Rezensionen

Anekdoten, die der Elfmeter schrieb

 

Das Buch hat 11 Kapitel, ist 111 Seiten lang und kostet genau 11,11 Euro. Erraten, im neuen Werk des deutschen Autors und Sport¬journalisten René Martens geht es um den »Elfmeter«. Um jene Strafstossbestimmung also, die vor 112 Jahren (kleiner Schönheitsfehler) in das Regel¬werk der FIFA aufgenommen wurde. Der Autor lässt mit Blick auf den ominösen Punkt ein Stück bewegte Fussballhistorie Revue passieren.

Mann gegen Mann, auf dieses einsame Duell ist das Fußballspiel in der Elfmetersituation zugespitzt. Handke spricht in seinem Buch von der »Angst des Tormanns beim Elfmeter«. Der Druck liegt aber vielmehr auf dem Schützen, da von ihm erwartet wird, dass er ganz selbstverständlich den Torwart überwindet. In dieser Situation muss er vor allem eine gewisse Abge¬brühtheit an den Tag legen. Oder eine ausgewachsene Nonchalance, wie es Geoff Hurst tat, der Schütze des so ge¬nannten Wembley-Tores. Er haute ein¬fach immer nur drauf, getreu seinem Erfolgsrezept: »Wenn ich selbst nicht weiß, wo der Ball hingeht, wird der Torwart es erst recht nicht wissen.«

Aber auch ein Meister des Fußball-Fachs muss kein guter Elferschütze sein. »Diego Maradona hat 1996 einmal fünf Strafstöße hintereinander versemmelt, und Franz Beckenbauer hat sich in seiner Bundesligakarriere den Ball sechsmal auf den Punkt gelegt, aber nur dreimal getroffen«, schreibt Martens. Auf der anderen Seite kann er eine Reihe von Torhütern wie Hansjörg Butt, René Higuita oder José Luis Chilavert anführen, die es verstehen oder verstanden, den Strafstoß sicher zu exekutieren.

Martens liefert eine Menge Anekdoten oder besser: Kuriositäten. Dabei springt er manchmal munter zwischen den Zeiten hin und her. Offensichtlich hat er auch ausgiebig in Statistik-Ar¬chiven recherchiert, denn wir erfahren, wer der erste Elfmeterschütze in der Geschichte des Fußballs war (Dalton), wer in der deutschen Bundesliga die meisten Strafstöße hielt (Rudi Kargus) oder wer im Spiel Kolumbien gegen Argentinien drei Elfmeter hintereinander verschoss (Martin Palermo). So genau wollten wir das eigentlich gar nicht wissen, doch schlecht tut es nicht, und es passt zum spielerischen Ansatz des Buches. Denn Martens vergisst nie, auch wenn hier eine Regelbestimmung abgehandelt wird, dass es um Fußball geht, also um ein Spiel. [wm]

 

René Martens: »Elfmeter. Kleine Geschichte einer Standardsituation«

(Eichborn Verlag, Frankfurt a.M. 2003, 111 Seiten)

 

Der Traumhüter - Aus der Amateurliga in die Premier League

 

Keine lange Karriere, doch für Leese wurde das wahr, von dem andere ein Leben lang nur träumen: Einmal gegen den FC Liverpool spielen, einmal den berühmten Tunnel passieren, der auf das Feld des Anfield-Stadions führt, einmal 30.000 Menschen »Youll never walk alone« singen hören. Das allein war schon Erlebnis genug, der Tüpfelpunkt auf dem »i« dann, dass Leese mit seiner Mannschaft den sechsfachen Europacup-Sieger gar besiegte. Von dem seltsamen Aufstieg, dem ein umgehender Abstieg auf dem Fuß folgen sollte, erzählt der deutsche Journalist Ronald Reng in seinem Buch »Der Traumtorhüter. Die unglaubliche Geschichte eines Torwarts«.

Drei Jahre im Profigeschäft, nicht mehr und nicht weniger. Wie in solchen Fällen üblich, war das nur möglich durch die Verquickung mehrerer glücklicher Umstände. Und auch ein bisschen Schummelei: Leese - in der Zwischenzeit von Neitersen zum dritten Torwart bei Bayer Leverkusen aufgestiegen - wurde von einem gewieften Spielervermittler als »Ersatztorwart« des damaligen Champions League-Teilnehmers in England angepriesen. Der kleine Klub Barnsley, gerade in die erste Liga aufgestiegen, griff dankbar zu, wollte er sich doch auch ein bisschen mit internationalen Spielern schmücken. Bei genauerer Prüfung wäre ihm indes aufgefallen, dass sein neuer Torhüter kein Bundesligaspiel bestritten, ja, es sogar kein einziges Mal auf die Ersatzbank geschafft hatte.

Zunächst war Leese bei Barnsley nur Ersatz. Um auch einmal zum Zuge zu kommen, braucht der zweite Torhüter, so sein ganz gewöhnliche Schicksal, vor allem Glück, das heißt das Pech des ersten Torhüters. Und so war es auch hier: Barnsleys Nummer Eins verletzte sich, und damit bekam der große Blonde aus Deutschland seine Chance. Er sollte manchmal überragend spielen, manchmal dumme Fehler machen. Mal war er der gefeierte Held in dem englischen Kohlestädtchen, mal wäre er selbst am liebsten im Erdboden versunken. Dann stieg der FC Barnsley ab und bekam auch einen neuen Trainer. Leese war plötzlich nicht mehr Stammtorwart. Sein Vertrag lief aus, und ein Wechsel nach Edinburgh scheiterte im letzten Augenblick daran, dass sein Spielervermittler in den Gehaltsverhandlungen zu hoch gepokert hatte. Zurück in Deutschland, war Leese auf Arbeitslosengeld angewiesen. Aus der Traum. Er war wieder auf dem Boden der Amateurliga angekommen. Sein Geld verdient er nun als Vertreter von Büroartikeln.

Nichts ist langweiliger als die Fußballergebnisse von gestern. Doch Rengs Buch ist spannend, nicht nur weil die Karriere von Leese so einmalig wie kurios ist, sondern weil der Autor auch zu vermitteln versteht, dass der Torhüter an sich immer mit einem Bein im Unglück steht. Er darf sich keine Fehler, keine Unsicherheiten erlauben, sonst ist er vielleicht schon morgen weg vom Fenster.

 

Ronald Reng: »Der Traumhüter. Die unglaubliche Geschichte eines Torwarts«

(Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, 260 Seiten, 8,90 Euro)

Referenzen:

Heft: 10
Rubrik: Kunstrasen
ballesterer # 120

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

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