„Sturm muss volksnah sein“

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Mehr Selbstbewusstsein und Offenheit wünscht sich Sportdirektor Günter Kreissl für seinen neuen Verein Sturm Graz. Mit fünf Siegen aus den ersten sechs Spielen scheint der Plan sportlich aufzugehen. 

Martin Schreiner | 12.09.2016

Es ist ein nasskalter Sommertag Ende Juli. Als wir das Trainingsgelände in Graz-Messendorf betreten, reißen die Wolken auf. Ein Sonnenstrahl lässt den feuchten Rasen des Spielfelds glitzern, wie ein Scheinwerfer leuchtet er Günter Kreissl beim Fotografieren ins Gesicht. Der neue Sportdirektor des SK Sturm ist auf wechselhafte Wetterlagen eingestellt, Sturm hat in der ersten Bundesliga-Runde Meister Red Bull 3:1 geschlagen, eine Woche später bei der SV Ried 0:1 verloren und anschließend vier Spiele in Folge gewonnen. Im Interview betont Kreissl immer wieder, dass sich Sturm nicht zu schnell unter Druck setzen lassen sollte.

ballesterer: Nachdem Sturm gegen Red Bull Salzburg gewonnen hat, sind Sie mit hochgerissenen Armen auf dem Spielfeld herumgelaufen. Was ist Ihnen da durch den Kopf gegangen?

Günter Kreissl: Ich bin in einem schwierigen Moment zum Verein gekommen, mitten in der Kaderplanungsphase. Wir haben mit Trainer Franco Foda dann schnell die Weichen auf Veränderung gestellt, weil der Mannschaft das Feuer gefehlt hat. Bei Sturm gibt es viel Druck von außen. Auch intern machen sich alle einen Hoffnungsdruck, dass sich die Dinge zum Besseren wandeln. Wir hatten dann gegen den Doublesieger die denkbar schwierigste Aufgabe für ein Spiel, vor dem du nicht genau weißt, wo du stehst. Als die Mannschaft so toll gespielt hat, ist mir eine Last von den Schultern gefallen.

Welche Musik haben Sie nach dem Match im Auto gehört?

Ich bin ein großer Musikfan. Ich höre alles Mögliche, dann sitze ich im Auto und plärre mit. Georg Danzer habe ich mir gerade heruntergeladen, der ist großartig. Aber die Palette geht von Alternativrock über Bruce Springsteen bis System of a Down. Vor Kurzem hab ich den Udo Lindenberg für mich entdeckt. Sein Lied „Ich mach mein Ding“ gibt mir viel Kraft und Energie.

Spielen Sie auch ein Instrument?

Ja, Lagerfeuergitarre.

Wie können Sie positive Energie für den Verein zurückgewinnen?

Das ist ein komplexes Paket. Es geht viel um zwischenmenschliche Dinge, aber auch um professionelle Bedingungen. Bei Sturm ist vieles von diesem Paket da: ein Trainingszentrum, ein schönes Stadion, Budget und Fans. Jetzt geht es um die Feinabstimmung, damit die Rädchen wieder ineinandergreifen. Im besten Fall entwickelt sich über Erfolgserlebnisse der Effekt, dass wir uns hochschaukeln. Da geht es viel um Intuition. Das Gespür, wo ich wen bremsen oder hinaufheben muss. Wann gehe ich in die Medien und wann bleibe ich intern? Wie gehe ich mit den Fans um? Wenn dieser Effekt eintritt, geht die harte Arbeit erst los. Es ist leichter etwas anzustoßen, als sich auf hohem Niveau zu beweisen.

Was hat die Spieler in der Vergangenheit so massiv gehemmt?

Ich weiß nicht, ob massiv gehemmt der richtige Ausdruck ist. Aber man hat von außen das Gefühl gehabt, dass die Mannschaft nicht rund läuft. Sie ist oft an Drucksituationen nicht gewachsen, sondern gescheitert. Und der Verein hat sich sehr schnell Druck gemacht.

Warum?

Ein Verein mit so überragenden Erfolgen, wie das bei Sturm um die Jahrtausendwende der Fall war, sehnt sich nach dieser prominenten Rolle. Deshalb hat man oft nach ein, zwei guten Spielen gehofft, jetzt sei wieder alles wie vorher. Die Erwartungen sind schnell hochgeschraubt worden, und danach war man tief enttäuscht. Wenn das oft genug passiert, bekommst du Angst vor solchen Situationen.

Aber das läuft jetzt schon einige Zeit so, unabhängig von den Personen.

Da geht es um den gesamten Verein, da muss du als Spieler gar nicht zehn Jahre dabei gewesen sein. Irgendwann überträgt sich das. Die Leute erzählen dir immer das Gleiche: „Jetzt habt ihr zweimal gut gespielt, jetzt wird es sicher wieder schlecht laufen.“ Dadurch entsteht so ein Gesetz der Serie. Deshalb haben wir versucht, durch viele neue Spielercharaktere diese Serie zu durchbrechen. Einige Spieler waren auch zu schnell zufrieden. Sie haben den Unterschied nicht erkannt, bei einem großen Verein zu sein und ein großer Spieler zu sein. Sie haben sich nicht so weiterentwickelt, wie es im besten Fall möglich gewesen wäre.

Sturm hat sich seit dem Zwangsausgleich 2006 oft als Ausbildungsverein positioniert. Wie sehen Sie das?

Wenn der Verein eine gewisse Größe hat, kann ich mit dem Begriff nicht viel anfangen. Das ist mir zu wenig selbstbewusst. Das würde heißen, ich mache das, was ich mache, damit ich Spieler für einen anderen Verein ausbilde. Das ist nicht mein Ziel, ich möchte möglichst erfolgreich sein. Das Getriebe des internationalen Fußballs bewirkt irgendwann ohnehin das Gleiche: Ein guter Spieler erhält ein attraktives Angebot und geht weg. Im besten Fall möchte ich Spieler sehr viel besser machen und langfristig halten. Ich möchte beweisen, dass wir erfolgreich sein und uns gemeinsam weiterentwickeln können.

Wird es möglich sein, Spieler langfristig zu halten? Die Fluktuation zwischen den Vereinen ist auf jedem Qualitätsniveau hoch.

Das wäre mein Ziel. Wir haben derzeit einen Kader mit Verträgen bis 2018, 2019 oder mit einer Option auf eine Verlängerung. Der Kader ist also auf zwei Jahre oder länger ausgelegt.

Die Fans haben das Problem, sich an niemandem orientieren zu können. Machen wir es an einer Person fest. Es besteht die Hoffnung, dass mit Uros Matic wieder ein Spielmacher dabei ist. Wie lange wird er bleiben, wenn er gut spielt?

Das hängt vom Spielertyp ab. Matic war jetzt drei Jahre bei NAC Breda in den Niederlanden und ist den Weg in die zweite Liga mitgegangen. Das zeugt von Vereinstreue. Er genießt hier die Nähe zu seiner Heimat. Sturm hat aufgrund vieler Spieler und Trainer einen super Ruf in Ex-Jugoslawien. Er ist stolz und glücklich, bei Sturm zu spielen. Am liebsten würde ich sagen: „Er ist unverkäuflich.“ Aber das ist zu früh.

Wie sehen Sie die Bestrebungen, die Champions League noch exklusiver zu machen? Welche Möglichkeiten bleiben da für Provinzvereine?

Wenn die Reichen noch reicher werden wollen, ist das immer kritisch. Das ist gierig und egoistisch. Wenn du nach der EM 2016 fragst, was übrigbleibt, werden die Leute „Wales“ und „Island“ sagen. Ich bin auch über den Erfolg von Leicester in England sehr glücklich. Das zeigt, was in unregelmäßigen Abständen möglich ist, das sind die schönsten Dinge in diesem Sport. Bei aller Freude über Barcelona gegen Real Madrid, zehnmal im Jahr will ich das Match nicht sehen. Die Chance auf Überraschungen muss erhalten bleiben.

Wie können Sie Sturm wieder öffnen?

Der Verein muss authentisch sein, greifbar und volksnah. Wir wollten eine Mannschaft formen, die dem Selbstverständnis der Fans entspricht. Wir haben versucht, viele ehrliche Arbeiter im Kader zu haben wie beispielsweise Matic, Fabian Koch und Philipp Huspek. Der Klub ist zudem nicht gut beraten, sich auszusuchen, mit welchen Medienpartnern er arbeitet.

Sie haben anders als Ihre Vorgänger die Sturm- Kritiker diverser Onlinemedien umarmt, anstatt auf Konfrontation zu gehen.

Es gibt viele Leute, denen Sturm am Herzen liegt. Die sind bis zu einem gewissen Grad zu Recht kritisch. Diese Kritik wurde teilweise wie Majestätsbeleidigung aufgenommen. Das sollte nicht passieren. Wenn wir schlecht spielen, darf auch kritisiert werden. Nur wenn von Negativmenschen immer kritisiert wird, ist das mühsam. Viele dieser Leute, die sich kritisch geäußert haben, würden nichts lieber tun, als sich wieder mit Sturm mitzufreuen. Es gibt keinen Grund, nicht mit ausgestreckter Hand auf sie zuzugehen.

Sie sind von der Wiener Austria stark geprägt worden. Was unterscheidet Sturm von der Austria?

Die Austria war viele Jahre mein Lebensverein. Bei beiden Vereinen hat der Anhang das Gefühl, dass nicht immer das Maximum herausgeholt wird. Was bei Sturm an Atmosphäre im Stadion möglich ist, schätze ich österreichweit top ein. Da kann die Post abgehen, diese Begeisterungsfähigkeit sucht ihresgleichen.

Sie war auch an der Frank-Stronach-Akademie tätig. Wie beurteilen Sie dieses Experiment?

Extrem positiv. Ich war fünf Jahre als Tormanntrainer, Co-Trainer der U18 und der Amateure gemeinsam mit Thomas Janeschitz dort. Der Output war unfassbar. Da kommst du beim Aufzählen der Namen gar nicht nach: David Alaba, Aleksandar Dragovic, Markus Suttner, Alexander Grünwald, Rubin Okotie, Tomas Simkovic, Alexander Gorgon, Jörg Siebenhandl, Heinz Lindner und und und. Unser Team war extrem ehrgeizig und engagiert. Ich habe gesehen, wie weit die Spieler in den jeweiligen Altersstufen waren. Die waren alle im Internat, so haben wir einen engen Kontakt über den Fußballplatz hinaus gehabt. Viele große Talente haben es aber auch nicht geschafft.

Wer waren Ihre Förderer im Lauf Ihrer Karriere?

Es hat da nicht die Einzelperson gegeben. Bei der Austria kann ich Branko Elstner, den ehemaligen Teamchef, hervorheben. Der hat als Nachwuchsleiter sehr modern gearbeitet. Davon haben der Verein und ich sehr profitiert. Rudi Szanwald, der früher beim Wiener Sport-Club und im Nationalteam im Tor gestanden ist, hat mich als Tormanntrainer als 13-Jähriger übernommen und bis in den Profikader begleitet.

Sind Sie ein Favoritner und deshalb bei der Austria gelandet?

Nein, ich komme aus dem dritten Bezirk. Mein älterer Bruder und ich haben sehr viel Fußball gespielt – oft in der Wohnung. Da ist es meiner Mutter irgendwann zu viel geworden, sie hat gesagt, sie bringt mich zu einem Verein. In der Nähe hat es im Prater die Austria gegeben und den LAC, einen Landesligaverein. Als dann meine Oma zu Besuch war, hat mich meine Mutter gefragt: „Wohin willst du jetzt? Zum LAC oder zur Austria?“ Ich habe gesagt: „Ich weiß nicht, vielleicht besser zum LAC.“ Worauf meine Oma gesagt hat: „Wenn du nicht zur Austria gehst, erzähle ich jedem, dass du ein Feigling bist.“ Somit sind wir zur Austria marschiert.

Haben Sie immer als Tormann gespielt?

Bei einem Training war der Tormann verletzt, und der Trainer hat gefragt, wer noch im Tor spielen kann. Niemand hat aufgezeigt. Da hat meine Mutter von draußen reingeschrien: „Zeig auf, zeig auf!“ Sie hat gewusst, dass ich gut bin, weil mich mein Bruder zu Hause immer eingeschossen hat. Ich habe aufgezeigt, der Trainer hat mich dann nie wieder aus dem Tor gelassen.


Foto: Lucas Kundigraber

Zur Person:

Günter Kreissl (42) ist seit Mai 2016 Sportdirektor beim SK Sturm. Zuvor war er seit 2008 in verschiedenen Funktionen beim SC Wiener Neustadt engagiert. Zuletzt als Trainer und Sportdirektor. Als Tormann durchlief er den Nachwuchs der Wiener Austria und spielte danach bei verschiedenen Vereinen in der Bundesliga.

Referenzen:

Heft: 115
Verein: SK Sturm
ballesterer # 121

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