Staatsdiener und Aufständische

cache/images/article_1541_56fan_tess_140.jpg Seit Saisonbeginn ist der Fanausweis »tessera del tifoso« in Italiens Stadien Pflicht. Wer eine Saisonkarte kaufen oder auswärts fahren will, muss sich bei Verein und Polizei registrieren. Es ist ein weiterer Spaltpilz für die italienische Ultras-Bewegung: Während sich Mailands Kurven dem Druck des Innenministeriums ergeben, wird 50 Kilometer weiter östlich der Aufstand geprobt.
Jakob Rosenberg | 05.10.2010
Es sollte der rauschende Abschluss einer großen Party werden. Bereits zum 21. Mal lud die Lega Nord kürzlich zum »Bèrghem Fest« nach Bergamo. Und zu feiern hat die separatistische Rechtspartei derzeit so einiges: Seit der Postfaschist Gianfranco Fini im Juli aus der Partito della Libertà (PDL) von Premier Silvio Berlusconi ausgeschlossen wurde und die Regierungskoalition aus PDL und Lega dadurch über keine klare Mehrheit mehr im italienischen Parlament verfügt, drängt niemand so stark auf Neuwahlen wie Lega-Chef Umberto Bossi. Seiner Partei werden in diesem Fall deutliche Zugewinne prognostiziert. Das politische Rezept der Lega ist einfach: Stimmungsmache gegen Rom und Roma, gegen Süditalien und Migranten und gegen Ultras.

Feuerwerk für den Innenminister
Stargäste in Bèrghem, wie die Lega-Hochburg Bergamo im lokalen Dialekt heißt, waren am 25. August Roberto Calderoli, Minister für Vereinfachungen in der Gesetzgebung, und Innenminister Roberto Maroni. Letzterer war es auch, der die Ultras von Atalanta auf den Plan rief, die die Party sprengen sollten. »Bei der Demo waren 700 Personen. Es hätte eine friedliche Angelegenheit werden sollen. Alle waren mit Pfeifen ausgestattet, und wir wollten Maroni auspfeifen, sobald er das Wort ergreift«, sagte Claudio Galimberti, einer der Atalanta-Capos, der Tageszeitung La Repubblica. »Während ich am Beginn des Demozugs mit der Digos (Polizeieinheit, Anm.) geredet habe, hat sich im hinteren Teil eine Gruppe abgespalten und Chaos gemacht.« Bei den folgenden Auseinandersetzungen flogen Leuchtraketen Richtung Maroni, fünf Autos gingen in Flammen auf. Italien hatte seinen jüngsten Gewaltskandal und Maroni eine Woche vor Meisterschaftsbeginn die öffentlichkeitswirksame Rechtfertigung für seine Nulltoleranz-Linie und die frisch umgesetzte »tessera del tifoso«.

Nach den Maßnahmen der letzten Jahre von den personalisierten Karten über das Verbot von Transparenten und Megafonen bis zu den rigorosen Beschränkungen der Auswärtsfahrten wurde der Fanausweis von Maroni als neues Allheilmittel gegen die Gewalt im italienischen Fußball geplant. Nachdem sich im Vorjahr noch die Mehrheit der Klubs gegen eine Einführung gewehrt hatte, ist die »tessera« nun notwendige Voraussetzung, um eine Jahreskarte zu kaufen oder die Mannschaft auf Auswärtsfahrten zu begleiten. Ausgegeben wird sie vom Verein, die Anträge werden aber von den Behörden überprüft. Datenschützer sehen durch die Datenweitergabe Persönlichkeitsrechte verletzt und Anwälte wie der Römer Strafverteidiger Lorenzo Contucci die Bürgerrechte gefährdet, denn vom Besitz der »tessera« sollen diejenigen Fans ausgeschlossen werden, die ein Stadionverbot hatten oder im Zusammenhang mit Gewalt im Sport verurteilt wurden. Verjährungsfristen sind im Gesetz nicht vorgesehen, ebenso wenig müssen Verurteilungen rechtskräftig sein.

»No alla tessera«
Kein Wunder also, dass sich auch in der organisierten Fanszene Widerstand gegen den Fan­ausweis breitmachte. Im November 2009 fand in Rom eine große kurvenübergreifende Demo statt, und in Turin protestierten Juventus- und Torino-Fans gemeinsam vor dem Rathaus. Trotz dieser zarten Annäherungsversuche ist die »tessera« aber auch ein weiterer Spaltpilz unter den Fans. So ließ sich etwa ein Großteil der Gruppen von Inter, Milan, Juventus und Fiorentina den Fanausweis ausstellen. Für die renitenten Romanisti gab es dafür beim Supercupfinale am 21. August nur eine Erklärung: »Interista tesserato, servo dello stato« (Interista mit Fanausweis, Diener des Staates). Neben den organisierten Roma-Fans lehnt auch ein Großteil der Gruppen bei Lazio, Napoli und Sampdoria die »tessera« ab und kauft beim Matchbesuch Einzelkarten. Die Spaltungslinien verlaufen aber nicht nur entlang der Vereinszugehörigkeit, sondern oft auch innerhalb der Gruppen eines Vereins, wie die nach den Auseinandersetzungen beim Lega-Fest wieder aufgeflammten Zukunftsdiskussionen bei Atalanta zeigen. Die »Ultras07« aus Terni haben sich überhaupt schon vor Saisonbeginn aufgelöst.


Vermutlich aufgrund dieser Uneinigkeiten verlief der Saisonauftakt vergleichsweise ruhig. Hatten die Behörden in Florenz noch die Ankunft von Napoletani mit gefälschten »tessere« befürchtet, tat sich abgesehen von Stimmungsboykottmaßnahmen in einigen Kurven und Chants gegen den Fanausweis nichts. Ende September verkündete Innenminister Maroni zufrieden, dass bereits 700.000 »tessere« bestellt seien. Schätzungen der Tageszeitung il manifesto zufolge dürfte der Jahreskartenverkauf jedoch in fast allen Fankurven deutlich zurückgegangen sein. »Ich verkaufe mich nicht für einen Ausweis, der mich zum Sklaven des Staates macht«, sagt der wegen aufständischer Versammlung angezeigte Galimberti. »Zehntausende Ultras denken genauso wie ich. Die Proteste werden weitergehen.«

Referenzen:

Heft: 56
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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