Stadt der Hiebe

Fast fünf Jahre liegt das Verbot der verfeindeten Fangruppen von Paris Saint-Germain nun zurück. Die Auseinandersetzungen zwischen linken und rechten Anhängern gehen jedoch weiter - auf der Straße und in der dritten Liga. 

Christoph Heshmatpour | 10.12.2014

Auteuil gegen Boulogne - die Feindschaft der beiden Hintertortribünen im Pariser Parc des Princes galt lange als Inbegriff vereinsinterner Fanfeindschaft. Im Stadion von Paris Saint-Germain lag auf der einen Seite die traditionelle Fankurve Boulogne, die das alte, weiße und rechte Frankreich repräsentierte. Ihr Gegenstück Auteuil war die junge, migrantische Kurve der antifaschistischen Opposition. Während der Spiele beflegelten die beiden Heimkurven einander, außerhalb des Stadions kam es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bis zum Äußersten: Im Februar 2010 erlag ein Boulogne-Fan ein Monat nach einer Schlägerei vor dem Stadion seinen Verletzungen. Beide Fanklubs wurden verboten, 662 Stadionverbote ausgesprochen und eine eigene polizeiliche Anti-Hooligan-Abteilung gegründet. Eine Platzlotterie verhindert seitdem, dass mehr als vier Personen, die einander kennen, im Stadion nebeneinander sitzen. Es war das Ende der organisierten PSG-Fans.

Nur weil sie aus dem Stadion verbannt waren, sind die in inniger Feindschaft verbundenen Faschisten und Antifaschisten jedoch nicht einfach verschwunden. Es gibt sie immer noch, sie leben ihre Feindschaft nur an anderen Orten aus. Als Paris Saint-Germain im Sommer 2013 den ersten Meistertitel seit 19 Jahren erringen konnte, wurde die Siegesfeier vor dem Eiffelturm nach wenigen Minuten abgebrochen. Fans drohten, die Bühne zu stürmen. Die Mannschaft floh, die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein. Urheber des Aufruhrs sollen ehemalige Boulogne-Fans gewesen sein, die gegen ihre Verbannung aus dem Stadion protestierten. Erst nach Mitternacht bekam die Polizei die Situation unter Kontrolle. Frankreichs Innenminister Manuel Valls bezeichnete den französischen Fußball tags darauf als krank.

Stellvertreterkrieg
5. September 2014, Derbytag: Paris FC spielt gegen Red Star FC - die beiden Drittligaklubs tragen ihre Duelle üblicherweise vor kaum mehr als tausend Zuschauern aus. Die Polizeipräsenz ist überschaubar, erst recht außerhalb des Stadions. Einige Dutzend Red-Star-Fans versammeln sich am Rande der Place d'Italie, unweit des Stade Charlety, in dem der Paris FC seine Heimspiele austrägt. Sie werden von mehreren Unbekannten angegriffen, die sich als PFC-Fans zu erkennen geben. Ein verwackeltes Video zeigt zwei Gruppen, die unter lautem Gebrüll in einem kleinen Park übereinander herfallen, Menschen laufen mal hierhin, mal dorthin. Die Szene wirkt aufgeregt, aber nicht sonderlich gewalttätig. Im Gespräch mit dem ballesterer berichtet ein Augenzeuge, dass die Waren eines Gemüsestandes als Waffen dienten, die Streithähne bewarfen sich mit Gurken und Äpfeln. Es sollen aber auch Eisenstangen zum Einsatz gekommen sein.

Nun hat der Paris FC eigentlich so wenige Fans, dass Störenfriede leicht identifizierbar sein sollten. "Das sind Fremde, Versprengte aus dem Parc des Princes, die wir nicht kennen und die nicht unseren Fangruppen angehören", sagt PFC-Sicherheitschef Alexandre Synoradzki der Zeitung Le Parisien. "Sie kommen ins Stadion, ohne die Mannschaft zu kennen und wollen uns nur schaden."

Vereinsübernahmen
Ein paar Wochen später wurden PFC-Fans beim Gastspiel ihres Klubs in Saint-Brice von Linken attackiert, wie die Medien schreiben. Die Angreifer sollen sich lautstark als Red-Star-Fans bezeichnet haben, doch spielte Red Star zeitgleich eine Cuppartie in Puteaux. Der Vorort ist mit der Pariser U-Bahn erreichbar, hunderte Auswärtsfans waren zu dem Spiel gereist. "Wir waren in Puteaux, zahlreiche Videos beweisen das", schreibt das Fankollektiv von Red Star in einem Statement.

Es scheint, als hätten die aus dem Parc des Princes verbannten Fans von Boulogne und Auteuil den Paris FC, einen leicht zu übernehmenden Verein ohne Profil, und Red Star, einen Klub mit deklariert linken Fans, als neue Betätigungsfelder entdeckt. Sie tragen ihre Auseinandersetzungen nun an anderen Orten aus: In den Stadien der Pariser Drittligisten oder auf offener Straße.  

Referenzen:

Heft: 98
ballesterer # 120

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