiel - der ursprünglich für das letzte Länderspiel des Jahres vorgesehene ukrainische Verband sagte die Begegnung gegen den Fünffachweltmeister angeblich nach einer Gesamtforderung von vier Millionen US-Dollar zuzüglich Abtretung aller kommerzieller Rechte dankend ab. Sind heute mehrere Agenturen und Vermittler in Verhandlungen über Länderspiele involviert, lief es in den 1950er Jahren auf kürzerem Weg.

Alte Bekannte aus Brasilien
Als einer der Pioniere des internationalen Spielvermittlungsgeschäfts gilt Julius Ukrainczyk. Durch seine Freundschaft mit Austria-Funktionär Norbert Lopper beriet er zahlreiche österreichische Vereine und vermittelte ihnen lukrative Auslandstourneen in der spielfreien Zeit im Winter. Ukrainczyks Kontakte ermöglichten ab 1949 eine rege Reisetätigkeit der Wiener Spitzenmannschaften Rapid, Austria und Wacker nach Südamerika. Umgekehrt vermittelte er auch die Europareisen südamerikanischer Mannschaften. Am 15. November 1950 trat Atletico Mineiro als erste brasilianische Mannschaft in Wien an. Das Spiel gegen den SK Rapid im mit 61.000 Zuschauern randvoll besetzten Praterstadion endete mit einem überraschenden 3:0-Sieg der Gastgeber. In den folgenden sieben Jahren kam es zu insgesamt 25 Aufeinandertreffen zwischen österreichischen und brasilianischen Vereinsmannschaften, davon allein sechs Begegnungen in Wien. Bei diesen musste sich nur die Wiener Austria dem FC Sao Paulo geschlagen geben. Die Spiele waren durchwegs gut besucht, die Fans waren neugierig, was die damals schon als Wunderkicker titulierten Gäste auf den Rasen zauberten.

Als am 12. April 1956 die brasilianische Nationalmannschaft auf ihrer ebenfalls von Ukrainczyk organisierten Europatournee nach Spielen in Portugal und der Schweiz in Wien eintraf, war es schon fast so etwas wie ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Der Tross von 22 Spielern - darunter so bekannte Namen wie Djalma, Nilton Santos und Didi -,sieben Funktionären, acht Journalisten und 25 Begleitpersonen bezog, wie Martin Maier in der Wiener Arbeiterzeitung berichtete, ihr Domizil im Parkhotel Schönbrunn.

Fernsehpremiere
Dem brasilianischen Team eilte der Ruf voraus, läuferisch und technisch absolute Weltklasse, in Spielorganisation und Effizienz aber stark verbesserungswürdig zu sein. Erstaunt gibt Maier in seinem Spielbericht die Worte von Brasiliens Trainer Flavio Costa wieder, der vor der Presse erklärte, schöner als all die drei Tore seiner Mannschaft sei der Trick von Didi gewesen, der den Ball mit der Ferse von hinten nach vorne gezogen hatte.

Die Begegnung am 15. April wartete jedoch noch mit anderen Kuriositäten auf, so etwa die Auswechslung des Debütanten und Torschützen Rudolf Sabetzer durch den österreichischen Teamchef Karl Geyer, der seine Entscheidung zwei Minuten später revidierte und Sabetzer für den ausgelaugten Gerhard Hanappi neuerlich einwechselte. Ein Vorgang, den die Österreicher am Fernsehapparat verfolgen konnten, handelte es sich doch um die allererste Liveübertragung eines Spiels des Nationalteams durch den Österreichischen Rundfunk. Die 50.000 Besucher, die sich trotz stark erhöhter Kartenpreise im Prater einfanden, bekamen zudem einen echten Platzsturm geboten. Nach dem dritten nicht gegebenen Abseitstor der Gäste enteilten zwei hochrangige Funktionäre, der damalige Verbandspräsident Silvio Pacheco und sein Stellvertreter Mendonca Falcao, dem Ordnerdienst und der Polizei. Sie bestürmten den jugoslawischen Schiedsrichter Veljko Romcevic und drohten ihm mit einem Abtritt ihrer Mannschaft. Romcevic blieb jedoch standhaft und versagte den Gästen in der zweiten Halbzeit noch zwei weitere Treffer. Dennoch kam Brasilien am Ende zum einem hochverdienten 3:2-Sieg. Martin Maier notierte in seiner Spielanalyse: "Noch nie hat ein Gegner - nicht einmal die Ungarn - die ÖFB-Auswahl auf eigenem Boden spieltechnisch so deklassiert wie die Brasilianer."

Der Platzsturm der Funktionäre zog einen Brief der FIFA nach sich, die von beiden Seiten eine Stellungnahme einforderte. ÖFB-Präsident Hans Walch räumt in seinem Schreiben ein, man sei nicht auf einen Platzsturm von der Ehrentribüne weg vorbereitet gewesen, Polizei, Ordner und ÖFB-Funktionäre hätten die Ordnung jedoch in kurzer Zeit wieder hergestellt. Die FIFA beließ es bei einem Ermahnungsschreiben an den brasilianischen Verband, ein derartiges Verhalten künftig zu unterlassen. Der aktuelle brasilianische Verbandspräsident Jose Maria Marin und sein designierter Nachfolger Marco Polo del Nero werden am 18. November im Ernst-Happel-Stadion wohl auf ihren Sitzen bleiben.

Referenzen:

Heft: 97
ballesterer # 121

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