Rohbau der Träume

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Die Gründung des FC United of Manchester war vor zehn Jahren die Antwort frustrierter Fans auf den Einstieg der Glazer-Familie bei Manchester United. Im Jubiläumsjahr will der Fanverein endlich sein eigenes Stadion eröffnen. 

Peter Wagner | 08.02.2015

Weihnachten steht vor der Tür, aber Andy Walsh, der Geschäftsführer des FC United of Manchester, wird sein wichtigstes Geschenk nicht übergeben können. Bis zur Erfüllung des großen Traums, der Einweihung eines Stadions für den Mitgliederverein, dauert es noch ein wenig. Knapp zehn Jahre ist es her, dass Fans von Manchester United aus Protest gegen den Einstieg des US-Investors Malcolm Glazer ihren eigenen Klub gründeten. Das eigene Stadion ist der nächste große Schritt.

Recylingtribüne
Andy Walsh empfängt den ballesterer beim Besuch auf der Baustelle im Nordosten Manchesters in Gummistiefeln, Warnweste samt Vereinslogo und mit Schutzhelm. "Wir sind etwas hinten nach im Zeitplan, wollen aber nichts überstürzen", sagt er. Eigentlich hätte der Verein schon diese Saison im neuen Stadion beginnen wollen, seither verschiebt er die Eröffnung in regelmäßigen Abständen, spätestens im Sommer soll es aber tatsächlich so weit sein.

An diesem Freitagnachmittag haben sich neben ihm nur zwei Bauarbeiter auf das Areal verirrt. Der wichtigste hauptamtliche Mitarbeiter des Vereins, der seit der Gründung dabei ist, führt durch den Bauch der Haupttribüne. Hier befindet sich neben Umkleidekabinen für Heim- und Auswärtsteam auch ein Klassenraum für die hauseigene Akademie. Draußen prasselt der Regen auf einen Rasen, der schon Wettkampfniveau hätte. Auch die Tribünen stehen bereits, aber noch ist das hier ein Rohbau. Von Elektronik, Sanitäranlagen und Mobiliar ist man ein paar Monate entfernt.

5,5 Millionen Pfund, umgerechnet rund sieben Millionen Euro, sind für das 4.500 Zuschauer fassende Stadion samt der drei Trainingsplätze veranschlagt. Ein großer Teil wurde von den Besitzern des Vereins, den Mitgliedern, durch Beteiligungen und Spenden aufgebracht. Auch die Gemeinde und die Football Foundation leisteten einen Beitrag, die restliche Summe kommt aus öffentlichen Geldern. Die Fans entschieden sich für den Namen Broadhurst Park, der die lokale Bezeichnung für die Umgebung des Stadions aufnimmt. Eine Verankerung in der Gemeinde, ein Bezug zur Tradition, das sind wichtige Werte für den FC United of Manchester.

Werte, die im Old Trafford, das Walsh selbst so wie viele andere Fans seit 2005 nie mehr betreten hat, verraten worden sind. Da die Übernahme von Old Trafford in weiter Ferne liegt, wird im Broadhurst Park auf anderem Weg für Fußballromantik gesorgt. Auf einer Breitseite wurde die Originaltribüne des Drill Fields wieder aufgebaut, der 2002 geschlossenen Heimstätte des Northwich Victoria FC. Drill Fields galt bis zur Schließung als ältestes Fußballstadion der Welt, in dem fortwährend Partien stattfanden.

Zäher Aufstieg
Schon bald werden hier auf der neuen Tribüne die United-of-Manchester-Supporter gute alte englische Fußballatmosphäre genießen können. Im Stehen, was in den Profiligen der Insel verboten ist. Das ist nicht der einzige Aspekt der aktuellen Fußballkultur, der Walsh fremd ist. "Viele haben die Verbindung zum heutigen Fußball verloren", sagt er. "Spieler wie Raheem Sterling vom FC Liverpool, die mit 20 Jahren einen Vertrag ablehnen, der 70.000 Pfund in der Woche einbringt, leben in einer Blase. Diese Entwicklung bringt den Fußball um. Und die Fans können das nicht auffangen." Schon gar nicht mit Ticketpreisen. Der FC United of Manchester verkauft in der Northern Premier League Premier Division, der siebthöchsten englischen Spielklasse, die günstigsten Karten der Liga. Um acht Pfund ist man dabei, und im neuen Stadion soll sich daran nichts ändern. Aktuell kommen etwa 2.000 Zuschauer zu den Heimspielen, zu den Ligakonkurrenten verirren sich durchschnittlich 300.

Aufgestiegen ist der FCUM seit 2005 jedoch nur dreimal, zuletzt im Sommer 2008. Gegen einen Verein mit großem Zuschauerzuspruch seien die Gegner besonders motiviert. Und der finanzielle Vorteil durch die Karteneinnahmen bei Heimspielen sei nur relativ, erklärt Walsh. "Wir waren immer Mieter. Die Ticketverkäufe gehen an uns, die Gastronomieerlöse jedoch nicht. Ohne ein eigenes Stadion kannst du einen Fußballklub nicht erfolgreich betreiben." Das aber soll nicht heißen, dass mit Eröffnung des Broadhurst Park das gesamte Geld für die erste Mannschaft aufgewendet wird. Zum Selbstverständnis des FC United of Manchester gehört von Beginn an das Engagement für soziale Projekte in der Umgebung. Vielleicht ist das ein Grund, warum der Verein heuer neben der Eröffnung seines eigenen Stadions auch das zehnjährige Jubiläum feiern darf.

Ziemlich sicher haben auch die Worte des ehemaligen Manchester-United-Stürmers Alan Gowling zur Motivation beigetragen. Die Gründung des Vereins im Sommer 2005 kommentierte er nämlich so: "Zu Weihnachten wird alles vorbei sein." An diesem Freitag im Dezember 2014 steht Weihnachten wieder vor der Tür. Und man wird das Gefühl nicht los, dass die Geschichte des FC United of Manchester gerade erst richtig begonnen hat.   

Foto: Peter K. Wagner

Referenzen:

Heft: 99
Thema: Fanvereine
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