»Reue ist nicht meine Art«

cache/images/article_1574__dsc0057_140.jpg Marco Reich ist einer der prominentesten Kicker in der Ersten Liga. Der Deutsche hat sich zu einer Stütze des WAC/St. Andrä gemausert und plaudert im ballesterer-Interview über Kaiserslauterns glorreiche Jahre, sein einziges A-Länderspiel und den Wechsel nach Kärnten.

Radoslaw Zak | 30.11.2010
Ich bin wohl der Einzige, der sich über den Euro freut. Jetzt bin ich nur noch der Drei-Millionen-Euro-Fehleinkauf«, sagte einst Marco Reich, der 2001 mit sechs Millionen Mark teuerste Einkauf der Geschichte des 1. FC Köln war. Der Pfälzer galt Ende der 1990er Jahre neben Michael Ballack als größtes Talent im deutschen Fußball, konnte sich aber weder in Köln noch in Bremen durchsetzen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo er als Gescheiterter gilt, genießt er in England und Polen einen hervorragenden Ruf.

 

ballesterer: Nach einer Odyssee in Europa spielen Sie jetzt in Wolfsberg. Wie sind Sie in Kärnten gelandet?
Marco Reich: In Polen waren wir bei Auswärtsspielen oft bis zu drei Tage unterwegs, weil Bialystok an der weißrussischen Grenze liegt. Schon allein nach Warschau sind wir knappe vier Stunden mit dem Bus unterwegs gewesen. Für meine Familie ist es hier wesentlich einfacher, weil ich öfter zu Hause bin. Ich wollte meine Frau nicht über längere Zeit allein lassen und auf meinen Sohn verzichten.
Hat es neben der Familie weitere Gründe für den Wechsel gegeben?
Mein Freund Markus Kreuz, mit dem ich schon in Kaiserslautern, Offenbach und Köln gespielt habe, ist schon hier gewesen. Er hat angerufen und gesagt, dass ein Offensivallrounder gesucht werde.
Mittlerweile haben Sie sich ein Bild vom österreichischen Fußball machen können. Wie schätzen Sie das Niveau in der dritten und zweiten Liga ein?
Das Leistungsgefälle ist in der letzten Saison riesig gewesen. Pasching oder Blau-Weiß Linz könnten in der zweiten Liga durchaus eine Rolle spielen. Allerdings gab es auch Teams wie Bad Aussee, die einfach zu schlecht gewesen sind. Die zweite Liga ist ausgeglichener und stärker. Das zeigen auch unsere Leistungen: Wir haben einen guten Start erwischt, aber dann eine Talfahrt mit nur vier Punkten aus acht Spielen duchgemacht. Jetzt läuft es wieder besser.
Was sind Ihre längerfristigen Ziele mit dem WAC/St. Andrä?
Als Spieler muss ich die aktuellen Ziele des Klubs auf dem Platz umsetzen. In diesem Jahr sollen wir das gesicherte Mittelfeld erreichen. Wie der Verein die Zukunft plant, kann ich nicht beurteilen. Die Verantwortlichen müssen wissen, was machbar ist.
Träumen Sie nicht vom Aufstieg in die Bundesliga und von Spielen vor größeren ­Kulissen?
Mit dem WAC will ich so viel erreichen wie möglich, aber lassen wir die Kirche im Dorf und gehen Schritt für Schritt vorwärts. In England und Polen habe ich bereits vor vielen Zuschauern gespielt und gewusst, worauf ich mich beim Wechsel nach Wolfsberg einlasse.
Jagiellonia Bialystok hat nach Ihrem Abschied den Pokal gewonnen. Wären Sie in Polen geblieben, hätten Sie dieses Jahr international und um den Titel spielen können.
Nach einem schönen halben Jahr in Polen hat sich nun mal die Möglichkeit zum Wechsel ergeben. Wenn man eine Entscheidung trifft, muss man dazu stehen. Reue ist nicht meine Art. Wäre mein Sohn älter gewesen, hätte ich Polen vielleicht nie verlassen.
Einen Platz im Geschichtsbuch haben Sie dort jedenfalls schon
Ja, ich bin der erste Deutsche, der in der Ekstraklasa ein Tor erzielt hat. Außerdem habe ich sehr gute Leistungen gebracht. Mir hat es unglaublichen Spaß gemacht, mit Leuten wie Tomasz Frankowski zu spielen, der auch noch mit 50 Jahren auf dem Platz stehen wird. Nur die Freundschaftsspiele in Brest sind anstrengend gewesen. Die Kontrollen an der Grenze haben sich immer sehr in die Länge gezogen, weil uns die Grenzbeamten für Schmuggler gehalten haben.
Beim 1. FC Kaiserslautern haben Sie Ende der 1990er Jahren die wohl beste Zeit Ihrer Karriere gehabt. Wie ist es 1998 zu dem legendären Titelgewinn nach dem Wiederaufstieg gekommen?

Der Abstieg ist ein Unfall gewesen. Wir haben ein super Team um Andreas Brehme, Miroslav Kadlec und Pavel Kuka gehabt. Doch wegen der neu eingeführten Drei-Punkte-Regel sind wir die ganze Zeit im Keller gewesen, obwohl wir fast immer Unentschieden gespielt und nur wenige Spiele verloren haben. Nach dem Aufstieg ist eins ins andere übergegangen. Die Atmosphäre war ideal und Otto Rehhagel hat Teamspirit und Selbstvertrauen vermittelt. Spieler wie Andreas Buck, Michael Ballack, Ciriaco Sforza und Michael Schjönberg haben daher brillieren können.
In den darauffolgenden Jahren haben Sie noch in der Champions League und im UEFA-Cup gespielt. Mit wem haben Sie noch Kontakt aus dieser Ära?
Ich freue mich, wenn ich jemanden aus dieser Zeit wiedersehe. Ich rufe aber nicht jeden Tag fünf Spieler an, um mit ihnen darüber zu plaudern, wie es ihnen so geht. Nur Tim Borowski und Fabian Ernst treffe ich ab und zu im Urlaub.
Wie haben Sie Ihr Nationalteamdebüt auf der USA-Reise 1999 in Erinnerung?
Für mich war es ein Highlight, dabei zu sein. Bei meinem Spiel gegen Kolumbien habe ich sogar von Beginn an gespielt. Ich bin zwar noch oft im Kader gestanden, aber nach dem Wechsel nach Köln, wo ich schlecht gespielt habe, bin ich nicht mehr nominiert worden.
Der deutsche Fußball hat sich zur Zeit Ihres Debüts im Umbruch befunden. Wie haben die Alteingesessenen auf die kommende Generation, zu der Sie und Michael Ballack gezählt wurden, reagiert?
Lothar Matthäus hat sich gut mit Andi Brehme verstanden, und deswegen ist es mir leichter gefallen, das erste Eis zu brechen. Einen Bonus habe ich deswegen aber nicht gehabt. Die Mannschaft hatte einen gewachsenen Stamm um Oliver Kahn, Lothar Matthäus, Jens Jeremies und Oliver Bierhoff. Es war schwierig, an diesen Spielern vorbeizukommen.
Wieso haben Sie Kaiserslautern den Rücken gekehrt? Der Wechsel nach Köln war ein Knackpunkt in Ihrer Karriere.
Ich wollte etwas Neues versuchen. Otto Rehhagel hat den Verein verlassen, und ich habe Terror gemacht, um gehen zu können. In Köln war ich mit dem Status als teuerster Spieler in der Vereinsgeschichte überfordert. Die Kritik ist auf mich geprasselt, und ich bin mit dem Druck nicht klargekommen.
In Bremen haben Sie sich auch nicht durchsetzen können und sind nach England gegangen. Dort haben Sie bei den Fans einen deutlich besseren Ruf als in Deutschland. Was unterscheidet die englischen Supporter von den deutschen?
Es muss schon sehr viel passieren, damit Engländer ihre eigenen Spieler auspfeifen oder beschimpfen. Die Fans verstehen sich als Teil vom Verein. In Deutschland gehen die Leute ins Stadion, um unterhalten zu werden.
Die österreichische Nationalmannschaft hat gerade ein Testspiel gegen Griechenland verloren. Wie schätzen Sie die Chancen für die EM-Qualifikation ein?
Österreich spielt immer mit großer Euphorie und Einsatz. Was ihnen fehlt, sind zwei oder drei herausragende Akteure. Als Deutscher kann ich ihnen den ersten Platz natürlich nicht wünschen, trotzdem sind die Erfolge für dieses kleine Land beeindruckend. Und es hat ja noch den Wintersport.
Setzen Sie sich damit auseinander?
Nein, aber nur, weil ich es nicht kann. Wenn es mir jemand beibringt, dann vielleicht.

 

Zur Person
Marco Reich (32) kam 1992 in die Jugend des 1. FC Kaiserslautern und debütierte vier Jahre später in der ersten Mannschaft. In der Pfalz gewann der 1,84 Meter große Stürmer den DFB-Pokal und die Meisterschaft. 2001 ging Reich zum 1. FC Köln und 2002 zu Werder Bremen, wo er nochmals Meister wurde. In der deutschen Bundesliga bestritt der einmalige DFB-Internationale 143 Spiele und erzielte acht Tore. Im Jänner 2010 wechselte Reich zum WAC/St. Andrä, davor spielte er bei Derby County, Crystal Palace, Kickers Offenbach, Walsall FC und Jagiellonia Bialystok.


 

Referenzen:

Heft: 58
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

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