Stadionarchitektur: Brit-Bowl

cache/images/article_1359_wembley1_140.jpg Seit der Gründung der Premier League blieb in Fußball-England kein Stein auf dem anderen. Das gilt insbesondere für die Stadien, die den neuen Status der finanzstärksten Liga der Welt symbolisieren sollen. Die Fans können die Spiele nicht mehr vom charakteristischen Stehplatz aus verfolgen, sondern werden genötigt, in modernen Schüsseln Platz zu nehmen.
Englische Stadien haben lange Zeit so ausgesehen wie das, was sich in ihnen und ihrem Umfeld abgespielt hat: wie »Kick & Rush«, wie Alan Shearer, wie die gewachsene Tradition eines Vereins und seiner Stadt. Die Nähe zum Spielfeld, vier unterschiedlich ausgeformte weil nicht gleichzeitig gebaute Tribünen und freie Eckzonen charakterisieren typische britische Stadien. Mit dem Aufstieg der Premier League zur finanzstärksten Liga Europas veränderte sich auch die Stadionarchitektur stark. Das englische Fußballgeschäft sieht für das Stadion wieder die Rolle der Cash-Maschine vor, nachdem infolge des Taylor-Reports die Platzkapazitäten stark verkleinert wurden und sich die Zuschauer­struktur im Stadion in den 1990er Jahren sozial gewandelt hatte. Eintrittskarten waren nicht mehr für jeden leistbar, der männliche Besserverdiener um die 40 wurde als Stadiongeher immer dominanter und hat andere Gruppen förmlich aus dem Stadion und vor den Fernseher gedrängt.

150.000 Stehplätze bis Lord Taylor

Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert erlebte der englische Fußball einen ersten Bauboom. Die hohe Popularität des Fußballs und das rasant steigende Publikumsinteresse machten Stadien mit einem Fassungsvermögen von 80.000 und mehr Zuschauern notwendig. Der schottische Architekt Archibald Leitch plante einige der wichtigsten Stadionbauten der Insel. Die Fassaden des Craven Cottage in Fulham sowie des Glasgower Ibrox Park mit ihrer feinen Industriearchitektur zeugen heute noch von seinem Schaffen. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war ein Großteil der britischen Stadien fertiggestellt. Wirtschaftlich schwierige Zeiten und die durch das Hooligan-Problem bedingte schlechte Reputation des Fußballs ließen die Investitionen in die Spielstätten in den folgenden Jahrzehnten schwinden. Baumaßnahmen wurden auf die Instandhaltung und Einbauten von zweifelhafter ästhetischer Natur beschränkt. Die Mehrheit der britischen Vereine spielte Ende der 1980er Jahre in Stadien, deren Grundstruktur dem Ursprungszustand der Vorkriegszeit entsprach. Die Katastrophe von Hillsborough 1989 und die im darauffolgenden Taylor-Report formulierten Maßnahmen markierten die große Zäsur. Die nicht nur für den britischen, sondern in weiterer Folge auch für den gesamteuropäischen Stadionbau maßgebende Maßnahme betraf die »terraces«. Die typischen Stehplatz­tribünen, die teilweise mehr als 80 Prozent der Stadionkapazität ausgemacht hatten, mussten zum Leidwesen vieler Fans durch Sitzplatztribünen ersetzt werden. In den folgenden Jahren gingen die Vereine daran, durch Um- oder Neubauten die strengen Auflagen umzusetzen.

Status: rich!
Da die Durchführung der umfangreichen Baumaßnahmen mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden war, kam den Vereinen die Gründung der Premier League 1992 gerade recht. Die neuen lukrativen Fernsehverträge spülten frisches Geld in die Kassen der finanziell angeschlagenen Klubs. Die Veränderung der Besucherstruktur und die erhöhte Medienpräsenz ließen das Prestige des englischen Vereinsfußballs kontinuierlich steigen. Die neuen finanziellen Möglichkeiten dienten den Vereinen als Grundlage für die Errichtung neuer moderner Stadien, für deren Planung Architekten wieder gefragt waren. Wenn Arsenal also Highbury längst verlassen hat, Liverpool Anfield aufgeben möchte und West Ham Gerüchte über einen möglichen Umzug ins Leichtathletik-Olympiastadion von London 2012 streut, hat das einen Grund: mehr Plätze zu jeweils höheren Preisen verkaufen zu wollen. Denn das »Produkt« Premier League zieht die Massen nicht nur vor den Fernseher, sondern auch ins Stadion. Die Vereine wollen mit den Stadionneubauten den neuen Status der Premier League repräsentieren. Baulich wären derartige Veränderungen nicht notwendig, schließlich wurden fast alle Stadien in den 1990ern und im Rahmen der EM 1996 im alten Stil erneuert.

Hightech-Schüsseln
Rod Sheard, Architekt des neuen Stadions von Arsenal, beschreibt dieses Prestigeobjekt eindringlich mit dem neuen alten Begriff der »bowl«, also der Schüssel. Was nach Praterstadion klingt und einen bitteren Beigeschmack hinterlässt, macht die Veränderungen im englischen Stadionbau plastisch deutlich: Die asymmetrischen vier »stands« werden durch die regelmäßige »bowl« ersetzt.


Die ovale Form war vor den 1970er Jahren in England und Schottland nicht unüblich. Nicht nur die Nationalstadien Wembley und Hampden, auch die Stadien von Chelsea und den Rangers waren klassische Schüsseln. Ovale Formen werden nun abgeschwächt wieder aufgegriffen und zusätzlich mit Wellen versehen, so dass die meisten Plätze in Tribünenmitte zur Verfügung stehen. Die geschlossenen Ecken sollen die Atmosphäre für alle Zuschauer gleichermaßen erfahrbar machen. Die für »roar« und »noise« verantwortlichen Fansektoren verschwinden aber aufgrund eines weiteren Elements: Verschieden große und sehr kleine Ränge trennen das Publikum. Wie ein Ring ziehen sich Logen als eigener Rang um das Spielfeld. Die Positionierung der Logen zwischen Ober- und Unterrang ist laut Sheard weniger ästhetisch als vielmehr pragmatisch motiviert: »Durch diese Plätze werden die höchsten Erlöse lukriert, somit werden für Logen die Bereiche mit der besten Sicht in Anspruch genommen.« Nur die geplanten Stadionprojekte von Liverpool und Tottenham sehen zumindest auf einer Hintertorseite einrangige Tribünen vor. Da dürften die Vereine um den Ruf ihrer Fans fürchten.


Britische Tradition

Rod Sheard und Co. wenden auch typische Konzepte der britischen Hightech-Architektur an: Die Stadien werden mit riesigen Stahlfachwerkträgern überspannt und die Dachkonstruktion so weithin sichtbar gemacht. »Die Dächer prägen das Erscheinungsbild eines Stadions maßgeblich und stellen darüber hinaus technisch anspruchsvolle Konstruktionen dar, da riesige Distanzen überspannt werden müssen«, erklärt Sheard die Bedeutung des Gestaltungselements Dach. Der Doyen der britischen Architektur und des Hightech-Stils, Sir Norman Foster, hat diese Entwicklung mit dem gigantischen Bogen über dem neuen Wembley Stadium auf die Spitze getrieben.


Die Neugestaltung der britischen Stadien wurde durch das Unternehmen Populous und seinen Vorgänger HOK unter der Führung Rod Sheards wesentlich vorangetrieben. Prototyp für die Entwicklungen der letzen 15 Jahre war ihr McAlpine Stadium in Huddersfield. Auf dem eingeschlagenen Weg wurde mit den Stadien von Bolton und später Arsenal ein neuer englischer Stadiontypus geschaffen, dessen Charakteristika auch in New Wembley stark sichtbar sind. Während der Bogen des Nationalstadions auf die ikonenhafte Bedeutung hinweisen soll, hat sich Arsenal bewusst für ein zurückhaltendes Design entschieden, so Rod Sheard. Der Stil der Mannschaft soll im Vordergrund stehen und zeigt sich tatsächlich hinter einer unscheinbaren Glasfassade. Mit dieser »corporate architecture« will der Verein Markenbewusstsein ­vermitteln.


Bei ihrer Suche nach dem idealen Stadion müssen sich Planer und Vereinsverantwortliche aber auch neuen Bauordnungen beugen, die Sichtlinien, Nähe zum Spielfeld und Tribünenneigung maßgeblich beeinflussen. »Ein Stadion wie Highbury könnte heute nicht mehr gebaut werden«, sagt Sheard. »Die geschlossenen Ecken sind gut für die Atmosphäre, weil der Lärm im Inneren bleibt und die sogenannte sound pollution der Umgebung verhindert wird.«


Hier treffen sich Fußballtradition und realkommerzielle Moderne, denn neue englische Stadien bleiben urbane Bauwerke, die meist an den berühmten Orten ihrer Vorgänger stehen. Auch wenn die neuen Heimstätten vorrangig der »matchday hospitality« und als »corporate boxes« dienen an Autobahnabfahrten haben sie immer noch nichts verloren.

Referenzen:

Heft: 50
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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