Rebellion ohne Pause

cache/images/article_1602_fcsp_graff_140.jpg Ein schwarzer Totenkopf auf rotem Grund gibt der Fankultur beim FC St. Pauli im Kampf gegen die fortschreitende Kommerzialisierung ein neues Gesicht. Ein Lokalaugenschein am Millerntor zeigt: Hinter der Parole »Bring Back St. Pauli« steht vor allem die Sorge um die eigene Identität.
Robert Hummer, Andreas Reiter | 04.03.2011
Seit dem Heimspiel gegen den SC Freiburg am 15. Jänner hat Braun-Weiß als dominante Farbkombination am Millerntor Konkurrenz bekommen. Rot ist die Farbe der Frühjahrssaison 2011 des FC St. Pauli in der deutschen Bundesliga. »Jolly Rouge«, der schwarze Totenkopf auf roten Fahnen, T-Shirts, Schals, Buttons und Hauben, ist zum Symbol des größten Fanaufstands seit drei Jahren geworden. Damals richtete sich der Protest gegen die Einführung der Plastikstadionwährung »Millerntaler«, die letztendlich am erbitterten Widerstand der Fans gescheitert ist. Der nunmehrige Ex-Präsident Corny Littmann nannte die Widerständler damals lapidar »Sozialromantiker« und fungierte damit unfreiwillig als Namensgeber jener Aktionsgruppe, deren Agenda gegenwärtig für viel Diskussionsstoff innerhalb und außerhalb des Stadions sorgt.


Schon am Tag vor der Heimpartie gegen Borussia Mönchengladbach am 12. Februar ist der Geist der Rebellion rund um das Millerntor allgegenwärtig. Zahlreiche Sticker und Graffiti finden sich nicht nur am Stadion, sie prägen auch das Straßenbild in den angrenzenden Vierteln. Die »Sozialromantiker« rufen dazu auf, sich unter dem Totenkopf auf roter Flagge »zu einen und zu versammeln, um für das einzustehen, was Sankt Pauli für jeden Einzelnen ausmacht«. Neben dem »Jolly Rouge« in allen Variationen sollen auch rot-schwarze Spruchbänder zum Spiel mitgebracht werden, um den bisherigen Protesten Nachdruck zu verleihen. Diese sind auch Thema bei der offiziellen Stadiontour. Bei der Besichtigung der vor einem halben Jahr eröffneten Haupttribüne merkt der Guide an, dass der hohe Anteil an Business-Seats zwar äußerst kontrovers diskutiert werde, solche Auseinandersetzungen im Sinne der kontinuierlichen Identitätsbestimmung des FC St. Pauli aber »wichtig und manchmal auch notwendig« seien.

Nackte Haut und alte Hadern
Beim anschließenden Besuch im Fanladen und einigen Fankneipen im Viertel bleibt das Thema omnipräsent trotz des anstehenden Derbys beim HSV sowie knapp 500 Celtic-Fans, die aufgrund der jährlich stattfindenden Freundschaftsparty in der Stadt weilen. Nicht nur Logen und zu viele Business-Sitze sind das Problem, vielmehr ist es die Summe der einzelnen Teile, die bei vielen Fans das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Halbnackte Stangentänzerinnen in der Loge eines Stripclubs sowie SMS-Botschaften auf Videobanden veranlassten die anonym auftretenden Protagonisten des Protests, öffentlichkeitswirksam zu fragen, welche Formen der Vermarktung mit der speziellen Identität des Vereins vereinbar sind und welche nicht. Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert die 2009 überarbeitete Vermarktungsrichtlinie des FC St. Pauli, in der die Bedeutung der Fankultur und das Primat des Spiels über die Vermarktung festgeschrieben sind. Viele Fans orten in der jüngsten Entwicklung eine Unterwanderung dieser Übereinkunft.


Als sich zwei Stunden vor dem Heimspiel gegen den Tabellenletzten aus Mönchengladbach die Stadiontore öffnen, bestimmen erwartungsgemäß rote Utensilien die Szenerie. 30 Minuten später sind sämtliche Stehplatzbereiche gut gefüllt. Während anderswo bis zum Anpfiff lautstarke Dauerbeschallung die Norm darstellt, können sich die Fans am Millerntor in den letzten zehn Minuten vor Spielbeginn ungestört einsingen eines jener hart errungenen Fanrechte, die St. Pauli besonders machen. Als die beiden Teams das Feld betreten, ergibt das rote Meer der Stehsektoren in Kombination mit den vereinzelten Fahnen und Bannern auf den Sitzplätzen ein beeindruckendes Bild. Noch mehr Rot gibt es dann zu Beginn der zweiten Halbzeit zu sehen, zur Melodie von Tony Sheridans »My Bonnie« heißt es: » bring back Sankt Pauli to me, to me!«

»Das ist unser Haus!«
Der Verein selbst reagiert vorsichtig auf die Machtdemonstration der Fans. »Natürlich nehmen wir die Unmutsbekundungen der letzten Wochen zum Anlass, den Dialog weiter zu verbessern«, sagt der kaufmännische Geschäftsführer Michael Meeske zum ballesterer. Meeske betont den Konsens, »dass der kommerzielle Trend im Profifußball beim FC St. Pauli nicht eins zu eins praktikabel ist«, gibt jedoch gleichzeitig zu bedenken, dass der Verein finanzielle und fanpolitische Aspekte unter einen Hut bringen muss: »Dabei kommt es naturgemäß immer wieder zu unterschiedlichen Interpretationen, was die wirtschaftliche Notwendigkeit von Vermarktungsmaßnahmen angeht.«


Wie weit sich der FC St. Pauli von seinen Idealen tatsächlich entfernt hat, darüber scheiden sich die Geister. Ebenso unklar ist, wohin die Reise letztendlich führen wird. Fest steht jedoch, dass der Grat zwischen notwendiger Vermarktung und kommerziellem Overkill ein schmaler ist, wenn man dem selbst gewählten Prädikat »non established since 1910« auch zu Beginn des zweiten Jahrhunderts der Vereinsgeschichte treu bleiben möchte. Und dass jede gröbere Übertretung dieses Grats am Millerntor auf Widerstand stoßen wird. Frei nach dem Ton-Steine-Scherben-Klassiker, der Stunden nach dem 3:1-Heimsieg gegen Gladbach die Fankneipe Jolly Roger zum Beben bringt: »Und wir schreiens laut: Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus!«

Referenzen:

Heft: 60
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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