Die WM, ziemlich komplett
Enzyklopädie nennt sich dieses Mammutwerk. Wie sollte man den drei Kilo schweren Totschläger von Buch auch sonst bezeichnen? Da Autor Hardy Grüne verlässlich hohe Qualität liefert, halten sich die Bedenken gegenüber dem ambitionierten Anspruch, die »erste Komplettgeschichte der Fußballweltmeisterschaft« zu liefern, in Grenzen. Der akribische Fanatiker findet schließlich in diesem Werk auch alles, was er sich wünschen kann: Tabellen und Berichte über die Qualifikationsphasen, ein Länderlexikon mit der WM-Geschichte von über 220 Nationen, ein Personenlexikon mit allen Spielern, Trainern und Schiris, Fotos und Steckbriefe aller Stadien, Artikel zu den WM-Vergaben und detaillierte Spielberichte. Grüne blickt auch auf die Zeit vor 1930 zurück, als die Olympia-Turniere den Stellenwert von Weltmeisterschaften einnahmen, und beschäftigt sich mit der Zukunft von 2010, wenn Südafrika erster Gastgeber auf dem afrikanischen Kontinent sein wird.
Trotz der Fülle an Daten schafft es der Autor, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und verzichtet dankenswerterweise zugunsten von statistischen Fakten und informativen Hintergrundstorys auf protzige Hochglanzfotos oder Klatsch und Tratsch. Dadurch wirkt das Buch nie trocken oder fade, stets lässt der Autor auch seine Meinung durchblicken und kritisiert, sooft es nötig ist, die FIFA und andere Verwalter des Fußballs.
Doch sei an dieser Stelle auch ein für uns Österreicher schmerzhafter Kritikpunkt vorgebracht: Obwohl die rot-weiß-rote WM-Geschichte sehr wohlwollend und faktentreu wiedergegeben wird, sollte man die österreichische Nationalmannschaft nicht als »Austria-Kicker« bezeichnen. Das wäre dann aber der einzige nennenswerte Makel der WM-Enzyklopädie. [han]
Hardy Grüne:
»Fußball WM-Enzyklopädie 1930 bis 2010«
(Agon Sportverlag 2006)
Im Fuchsbau
Unter Fans und Sportfotografen in ganz Europa gehört es mittlerweile zum guten Ton, den Charme unterklassiger Vereine und ihrer Sportstätten im Bild festzuhalten. Nun wird die Fußballgemeinde durch eine neue Publikation beglückt, die sich mit einem häufig vernachlässigten Detail beschäftigt: der Trainer- bzw. Reservebank. Autor David Bauckham hat mit »Dugouts« ein Werk abgeliefert, das zunächst wie ein kleinformatiges Bilderbuch anmutet, sich jedoch bei der Lektüre auch durch genau recherchierte Textteile auszeichnet.
So wird auch der Buchtitel (auf Deutsch: »Unterstand« oder »Fuchsbau«) erklärt, mit Bauckhams Verweis auf den Baseball. Dabei erfährt der Leser etwa, dass die Fußballklubs Aston Villa, Derby County, Preston North End und Stoke City auch jeweils ein Team für die 1890 gestartete National Baseball League des Königreichs stellten und dafür natürlich ein »Dugout« benötigten. Dieses Intermezzo verhalf der Trainerbank allerdings noch nicht zum Durchbruch im Fußball. Der erfolgte erst Mitte der 1960er-Jahre mit der Zulassung von Einwechslungen bei Pflichtspielen.
Das Herzstück des Buches bilden die Fotos von rund 80 Trainerbänken in englischen und walisischen Amateurligen. Die Aufnahmen zeigen ihre Vielfalt und Absurditäten, wobei diese Dugouts fast ausnahmslos in Eigenarbeit der Vereine entstanden sein dürften. Vom Bretterverhau über das ausrangierte Wartehäuschen bis zum umfunktionierten Futtertrog ist alles dabei. Sehr sympathisch wirken die Bildhintergründe: mal eine herrschaftliche Tribüne, mal eine Kuhweide, eine Kathedrale oder ein Blick aufs Meer. Dadurch liefert Bauckham, der zwei Drittel der Fotos beigesteuert hat, eine soziale und geografische Kulisse des britischen Fußballs gleich mit. [jg]
David Bauckham:
»Dugouts«
(New Holland Publishers, London 2006)
Eine Kulturanthropologie des Fußballs
Ganz schön schwierig: zu Architektur tanzen oder ein Gulasch dressieren. Gunter Gebauer ist das noch zu leicht: Er schreibt über die Poetik des Fußballs. Im deutschsprachigen Raum fand sich noch selten jemand, der sich an diese Aufgabe heranwagte. Wenn doch, dann bestand das Ergebnis allzu oft aus substanzloser Dampfplauderei. Beim Buch »Poetik des Fußballs« ist das nicht eingetreten, schließlich war sich Gebauer der Risiken gewahr. Es ging ihm darum, »philosophisch mit dem Fußball zu spielen, ohne ihn durch Rationalisierung oder Bedeutungsschwere zu verraten.«
Mit wissenschaftlicher Akribie und dem definitorischen Rüstzeug des Philosophen und Sportsoziologen ausgestattet, arbeitete der Autor ein Themenfeld nach dem anderen ab. Heldenmythen, religiöse Tendenzen, nationalistische Aufladungen und die poetische Dimension des Fußballs mehrfach sah man bei diesen Gegenständen gönnerhafte Akademiker oder hilflose Hobby-Essayisten schon durch ihre Herangehensweise scheitern. Gebauer legt klar, dass er die Kirche im Dorf lassen will: »Was wäre über das Fußballspiel zu sagen, wo es uns doch so glücklich macht. [...] Wir brauchen niemanden, der uns ein gutes Gewissen verschaffen will, weil er damit so tut, als sollten wir eigentlich ein schlechtes haben. Dieses Buch will niemandem seine Freude am Fußballspiel erklären, diese veredeln oder entschuldigen.«
So entstand eine Kulturanthropologie des Fußballs, die durchaus anspruchsvoll, aber dennoch nicht abgehoben ist. Denn auch die Stammtischfrage, was eigentlich Frauen am Fußball interessiert, findet Aufnahme in das Buch. Das Feld, in dem Gebauer ackert, mag manchen trotzdem zu theoretisch wirken, doch das bringt wohl die Thematik mit sich. Nichts desto trotz bleibt es ein wichtiges Buch zur wichtigsten Nebensache. [han]
Gunter Gebauer:
»Poetik des Fußballs« (Campus 2006)
Hinter dem Vorhang
Seit Jonathan Wilson als Kind in Jugoslawien den Urlaub verbracht hat, lassen ihn Balkan, Osteuropa und der osteuropäische Fußball nicht mehr los. Seit damals ist er immer wieder Gast auf den Tribünen von Kasachstan bis Slowenien und hat sich ein Netz von wertvollen Kontakten aufgebaut, auf die er zurückgreifen kann. Vielfältige Erfahrungen, die er in »Behind the Curtain« einbringt, machen sein Werk zu mehr als einem reinen Fußballbuch. Neben der Geschichte von Fußballvereinen und Ländern beschäftigt sich Wilson auch mit der realsozialistischen Wirklichkeit, in der der Fußball existierte und mit der Klubs und Fans lebten oder gegen die sie sich mehr oder weniger offen wandten. Fußball als Vehikel und Allegorie: für heftigen Nationalismus und Xenophobie in Serbien oder für die neue Marktwirtschaft in Armenien, wo Oligarchen Klubs und Spieler nach Gutdünken kaufen und verkaufen.
Am Beginn der Kapitel werden glorreiche osteuropäische Fußballer, Klubs oder Ereignisse in Erinnerung gerufen: Zum Beispiel Ungarns »Goldenes Team« der frühen 50er, das England mit 6:3 im Wembley-Stadion besiegte, oder Walerij Lobanowskyj, der den ukrainischen Fußball geprägt und definiert hat wie kein anderer. Breiten Raum schenkt Wilson den Auswirkungen des Zerfalls des Ostblocks und dem damit verbundenen Chaos, von dem sich der Fußball in manchen Ländern bis heute nicht erholt hat.
Wilson hat ein immenses Wissen über Fußball und Osteuropa, das er gekonnt in diesem Buch verbindet. Er erzählt seine Geschichten auf hohem Niveau. Schade ist, dass das Buch über eine Nacherzählung nicht hinaus kommt eine Analyse von dem, was er gesehen und gelernt hat, fehlt völlig.
[opsie]
Jonathan Wilson:
»Behind the Curtain«
(Orion, London 2006)
Zidane versemmelt
23.April 2005, Real gegen Villareal. 17 Kameras sind 90 Minuten auf Zinédine Zidane gerichtet. Real gerät in Rückstand. Zidane kontert: eine Ballberührung inmitten einer Kaskade von Körpertäuschungen, dann eine millimetergenaue Flanke auf Ronaldo Tor. Kurz vor Schluss der Höhepunkt in Form einer der berüchtigten Kurzschlusshandlungen des Genies Zidane sieht Rot. Kapitän Raúl animiert mit rührender Theatralik das ganze Stadion beim Abgang des Superstars zu demonstrativem Beifall. Ende des Films.
Die Macher von »Zidane un portrait du 21e siècle« haben mit ihrer Spielauswahl ein bemerkenswertes Gespür bewiesen. Als Vorahnung des WM-Finales kann die ungewöhnliche Aufnahme des Spiels aus der spanischen Meisterschaft gedeutet werden. Nicht wenige Kritiker sind dieser Versuchung erlegen und haben den Streifen als einen neuen Kultfilm bejubelt.
Allein, die Umsetzung des Porträtkonzepts, das der deutsche Filmemacher Hellmuth Costard schon ein Vierteljahrhundert zuvor an George Best ausprobiert hat, scheitert bei der Zidane-Hommage an der Kompromissfreude der Regisseure. Zidanes Gesicht sekundenlang in Großaufnahme, Zidanes Schweißperlen beim Abtropfen, Zidanes Waden im Superzoom ein scheinbar radikales Angebot an den Zuschauer, sich für 90 Minuten komplett in die Welt des Meisters hineinfallen zu lassen. Aber die letzte Konsequenz fehlt dabei. So werden Spielszenen und Zeitlupen hineingeschnitten, damit der Zuschauer nur ja immer über den Verlauf des Matches informiert bleibt. Über Zidanes Spielweise lernt der Zuseher nichts, das er nicht schon aus unzähligen Fernsehübertragungen weiß von jenen, die ihn live im Stadion gesehen haben, ganz zu schweigen. Vor der Pause erfährt man, was an jenem 23. April sonst noch los war auf der Welt, und zu allem Überdruss werden auch noch ein paar Bilder der siebzehnten Kamera unter dem Stadiondach beigemengt. Herausgekommen ist ein Film für alle, die sehen wollen, wie zwei Regisseure eine Hundertprozentige versemmeln.
[klamus]
»Zidane un portrait du 21e siècle«
(Douglas Gordon und Philippe Parreno, 2006, 91 min.)






erscheint am 12. Juli 2013.
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