Stahlstadtkinder leben länger

Fünf Jahre nach der Einverleibung des FC Linz durch den LASK kam es in der ersten Runde des ÖFB-Cups zur Neuauflage des Linzer Derbys: der als Reaktion auf die »Fusion« gegründete FC Blau-Weiß Linz traf vor über 8.000 Zuschauern auf den LASK. Das 76. Stadtderby wurde für die Blau-Weißen zum Tag der Abrechnung, mit dem 3:1-Sieg fand ein Fußballmärchen seinen vorläufigen Höhepunkt.
Robert Hummer | 12.05.2008
Am 21. Mai 1997 wurde ein jahrzehntelang durch den Linzer Fußball geisterndes Gespenst zur bitteren Realität: die »Fusion« zwischen dem LASK und dem FC Linz. Das von den Vereinspräsidenten stolz präsentierte Ergebnis stank schon an jenem Tag nach Euphemismus: der neue Linzer »Großklub« sollte auf den Namen »LASK Linz« hören, die Klubfarben würden Schwarz und Weiß sein. Somit war klar, dass sich für den LASK praktisch nichts änderte während der Meister von 1974 über Nacht von der Bildfläche verschwand. Begründet wurde die Auslöschung vom damaligen FC-Linz-Präsidenten Franz Grad damit, dass der blau-weiße Fußball »keine Existenzberechtigung« mehr hätte. Für ihn war es schlichtweg »schön, dass es den FC Linz oder die VÖEST 51 Jahre gegeben hat«. Für das ehemalige LASK-Mitglied sollte es kein emotionales Problem sein, den FC Linz dem Lokalrivalen einzuverleiben. Ebensowenig Skrupel zeigten sämtliche Handlungsträger des gesellschaftlichen Lebens: die Jubelchoräle der Oberösterreichischen Nachrichten waren genauso unüberhörbar wie die Freudenschreie der Politikprominenz, die nun endlich den für ihr Präsentationsinteresse nützlichen »Großklub« hatte. Übertüncht wurde das Ganze noch vom lauten Aufatmen der Konzernleitung der VÖEST Alpine, die ihr ungeliebtes Kind nun endlich los geworden war.

 

»Wiederauferstehung« in Blau-Weiß

 

Weniger Freude mit der Liquidierung des FC hatte damals der Linzer Spediteur Hermann Schellmann. Als jahrzehntelanger Anhänger der Blau-Weißen saß bei ihm der Stachel ähnlich tief wie bei Tausenden anderen Leidenden. Der ehemalige Nachwuchsspieler des SK VÖEST wusste, was zu tun war: er setzte sich mit der aktiven Fanszene in Verbindung und knüpfte erste Kontakte zum existenzgefährdeten Landesligisten Austria Tabak. Wenige Wochen später konnte eine »echte« Fusion vorgelegt werden zwischen dem vom Zusperren bedrohten Werksklub Austria Tabak und den zahlreichen Fans des liquidierten FC Linz, der seine größten Erfolge bekanntlich auch als Werksklub gefeiert hatte. Die »Wiederauferstehung« hatte einen Namen: FC Blau-Weiß Linz.
Das erste Ziel war erreicht die bloße Existenzerhaltung des blau-weißen Fußballs, die Fortsetzung einer 51-jährigen Geschichte. Die Rettung der Blau-Weißen stieß auf eine nie erwartete Resonanz: bei Heimspielen passierten zwischen 1.000 und 2.000 Besucher die Drehkreuze; über 400 Dauerkarten wurden verkauft mehr als in Bundesligazeiten. »Auswärtsspiele« hatte der FC Blau-Weiß in der 1. Oberösterreichischen Landesliga keine zu bestreiten, da jedes nicht im Donauparkstadion stattfindende Spiel des FC einfach nur einer örtlichen Verlegung eines Heimspiels gleichkam. Blau-Weiß mutierte zum Herz des Linzer Fußballs Fanartikel und Dauerkarten gab es schließlich beim Präsidenten persönlich. Die pure Existenz des durch einen Interessenskonsens von Politik, Printmedien und Wirtschaft ausgelöschten Fußballvereines musste einem symbolischen Stinkefinger in Richtung eben dieser Adressen gleichkommen: »Jeder Sieg des FC Blau-Weiß Linz ist ein Sieg gegen das System« behauptete das Fanzine »Stahlexpress« und hatte freilich nicht ganz unrecht.
Ein blau-weißes Feuer war entzündet worden. Mit dem Aufstieg in die Regionalliga (2000) hat es zu lodern begonnen doch lichterloh brennen sollte es erst, wenn die einzige offene Rechnung beglichen war, die es jemals zu begleichen galt: bei einem Wiedersehen mit dem LASK.

 

Die offene Rechnung

 

Doch der Weg zu diesem Wiedersehen war ein denkbar steiniger. Zeitweise spielte der Fusionsklub vor 15.000 Zuschauern im Linzer Stadion gegen Sturm um die Tabellenführung in der Bundesliga, während der FC Blau-Weiß in der vierthöchsten Spielklasse in Dörfern mit klingenden Namen wie Esternberg, Sattledt oder Lenzing anzutreten hatte. Da der verzweifelte Kampf um den vierten Tabellenplatz im Donauparkstadion dort das verstohlene Schielen in Richtung Champions League im Linzer Stadion. Selten waren Schwarz-Weiß und Blau-Weiß in derart unterschiedlichen Fußballwelten beheimatet. Selten war für die Blau-Weiß-Fans etwas unrealistischer als im Herbst '99 von einem Derbysieg gegen den LASK zu träumen.
Mitten im sportlichen Höhenflug der Schwarz-Weißen platzte dann die Bombe: die finanzielle Größe des selbsternannten »Großklubs« stellte sich als Fiktion heraus. Mit anderen Worten: ein Teil des aus den ominösen Machenschaften der Rieger-Bank stammenden Kapitals wurde von LASK-Präsident Rieger in den Fusionsklub investiert. Als Konsequenz daraus musste der LASK auf seine reale Größe abspecken was sportlich nichts anderes bedeutete, als dass sich die Athletiker im Herbst 2001 in der zweiten Liga wiederfanden. Beim letzten Heimspiel in der Bundesliga durfte sich der LASK über ungebetene Gäste freuen: neben 20 Bregenzern fanden sich im Auswärtssektor des Linzer Stadions rund 300 in blau-weiß gekleidete Fans ein und feierten mit Häme eine »Abstiegsparty« des einst so großen Fusionsklubs. »Und ihr wollt ein Großklub sein?« hallte es über 90 Minuten aus dem Gästeblock die Frage blieb freilich unbeantwortet. Das Linzer Stadion erlebte den ersten Vorgeschmack auf einen Tag, dessen Ankunft nur noch eine Frage der Geduld sein konnte.
Mit eben dieser Geduld war hingegen das Management des FC Blau-Weiß Linz nicht gesegnet, als für den diesjährigen Sommer ein »freundschaftliches Derby« zwischen dem LASK und den Blau-Weißen vereinbart wurde. Im letzten Moment konnte die Begegnung von Präsident Schellmann verhindert werden. Schellmann hatte nicht vergessen, wer im Mai '97 wen geschluckt hatte: »Es gibt keine Freundschaftsspiele gegen den LASK Freundschaftsspiele machen wir nur mit Freunden.« Pause. »Mit denen kommen wir schon noch zusammen.« Er sollte Recht behalten.

 

Das Ende der Ewigkeit

 

»Für mich ist ein langjähriger Traum in Erfüllung gegangen« schwelgte ein sichtlich gerührter Hermann Schellmann, als er am 13. August vom Los für die erste Cuprunde erfuhr: der LASK. Das Ende der Ewigkeit war erreicht, 5 lange Jahre des Wartens waren zu Ende die offene Rechnung konnte beglichen werden. Die Blau-Weiß-Fans waren sich einig: wie das Derby auch ausgehen sollte es würde für den LASK auf jeden Fall die ungewollte Rückkehr jenes Brockens Linzer Fußballgeschichte bringen, den man anno '97 allzu gierig hinuntergewürgt hatte. Dieses Los war für die Blau-Weißen das Ticket zur endgültigen Wiederauferstehung, da die bloße Begegnung in jedem Fall zeigen würde, dass der blau-weiße Fußball in dieser Stadt nicht ausradiert werden konnte.
Mit dem lange nicht für möglich gehaltenen 76. Aufeinandertreffen der Erzrivalen polarisierte nach fünf abstinenten Jahren wieder der Fußball die einstige Stahlstadt: der »bürgerliche« LASK gegen den blau-weißen Nachfolger des Werksklubs. »Landstraßler« gegen »Koksler« sagte früher der Volksmund, auf Nobelklub gegen Arbeiterverein pochen die blau-weißen Ideologen, Profis gegen Amateure meinen die Realisten, Schwarz-Weiß gegen Blau-Weiß die Stahlstadtkinder waren wieder im Duell.
Unmittelbar nachdem der FC Linz das letzte Duell 1997 mit 3:0 gewonnen hatte, übermittelte der Stadionsprecher den ausharrenden Fans die Botschaft, sie sollten »ihre Schals nicht wegschmeißen«, da sie diese »sicher wieder gebrauchen könnten«. Einflüsterer dieser Botschaft war Hermann Schellmann, der zum damaligen Zeitpunkt schon an der »Wiederauferstehung« bastelte. Nach Schlusspfiff zog es den damals völlig unbekannten Schellmann vor den Fanblock, wo er zu verkünden versuchte, dass es doch noch eine Hoffnung auf ein Danach geben würde. Kein Mensch nahm ihn damals ernst.

 

»Coming Home«

 

Exakt 1914 Tage später sind alle mit ihren Schals wieder da, um ihre ganz persönliche Rechnung zu begleichen. »Euer Albtraum wurde wahr, wir sind wieder da« steht auf einem 60 Meter langen Transparent zu lesen. Nicht ganz zufällig hängt die Message genau gegenüber der Ehren- und Pressetribüne.
Schon am Eingang erwartet den Stadionbesucher ein überwältigender Anblick: Blau und Weiß so weit das Auge reicht. Das Stadionoval ist in eine ganz eigene Atmosphäre gehüllt. Menschen betreten einen Ort, den sie vor mehr als fünf Jahren teilweise mit Tränen in den Augen verlassen hatten. Die  Stimmung erinnert an eine große Familie, die sich nach langer Zeit wieder sieht, um etwas ganz Großes gemeinsam zu feiern. Fast jeder Satz, der am Stehplatz gewechselt wird, hat einen eigenartig emotionalen Unterton. Vielleicht ist das aber auch normal, wenn eine große Familie nach einem halben Jahrzehnt wieder heimkommt.
Alles andere als normal ist jedoch der Zuschauerandrang: insgesamt sind es über 8.000, die dieses Stück Linzer Fußballgeschichte vor Ort miterleben wollen. Noch beeindruckender ist allerdings, dass davon mindestens zwei Drittel auf Seiten der Blau-Weißen stehen. Beim Einlaufen der Mannschaften ist sich die wieder vereinte Familie der Größe des Augenblicks bewusst: »VÖEST Linz is coming home«. Nicht wenige blau-weiße Augen beginnen zu glänzen.
FC-Mittelfeldmotor Andy Hofmann hat vor dem Spiel angekündigt, dass sich die Schwarz-Weißen für »vorne und hinten Schienbeindeckeln besorgen müssten«. Wer dann sieht, wie die Blau-Weißen zur Sache gehen, der weiß auch warum. Jeder der elf Amateure im Dress des FC Blau-Weiß Linz vermittelt an diesem Abend den Eindruck, einem Derbysieg nötigenfalls sein eigenes Leben unterzuordnen. Im Fernsehen war später zu erfahren: »Die Blau-Weißen geben in jeder Hinsicht den Ton an.« Am Spielfeld wie auf den Rängen.
»If you hate the fucking LASKler, clap your hands«. Fanlegende »Mücke« Reisenbichler bläst zur Attacke der Boden bebt. »Eine kleine Spende, eine kleine Spende, ja der LASK, der ist am Ende.« Die offene Rechnung wird hier und jetzt ausgetragen, auf dem Spielfeld und am Stehplatz. Fünf lange Jahre des Wartens sind vorbei; jede Sekunde muss genützt werden.

 

Tränen der Gerechtigkeit

 

Aus heiterem Himmel geht der LASK in der 60. Minute in Führung. Den akustischen Unterstützungserklärungen für den Underdog tut dies keinen Abbruch, die Blau-Weißen gehen noch beherzter an die Sache heran. Es ist zu befürchten, dass jeden Moment einer der Spieler vor Erschöpfung tot umfallen könnte. Aber es fallen keine Blau-Weißen dafür Tore. Zwischen der 70. und der 73. Minute dreht der FC Blau-Weiß das 76. Linzer Derby um. Ich selbst weiß heute nicht mehr, wie ich diese Minuten verbracht habe. Offensichtlich ist es möglich, dass ein vollkommenes Glücksgefühl jegliche Erinnerung zu überschatten vermag.
Dann das Zittern unvorstellbar. Angst, Hoffnung und der Glaube an die verloren geglaubte Gerechtigkeit im Fußball vermischen sich. Rundherum Menschen, die nicht mehr hinsehen können. Andere wiederum sind völlig gebannt. Dann das Tor zum 3:1 in der 90. Minute. 6.000 Blau-Weiße drehen durch. Ich sehe mich wieder um: Umarmungen, Gesänge, Tränen Tränen der Gerechtigkeit. »Kommt sagt es allen Leuten, der SKV ist immer noch nicht tot!« die Rechnung ist beglichen. Mit einem Schlag wird dieses Derby zum Sinnbild: zum Sinnbild dafür, dass soziale Gemeinschaften nicht auf Knopfdruck zerstört werden können. Und zum Sinnbild dafür, dass ein Spiel länger als 90 Minuten dauern kann nötigenfalls fünf lange Jahre.
Schlusspfiff. Die Spieler hängen am Zaun und lassen sich feiern. Nachdem sie in die Kabine humpeln, verlässt keiner den blau-weißen Fanblock. Alle bleiben stehen, singen und fordern ihre Helden wie vor fünf Jahren. Nach zehn Minuten kommt die Mannschaft noch einmal heraus wie vor fünf Jahren. Und dann: Schellmann. Wie vor fünf Jahren. Ich muss weinen. Vor Freude. Wir sollten unsere Schals nicht wegschmeißen heute haben wir sie gebraucht. Und Schellmann steht wieder da und bedankt sich.

Referenzen:

Heft: 06
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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Der nächste ballesterer fm erscheint am 12. Juli 2013.

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