Sieg und Solidarität

Wenzel Müller | 13.05.2008
OBDACHLOSENTURNIER Schwarz-Weiß Augustin ist wie Bayern München. Erfolgsverwöhnt und zum Siegen verpflichtet. Zumindest was das alljährliche Wiener Obdachlosenturnier betrifft. Dreimal hintereinander hatten die Kicker der »Ersten österreichischen Boulevardzeitung« den Wettkampf gewonnen, und so fanden sie sich heuer in der ungeliebten Rolle des Favoriten wieder, dem alle ein Haxerl stellen wollen.

Natürlich, der Titelgewinn sollte wieder her, aber nicht nur das diesmal sollten, wie Coach Uwe Mauch schon im Vorfeld bekannt gegeben hatte, im Gegensatz zu früher nicht ausschließlich die besten Spieler zum Einsatz kommen. Sondern alle, auch und vor allem Hömal, Erwin oder Sir Strawinsky, die jenseits der 50 sind und damit nicht mehr die Schnellsten. 

Dieser eine Unterschied besteht dann doch zu den Bayern: Hier sitzt kein Hoeneß mit auf der Trainerbank, kein Manager, sondern ein Andi und ein Christoph, der eine Sozialarbeiter, der andere Politologe. Gemeinsam mit dem Trainer schauen sie nicht nur auf den Ball, sondern auch darauf, dass die Welt ein Stück besser wird, frei von Ausgrenzung und Diskriminierung. 

Sieg und Solidarität, das sollte gewissermaßen unter einen Hut gebracht werden. Eine kühne Strategie und ein gewagtes Unterfangen. Im Vorrundenspiel gegen Haus Gänsbachergasse lag das in erster Linie mit Routiniers bestückte Augustin-Team lange Zeit zurück, bis ihm buchstäblich in der letzten Sekunde der Ausgleich glückte. Der Fußballgott hat offensichtlich eine Schwäche für sozial austarierte Aufstellungspolitik.

Das war knapp. Wie weitermachen? Im nächsten Spiel doch wieder die Besten auflaufen lassen? Was ist wichtiger: Erfolg oder Prinzipientreue? Oder klassisch gefragt: Kann es ein richtiges Leben im falschen geben? Die Frage wurde in der Spielpause von den Augustin-Kickern leidenschaftlich und bis zur Zerreißprobe diskutiert. Sie spielen eben nicht nur Fußball, sondern leben ihn auch.

Gegen so manche Kritik aus den eigenen Reihen hielt das Trainergespann an seinem Plan fest: Im nächsten Spiel kam wieder die zweite Garnitur obwohl diese Bezeichnung gerade hier nicht ganz korrekt ist  zum Zug, und es setzte eine 1:4-Niederlage gegen das Schweizerhaus Hadersdorf. Alles halb so schlimm, beruhigte der Coach, der kühl gerechnet hatte, das Ergebnis reichte allemal zum Einzug ins Halbfinale.

Und nun schlug die Stunde der »Fünf von der Tankstelle«, so das bei dem Turnier neu aufgekommene Wort für die Top-Kicker der Augustin-Mannschaft. Sie Mandi, Uwe, Christoph, Evans und Jones , machten alles klar. Siegten im Halbfinale und Finale (gegen Arge Wien). Vierter Titelgewinn in Folge. Da war sie eben wieder, die bayerneske Routine und Cleverness.    


Referenzen:

Heft: 27
ballesterer # 82

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

Abo bestellen

Newsletter


RSS Feed abonnieren

Leserbrief

an den ballesterer