Rapid-Fans im Visier der Justiz

cache/images/article_1663_rapidpoliz_140.jpg Die erste Tranche des »Westbahhof-Prozess« endete mit der Verurteilung von 29 Rapid-Fans. Die zuletzt schon angespannte Stimmung im Block West dürfte sich weiter verschlechtern. Aus aktuellem Anlass das ballesterer-Dossier zur Situation bei Rapid nach dem Platzsturm im Mai 2011 und einer Erklärung von §274 StGB.
Jakob Rosenberg | 12.07.2011
»Rapid wird ein normaler Verein. Der Fan wird zum Kunden, der gerne im Fanshop einkaufen kann. Da ist er gerne gesehen. Er soll ins Stadion gehen, sich reinsetzen, das Match anschauen und sich dann wieder schleichen«, sagt Thomas Lanz von den »Ultras Rapid«. »Rapid hat den Plan wahrscheinlich schon in der Schublade gehabt. Ich behaupte, dass es Leute im Verein gibt, die gesagt haben, wir wollen weg von diesem Rapid ist Fans mit einer Mannschaft. Wieso auch immer. Die letzten Jahre sind ja nicht so schlecht gelaufen.« Tatsächlich, ob es die Choreografien vor Matchbeginn, das Überschreiten der 10.000er-Marke bei den Abonnenten bei einem Schnitt von 7.858 Zuschauern in der Bundesliga , ein mehrfach ausverkauftes Happel-Stadion oder die meisten Auswärtsfahrer in der Europa League waren, der Verein wurde nicht müde, seine Einzigartigkeit zu betonen. »Wir haben uns in diesen Erfolgen schon gesonnt und das zelebriert«, sagt Rapid-Klubservice-Leiter Andy Marek. »Wir haben immer gesagt, das gibts nur bei Rapid. Und dann steht am 22. Mai die Gegenfront auf: Das gibts nur bei Rapid.«

Ausgemusterte schwarze Schafe
Am 22. Mai 2011 fand das kürzeste Wiener Derby der jüngeren Geschichte statt. Schon vor Matchbeginn machten im Stadion Gerüchte die Runde, es könne bei einer schlechten Leistung zu einem Platzsturm kommen. Nachdem die Austria in der 26. Minute das 2:0 geschossen hatte, stürmten tatsächlich einige hundert Fans auf das Feld. Die ersten Minuten verliefen chaotisch: Die Rapid-Spieler wurden am Weg in die Kabinen von den Platzstürmern beschimpft und angerempelt. Noch bevor ein einziger Rapid-Fan die Osttribüne der Austrianer erreichte, hatte die Polizei einen massiven Kordon gebildet. Ein Fan warf eine brennende Fackel in den Gästesektor, Leuchtstiftpatronen mit demselben Ziel folgten. Die Polizeikette drängte die nun großteils zum Stillstand gekommenen Fans langsam zurück. Im Zuge des Polizeieinsatzes wurde eine Polizistin durch einen Bengalen am Bein verletzt. Michael Neugebauer, Leiter des Zentrums für Sportangelegenheiten im Innenministerium, spricht von einem »bilderbuchmäßigen« Einsatz: »Wir haben rechtzeitig gehandelt und ein sehr gutes Ergebnis erzielt. Der Einsatz war zielorientiert, maßhaltend im Vollzug und verhältnismäßig. « Dennoch konnte die Polizei nicht mehr für die sichere Abwicklung garantieren, das Spiel wurde abgebrochen.


In der Berichterstattung vieler Zeitungen verlagerte sich der Bürgerkriegsschauplatz fortan von Libyen ins Hanappi-Stadion. Nicht die griechische Wirtschaftskrise, sondern der »Hass-Grieche«, ein tätowierter Fan aus Griechenland, der sich besonders ungeschickt in Szene gesetzt hatte, dominierte die Schlagzeilen. In ersten Stellungnahmen der Vereinsverantwortlichen wurden scharfe Maßnahmen gefordert. Sportminister und Rapid-Kuratoriumsmitglied Norbert Darabos sprach sogar davon, dass ein »Geschwür « entfernt werden müsse. Fanhistoriker Domenico Jacono: »In der Fanpolitik wurde immer die Rapid-Familie beschworen, zu der auch die sogenannten schwarzen Schafe zählten. Sie jetzt als Geschwüre oder sozial Gescheiterte zu bezeichnen, ist zumindest ein verbaler Bruch, der für entsprechenden Unmut gesorgt hat.« Weitere Spannung bringt der zehn Punkte umfassende Maßnahmenkatalog des Vereins, der von der Personalisierung der Karten auf den Fantribünen über einen Umzug beim Derby ins Happel-Stadion bis zu rigorosen Stadionverboten und Regressforderungen reicht.

Eine Geschichte von Platzstürmen
Auch wenn medial von der »schwärzesten Stunde« des Vereins berichtet wurde, der Platzsturm beim Derby war nicht der erste seiner Art. Bereits 1911 stürmten Rapid-Anhänger bei einem Spiel gegen den WAF das Feld, um einen gefoulten Spieler zu rächen, 1961 wurde die Meistercup-Partie Rapid gegen Benfica nach einem Platzsturm abgebrochen. Jacono: »Da ist das Praterstadion weitgehend demoliert worden. Das waren massive Riots mit 5.000 beteiligten Menschen und zahlreichen Verletzten.« Weitere Platzstürme folgten: Als frühzeitige Meisterfeier 1983 in Eisenstadt und zuletzt 2001, als Rapid zu Hause 0:4 gegen den GAK verlor. »Der Platzsturm damals war anders, weil er friedlich war. Den Grazern ist nichts passiert, die Polizei war nicht mit Hundertschaften am Feld, es waren nicht 300 Leute, sondern 40«, sagt Ultra Lanz. »Die Zeit ist eine andere, es sind mehr Leute im Stadion, die Berichterstattung hat sich intensiviert. Damals hat es viel weniger Zeitungsartikel gegeben und die waren viel sachlicher.« Der Platzsturm 2001 richtete sich gegen Trainer Ernst Dokupil und endete mit einem kurzfristigen Erfolg: Dokupil wurde nach der nächsten Niederlage entlassen, ihm folgten jedoch Lothar Matthäus und die schlechteste Platzierung Rapids in der Vereinsgeschichte.


Auch am 22. Mai soll die sportliche Leistung der Auslöser für den Fanprotest gewesen sein. »Die Leute waren heiß und sind spontan rein«, sagt Sebastian Kiss von den »Ultras Rapid«. »Wir haben ja schon länger Protestspruchbänder gemacht, 15 Minuten nicht gesungen und so weiter, aber das hat anscheinend niemanden interessiert.« Speziell die abgelaufene Frühjahrssaison brachte einige Turbulenzen, die mit dem Abgang von Sportdirektor Alfred Hörtnagl und kurz darauf Trainer Peter Pacult ihren Höhepunkt erreichte. Personelle Veränderungen, die auch in der Fanszene zu Unstimmigkeiten geführt hatten: Die »Ultras Rapid« forderten den Pacult-Rauswurf, die »Alte Garde« wollte den Trainer behalten. Mit der 1:2-Niederlage gegen Ried im Cup-Semifinale folgte der nächste Rückschlag, Verein und Fans konnten die Hoffnung auf einen internationalen Startplatz aufgeben. Auch Andy Marek bestätigt die Unruhe im Verein: »Im Frühling hat es immer gebrodelt. Es hat Böller und Leuchtstifte gegeben, dann die Änderungen bei den Chefs diverser Fanklubs und nicht zuletzt offensichtliche vereinsinterne Probleme. Dann ist dieser Strohhalm gekommen, dieses Cup-Spiel, das für die Fans so unglaublich wichtig war. Das geht verloren und dann passiert etwas.«

Ideale im »modernen Fußball«
Dass gerade die sportlichen Enttäuschungen als Ursachen für den Platzsturm herhalten müssen, ist bei einer von Ultras dominierten Fankultur paradox. Schließlich heften sich die Ultras den Kampf gegen den »modernen Fußball« auf die Fahnen und kritisieren die Maßnahmen der Vereine, um in diesem wettbewerbsfähig zu bleiben: Orientierung auf neue konsumstarke Zuschauerschichten, Maximierung von Werbe- und TV-Einnahmen, inklusive damit verbundener zerstückelter Spieltage. »Das ist ein zweischneidiges Schwert: Wir wollen am liebsten sponsorenlos spielen, aber auch um die Meisterschaft«, sagt Lanz. »Aber das war jetzt nicht zentral. Wenn wir einigermaßen gespielt hätten und Dritter geworden wären, wären wir auch nicht zufrieden gewesen, aber es hätte keinen Platzsturm gegeben.« Auch einen zweiten möglichen Widerspruch zwischen Ultra-Idealen und der Situation bei Rapid wollen die Ultras nicht als Grund für den Platzsturm gelten lassen. Zuletzt herrschte ein gutes Einvernehmen zwischen Fans und Verein, die in den Ultra-Idealen geforderte Unabhängigkeit war zumindest aufgeweicht. »Wir sind den Ultras-Rapid-Weg gefahren, wir waren als Teil des Gesamtpakets zuständig für die Stimmung. Mit dem aktuellen Generationswechsel wollten wir wieder mehr Unabhängigkeit, aber da hilft uns der Platzsturm doch nicht«, sagt Thomas Lanz. »Klar, jetzt wurde Tabula rasa gemacht, aber das hätten wir auch anders erreichen können. Da brauchen wir keinen Platzsturm, der uns wieder um Jahre zurückwirft.«


Rapid-Präsident Rudolf Edlinger machte in seinen Analysen auf die beschränkten Einflussmöglichkeiten des Vereins und die Verantwortung der Gesellschaft für Probleme wie Gewaltbereitschaft aufmerksam. Eine Deutung, die bei den Ultras auf Widerstand stößt: »Natürlich ist der Fußballplatz auch Spiegelbild der Gesellschaft, aber der Platzsturm hat nicht stattgefunden, weil die Leute von der Arbeit frustriert sind«, sagt Kiss. »Das ist in Griechenland sicher etwas anderes, weil da schepperts jeden Tag mit der Polizei. Aber in Wien kommen ja nicht einmal Leute auf Demonstrationen.«Fanhistoriker Jacono assistiert: »Am Platzsturm selbst sind gesellschaftliche Zusammenhänge schwer festzumachen. Aber man kann davon ausgehen, dass das, wogegen protestiert worden ist, im Zusammenhang mit den Entwicklungen im hochkapitalisierten Medienfußball steht. Ich meine damit die sportliche Misere und eine gewisse Haltung der Spieler. Sie sind als Popstars der Anhängerkultur vollkommen entrückt.«

 

Protest ohne Botschaft
»Beim Platzsturm geht es darum, das Spiel physisch zu vereinnahmen und die Grenze vom Zuschauer zum Akteur zu überschreiten. In letzter Konsequenz zeigst du, dass du dich als Teil des Vereins und nicht nur als Konsument verstehst«, sagt Jacono. Als Aneignung eines öffentlichen Raums erinnert der Platzsturm an klassische demokratische wenn auch formal manchmal illegale Protestformen wie Demonstrationen und zivilen Ungehorsam. »Der Platzsturm ist ein Protestmittel wie eine Besetzung aufgrund irgendeiner Regierungssituation. Nicht so politisch, für uns aber genauso wichtig«, sagt Kiss. Und auch Michael Neugebauer vom BMI legt auf eine differenzierte Betrachtung wert: »Wenn jemand einen Platz mit dem Motiv stürmt, einen Protest gewaltfrei zum Ausdruck zu bringen, kann das rechtlich eine Verwaltungsübertretung sein. Es ist jedoch etwas anderes, wenn ein Täter einen Bengalen in die Zuschauermenge wirft. Das ist ganz klar eine strafrechtliche Handlung.«
Es war gerade diese Szene, die die Medienbilder dominiert hat, sie wurde im Fernsehen auf und abgespielt. »Der Protest wurde nicht so kundgetan, dass das jemand nachvollziehen kann. Die 700.000 Zuschauer im Fernsehen haben nicht gewusst, warum da jetzt Leute auf dem Platz sind«, sagt Andy Marek. »Ich wünsche mir nicht, dass alle 14 Tage jemand am Spielfeld steht, aber wenn es schon einen Protest gibt, dann könnten sich ja auch 50 Leute ins Tor setzen und ein Transparent hochhalten: Danke für nichts oder Herr Präsident, wann tun Sie etwas?. Das bekommen alle mit.«

In der Berichterstattung gingen mögliche Protestbotschaften völlig unter, zu reißerisch wurde über das Gewaltproblem am Fußballplatz berichtet. Selbsternannte Experten wie Roman Mählich und Toni Polster wurden zu Meinungsführern, Politiker jeglichen Couleurs meldeten sich zu Wort. »Natürlich wurde das auch auf der politischen Bühne genutzt, um Flagge zu zeigen. Das sind normalerweise Herrschaften, die sich zu Spielen der österreichischen Bundesliga nicht zu Wort melden«, sagt Peter Truzla, Sicherheitsexperte im Senat 3 der Bundesliga. Der Verein geriet unter stetig steigenden Handlungsdruck.

Resozialisierung statt Schnellschuss
Der am 14. Juni angekündigte Maßnahmenkatalog liest sich dementsprechend bombastisch. Neben der Personalisierung der Karten für die Fantribünen, Regressforderungen an die Platzstürmer und den Umzug ins Happel-Stadion bei kommenden Derbys, betrifft der wesentlichste Punkt die Ankündigung von bundesweiten Stadionverboten von zwei bis zehn Jahren für die identifizierbaren Platzstürmer. Aussprechen soll sie der Senat 3 der Bundesliga, dem bisher rund 60 Namen vorliegen sollen. Die Verantwortlichen wollen die Entscheidung bei einer außerordentlich anberaumten Sitzung treffen. (Ergebnis bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt, Anm.)

»Der Senat 3 war noch nie mit einer derartigen Fülle an Fällen konfrontiert, aber es wird administrierbar sein müssen«, sagt Horst Jäger, Vorsitzender des Ligagremiums. »Wir werden keine Schnellschüsse tätigen und halten nichts von einem lebenslänglichen Stadionverbot. Es soll schon weh tun, aber man sollte einen Anreiz zur Resozialisierung bieten, denn nur mit Verboten allein lösen wir nichts.« Rechtsunsicherheit herrscht derzeit auch noch darüber, ob überhaupt Stadionverbote in der Höhe von zehn Jahren ausgesprochen werden können, schließlich betrug die Höchstgrenze in der abgelaufenen Saison noch zwei Jahre, die Satzungen wurden nach dem Derby von der Präsidentenkonferenz verändert. Ob ein Rückwirkungsverbot auch für die Platzstürmer gilt, kann Jäger noch nicht beantworten: »Das ist ein juristisches Thema, bei dem sicher mit der Geschäftsstelle der Bundesliga Rücksprache zu halten sein wird. Zumal, offiziell kennen wir das noch gar nicht, das haben wir nur aus den Medien übernommen.«

Abgesehen von der Verfolgung der Platzstürmer beinhaltet Rapids Maßnahmenkatalog auch eine härtere Bestrafung für das Werfen von Gegenständen. Die geplante Umgestaltung des größten Gastronomiebetriebs, des Rapid-Dorfs, lässt eine gezielte Orientierung auf ein Familienpublikum vermuten. Für die Ultras besteht der Eindruck einer kollektiven Bestrafung: »Natürlich ist es suboptimal, wenn Fackeln in den Auswärtssektor fliegen, aber dafür kann man nicht die 300 Leute verantwortlich machen, die am Feld waren. Und schon gar nicht kann man Tausende mit diesem Maßnahmenkatalog bestrafen«, sagt Kiss. Wesentlich mehr als die Maßnahmen stören die Ultras die Aussagen von Rapid-Präsident Edlinger: »Wenn er sagt: Wir sind der Verein, wir können nichts machen. Die Politik ist gefordert, die Polizei ist gefordert, dann ist es nicht verwunderlich, wenn die Justiz handelt.«

Mittelalterlicher Landfrieden
In den Morgenstunden des 10. Juni fanden Hausdurchsuchungen bei fünf Führungspersönlichkeiten von wichtigen Fanklubs statt. Einem, der am 22. Mai nicht einmal im Stadion war, wurde seine Tätigkeit als Forenbetreiber zum Verhängnis: Alexander Ottitzky, Mitglied der »Alten Garde« und Webmaster von rapidfans.at. »Die Polizisten sind mit Schusswesten und entsicherten Waffen vor der Tür gestanden. Das war die Abteilung Leib und Leben, die normalerweise für ganz andere Sachen zuständig ist. Es ist schon eigenartig, dass das die Topermittler der Polizei übernehmen, ein Polizist hat mir gesagt, er sollte eigentlich die Eisfee (mordverdächtige Eissalonbesitzerin, Anm.) suchen.« Die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft zielen auf eine Anzeige nach § 274 StGB, Landfriedensbruch, ab. Der Landfriedensbruch kann als Vorläufer eines zentralisierten Gewaltmonopols gesehen werden, schließlich stellte er im Mittelalter den Gebrauch des Fehde- und Faustrechts unter Strafe. Konflikte sollten nur noch vor Gericht ausgetragen werden. § 274 findet in der österreichischen Strafrechtspraxis kaum Anwendung, doch gerade für Fußballfans ist der Gesetzestext relevant.

Im Oktober soll der Prozess gegen rund 90 Rapid-Fans beginnen. Ihnen wird vorgeworfen, am 21. Mai 2009 Austria-Fans am Westbahnhof abgepasst zu haben. Der Landfriedensbruch stellt Zusammenrottungen einer Menschenmenge mit dem Vorsatz, einen Mord, einen Totschlag, eine Körperverletzung oder eine schwere Sachbeschädigung zu begehen, unter Strafe. Der Strafrahmen beträgt maximal drei Jahre Haft. Wesentliches Element ist der Vorsatz, bei den laufenden Untersuchungen wird sich die Staatsanwaltschaft also darum bemühen, diesen festzustellen. In der Begründung des Hausdurchsuchungsbefehls heißt es: »Diese Fanclubs sind streng hierarchisch aufgebaut und es gibt jeweils einen Anführer bzw. Führungspersonen, ohne deren Wissen und Zustimmung keine Aktionen geplant und durchgeführt werden. Dies trifft natürlich auch auf den Platzsturm zu.«

Die Post und der Erpresserbrief
Die Fans bestreiten die Planung des Platzsturms unisono, Ottitzky sagt: »Man hat ja gesehen, wie chaotisch das verlaufen ist. Wenn das geplant gewesen wäre, wäre es anders abgelaufen.« Auch Andy Marek kann sich nicht vorstellen, dass der Platzsturm ausgemacht gewesen sei: »Es war dezidiert nicht geplant, dass es zu einem Abbruch kommt. Ich habe so viele Gespräche geführt und nie den Eindruck gehabt, dass mein Gegenüber zu Hause den Plan in der Schublade liegen hat: Ich komme rechts, du kommst links, er kommt dort.« Ottitzky macht die Medien für die Ermittlungen verantwortlich: »Die Zeitungen waren die einzigen, die von einem Platzsturm gewusst haben. Österreich hat schon drei Tage vorher davon berichtet. Die reimen sich irgendwas zusammen, haben aber nicht einen Informanten aus der Szene. « Die Verabredung zum Platzsturm soll im Forum rapidfans.at stattgefunden haben, Ottitzky wird verdächtigt, ein Rädelsführer zu sein. »Das ist lächerlich. Ich weiß, dass da nichts drinnen steht. Im Forum ist sogar Rapid selbst unter dem Namen SK Rapid Klubservice registriert. Die schreiben da auch und es wird sogar vom Klub verlinkt. Da werde ich doch keinen Platzsturm planen «, sagt Ottitzky. Die Ermittlungen gegen ihn wirken aufgrund seiner Rolle als Forumsadministrator besonders problematisch, schließlich verfasst er die Inhalte auf der Website nicht selbst. »Das ist wie wenn ich die Post dafür verantwortlich mache, wenn ein Erpresserbrief verschickt wird«, sagt der Anwalt der Rapid-Fans, Werner Tomanek. Auch Michael Neugebauer vom BMI ist die Problematik von vagen Ankündigungen bewusst: »Im Zusammenhang mit Rapid-Spielen gibt es immer Ankündigungen, die man auf den Wahrheitsgehalt prüfen muss gerade bei Platzstürmen. Aber dieses Mal war die Informationslage durchaus verdichtet.«

Kronzeuge wider Willen
Franz Schwaiger (Name anonymisiert, Anm.), ein Funktionär der Bundesliga, verfolgte das Derby von einem Sitzplatz der Südtribüne nahe der Westtribüne: »Während des Torjubels der Austrianer hat sich die Szenerie dort in Bewegung gesetzt. Das war unübersehbar, es gab ja auch im Vorfeld Andeutungen, dass hier möglicherweise etwas Derartiges passieren könnte. Ich war sehr aufmerksam und habe einzelne Personen wahrgenommen, die gezielte Aufforderungen getätigt haben, den Platzsturm zu beginnen.« Seine Zeugenaussage und der Anlassbericht der Polizei, der wiederum vor allem aus der Zeugenaussage von Schwaiger besteht, dienten der Staatsanwaltschaft als hinreichende Indizien für die Hausdurchsuchungen, wie aus der Anordnung hervorgeht.

Neben der Wahrnehmung vermeintlicher Anweisungen von den Vorsängern soll Schwaiger eine halbe Stunde vor Matchbeginn folgende Ansprache vom Vorsängerpult gehört haben: »Daher wer ma heute olles für unsere Mannschaft tuan, aber wenns net so lauft, wie mir uns des vorstellen, wer ma zur rechten Zeit die richtigen Maßnahmen setzen.« Für Anwalt Tomanek alles andere als ein Indiz des Landfriedensbruchs: »Selbst wenn das gefallen sein sollte, das kann viel heißen. Zum Beispiel das, was gerade passiert: Dann fahren wir nicht mehr auswärts, dann klatschen wir keine Rapid-Viertelstunde mehr ein, dann gibts keine Choreografien.«

Auch Schwaiger selbst zeigt sich überrascht: »Ich wüsste nicht, was mein Name in einem Hausdurchsuchungsbefehl soll. Ich bin ein Zeuge wie jeder andere, der im Stadion etwas wahrgenommen hat. Die polizeilichen Ermittler müssen den Vorsatz feststellen. Bei einer Hausdurchsuchung kann man ja nicht feststellen, ob derjenige der auf der Tribüne gestanden ist, irgendwas getan hat. Das kann ich vielleicht mit einer Überwachungskamera machen, das sind die wesentlichen Bilder.«

Thomas Vecsey, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, bestätigt, dass die nächsten Ermittlungsschritte erst mit Hilfe der Videoaufzeichnungen gesetzt werden können. »Wir warten derzeit auf die Ausforschung der Verdächtigen. Ich kann noch keine Angabe darüber machen, wie viele Personen unter die Verdachtslage des Landfriedensbruchs fallen werden«, sagt Vecsey. Auch sei noch nicht absehbar, wann die Identifikation abgeschlossen werde.

Der Prozess als Strafe
Ob der Fall überhaupt zur Anklage kommt, ist nach derzeitigem Stand noch völlig offen. Tomanek ist zuversichtlich, dass es selbst bei einem etwaigen Prozess zu keinen Verurteilungen kommen wird. »Die normative Kraft des Faktischen führt aber zu dem Schluss, dass jeder, der mitangeklagt wird, sich ernsthaft überlegen muss, wie er sich bei einem so langwierigen Prozess monatelang über Wasser halten kann«, sagt der Anwalt. Damit könnten die Rapid-Fans ein ähnliches Schicksal erleiden wie die 13 Tierschützer, die wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Organisation nach dem sogenannten Mafia-Paragrafen 278a StGB angeklagt wurden. Nach 14 Monaten Prozess wurden sie Anfang Mai freigesprochen, dennoch endete der Prozess für die Angeklagten im finanziellen Desaster.

»Es gibt da sicher Parallelen und wenn der Tierschützerprozess nicht so in die Hose gegangen wäre, würden sie sicher mit solchen Geschützen auffahren«, sagt Ottitzky. »Der Prozess ist die Strafe. Die Verteidigung dauert 30 Tage, du musst jeden Tag anwesend sein und hast hohe Anwaltskosten. Selbst wenn du Urlaub nehmen kannst, verlierst du vielleicht deinen Job, weil der Prozess sicher medial als der große Hooligan-Prozess aufgeblasen wird. Wenn das Gericht befindet, du bist nicht schuldig: Trotzdem Pech gehabt.« Die maximale Aufwandsentschädigung bei einem für den Landfriedensbruch vorgesehenen Schöffengericht beträgt 2.500 Euro für einen gesamten Prozess, die Verteidigungskosten dürften ein Vielfaches ausmachen.

Die Ruhe nach dem Sturm
Die betroffenen Fans haben sich Ende Juni Fanklub-übergreifend unter dem Motto »United We Stand« zusammengeschlossen und rufen zu Spenden für die Verteidigungskosten auf. Aber nicht nur die Ermittlungen der Justiz machen ihnen zu schaffen, auch das Verhältnis zum Verein bleibt angespannt. »Grundsätzlich gibt es ein Zusammenrücken in der aktiven bis interessierten Szene«, sagt Kiss. »Es gibt einige Leute, die den Platzsturm nicht O.K. gefunden haben, aber auf unserer Seite sind, weil ihnen die Reaktionen des Vereins nicht gefallen.« In einem Communiqué der aktiven Fanszene wurde ein Stimmungsboykott auf unbestimmte Zeit angekündigt. Ottitzky will diesen aber nicht als Forderung an die Vereinsspitze missverstanden wissen: »Die meisten Gruppen haben einfach keine Lust zu singen, weil sie wissen, dass vielleicht mehr als 100 Leute Stadionverbote haben werden und strafrechtliche Verfolgungen drohen.«

Andy Marek hofft, dass sich die Wogen bald wieder glätten und er den Dialog mit den Fans so schnell wie möglich wieder herstellen kann: »Ich wünsche mir, dass die Beziehung schnell gekittet wird. Ich werde aktiv versuchen, all die Gräben zuzuschütten. Wenn man von Fanarbeit spricht, muss man sie gerade dann leben, wenn sie am allernötigsten ist.« Bis die Angebote zum Dialog angenommen werden und Rapid wieder zu »Fans mit einer Mannschaft« wird, könnte es aufgrund des verletzten Stolz der aktiven Fans aber noch dauern. »Wir sind jetzt um nichts schlechter als ein Nord- oder Südgeher, der nicht singt. Wir haben keine Privilegien mehr, wir haben kein Kammerl mehr, wir gehen nimmer früher rein, wir machen keine Choreografien mehr«, sagt Ultra Lanz. »Wenn jetzt der Vorwurf kommt, dass wir Rapid nicht mehr unterstützen? Wir machen genau dasselbe wie der normale Fan, der sein Abo kauft.«

Referenzen:

Heft: 63
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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