Streit unter Nachbarn

cache/images/article_1950_gg_ht_jolly_rouge_140.jpg Eine überdimensionierte Polizeiwache soll beim FC St. Pauli in der neuen Gegengerade einziehen, doch die Fanszene protestiert. Mit roten Fahnen und guten Argumenten haben die Anhänger die Vereinsführung nun anscheinend zum Umdenken bewegt.
Nicole Selmer | 11.10.2012

Vor den Heimspielen am Millerntor ertönt »Das Herz von St. Pauli« aus den Lautsprechern, ein alter Hans-Albers-Song. Er besingt die Lichter und den Hafen, die Elbe und den Hamburger Michel. Von einer Polizeiwache ist da nicht die Rede. Um deren Einzug ins Herz des FC St. Pauli, die aktuell im Um- und Neubau befindliche Gegengerade, wird derzeit beim deutschen Zweitligisten gestritten. »Gegen Goliathwache. Pro Museum« lauten die Schlagworte der vergangenen Wochen. Die Wortschöpfung »Goliathwache« stammt aus der Fankreativabteilung von St. Pauli, hergeleitet aus der aus Funk und Fernsehen bekannten Polizeistation Davidwache an der Reeperbahn. Ein Museum mit viel Platz für die Vereins- und Fanhistorie wünschen sich die Anhänger für die umstrittenen 600 Quadratmeter im Stadioninneren.

Polizei einbauen
Ihren bisherigen Höhepunkt erreichen die Proteste der Fanszene beim Heimspiel gegen den VfR Aalen Ende September. Trotz der wenig fanfreundlichen Anstoßzeit Dienstag um 17.30 Uhr ist der Anblick bei Anpfiff beeindruckend. Von der Haupttribüne aus ist auf den Rängen eine fast komplett rote Kulisse aus Pappschildern und Fahnen zu sehen. Das neue Symbol des Widerstands bei St. Pauli ist der »Jolly Rouge«, der schwarze Totenkopf auf rotem Hintergrund. Auch von einigen der teuren Logen flattern die selbst gebastelten Fahnen und die Botschaft »Alle gegen Goliath«. Hat der Kreativprotestzug von St. Pauli einmal Fahrt aufgenommen, kann dabei einiges unter die Räder kommen, auch schon fast gebaute Polizeiwachen.


Die Proteste sind nach dem Baubeginn an der neuen Gegengerade aufgeflammt. Diskutiert wurde das Thema zwischen Fanszene und Verein jedoch schon während der Planung des Stadionneubaus, der seit Ende 2006 Tribüne für Tribüne und teils im laufenden Betrieb erfolgt. Dass dabei die Polizei nicht völlig außen vor bleiben würde, war ohnehin klar. Das Stadionhandbuch des Deutschen Fußball-Bundes und der Deutschen Fußball Liga schreibt im Bereich des Stadions »Verwahr- und Festnahmeräume für bis zu 20 Personen« vor, ebenso Einsatzräume für die Polizei, die »für alle leicht erreichbar sein müssen«. Das allerdings lässt einen gewissen Spielraum zu, wie er auch heute bereits genutzt wird.


Derzeit befinden sich diese Räume nämlich in der sogenannten Domwache neben dem Stadion. Der Name verweist darauf, dass sie auch für Einsätze auf dem Hamburger Dom dient, dem Jahrmarkt, der dreimal im Jahr auf dem Heiligengeistfeld neben dem Stadion stattfindet. Die Polizeibehörde wünscht sich eine großzügige Alternative für den kleinen und recht schäbigen Bau, und da käme der Umzug ins Stadion gerade recht. Mündlich zugesichert hat das der ehemalige St.-Pauli-Präsident Corny Littmann als Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung der Stadt beim Stadionbau.

Schlagstock statt Totenkopf
Räumlich realisierbar wäre die Stadionwache nur in der Gegengerade. Aber die ist nicht einfach irgendein Teil des Millerntors. »Dies ist der Ort, wo die ersten Totenkopf-Fahnen wehten. Dies ist der Ort, wo eine vollkommen neue Art der Fankultur entstand. Dies ist die Keimzelle des Mythos St. Pauli«, heißt es im Positionspapier der Fanszene. Die neue Gegengerade hingegen ist die Zukunft. Hier sollen die Fanräume ihren Platz finden: der Fanladen als sozialpädagogisches Fanprojekt, die Abteilung der fördernden Mitglieder, ein Saal für Veranstaltungen, Büros und so weiter. Seit 2007 sammeln die Fans Geld für die Realisierung. Für Stefan Schatz, Fanbeauftragter des Vereins und Mitarbeiter im Fanladen, ist das Projekt eine Herzensangelegenheit: »Ende Januar 2013 soll die Schlüsselübergabe stattfinden. Wir waren intensiv in die Planungen eingebunden, bis hin zur Lage von Steckdosen und Lichtschaltern.« Aber ein Ort, an dem Fans nicht nur an Spieltagen ein und aus gehen, Treffen abhalten, Choreografien vorbereiten und unmittelbar daneben die Einsatzräume der Polizei? »Das ist problematisch«, sagt Schatz. »Zumal es um eine Wache geht, die nicht nur an Spieltagen in Betrieb ist, sondern eben auch während des Doms.« Konflikte scheinen da unausweichlich.


Auch im Bremer Weserstadion befanden sich von 1997 bis 2002 Arrestzellen neben den Räumen des Fanprojekts. In Gewahrsam genommen wurden dort vorwiegend Auswärtsfans, die vorher unmittelbar an den Werder-Fans vorbeigeführt wurden. Ein Modell, das ständig Konflikte heraufbeschwor, aber erst nach langwierigen Auseinandersetzungen beendet wurde. Bei St. Pauli geht es neben der Nutzung der Wache außerhalb der Spieltage zusätzlich um die Größe: Mit den ursprünglich geplanten 600 Quadratmetern würde sie sogar mehr Platz einnehmen als die Fanräume und wäre die größte Stadionwache in Deutschland. Nach Ansicht der Fans eine unangemessene Verschwendung von Platz, der viel besser für vereinseigene Zwecke zu nutzen wäre eben für ein Museum in dieser Größe. Auch die Vereinsführung teilt diese Wunschvorstellung im Prinzip, wie Präsident Stefan Orth schon einige Tage vor dem Aalen-Spiel auf der Vereinswebsite mitteilen ließ: »Wir alle wollen ein Museum in der Gegengeraden. Nur der Weg dorthin ist nicht so einfach, wie wir uns das wünschen würden.«

Am Ende des Regenbogens  
Denn dazu müsste im Einvernehmen mit Stadt und Polizei eine externe Lösung gefunden werden. Konkret hieße das wohl: ein Neubau oder eine Sanierung der bestehenden Domwache. Zu diesen Kosten nach derzeitigen Angaben etwa eine Million Euro müsste der Verein aufgrund der früheren Zusagen gegenüber der Stadt maßgeblich beitragen. Wo das Geld dafür herkommen soll, ist nicht klar. Dass es gefunden werden muss, nach dem Aalen-Spiel allerdings schon. Die Partie endet mit einer unverdient niedrigen 0:1-Niederlage, das Sehenswerteste für die St.-Pauli-Fans ist der doppelte Regenbogen, der sich über das Betonskelett der halbfertigen Gegengerade wölbt. Am nächsten Tag wird die Entlassung von Trainer André Schubert verkündet, am Ende der Pressekonferenz fügt Präsident Orth hinzu, dass die Wache extern gebaut wird: »Das Geld dafür werden wir zusammenkriegen, wenn wir alle an einem Strang ziehen.« Für den Fanbeauftragten Schatz eine richtige, wenngleich verspätete Reaktion: »Das Präsidium hat wohl endlich verstanden, dass sich die Fanbasis eine externe Lösung wünscht. Man kann sich aber schon fragen, warum das so lange gedauert hat. Es ist schließlich zwei Jahre darüber geredet worden. Dann färbt man das Stadion einmal rot ein, und plötzlich funktionieren die Dinge.«


Voraussichtlich wird die Polizei nach dem Umzug des Fanladens, der sich heute wenige Minuten entfernt mitten im Stadtviertel St. Pauli befindet, nicht als direkter neuer Nachbar grüßen. Konflikte mit der externen, aber dennoch nahen Domwache sind trotzdem zu erwarten. Und auch der Wechsel ins Stadion bringt für Fanladen und Fangruppen nicht nur infrastrukturelle Vorteile, sondern hat auch seine Schattenseiten. »Mit dem Umzug setzen wir uns einer permanenten Kameraüberwachung aus«, sagt Schatz. »Das gilt für das gesamte Heiligengeistfeld, das schon von Videokameras überwacht wird, und für das Stadion erst recht. Damit werden wir und die Fans einen Umgang finden müssen.«

 

Foto: Ariane Gramelspacher

Referenzen:

Heft: 76
Rubrik: Fansektor
Verein: FC St. Pauli
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