Taumelndes Hochofenballett

cache/images/article_1155_leoben_140.jpg Steirische Fußballvereine habens schwer. Nach den beiden Grazer Klubs Sturm und GAK steht nun der dritte Traditionsverein kurz vor dem Konkurs. Mit dem DSV Leoben blickt die ehemalige Speerspitze des Arbeiterfußballs in der Steiermark in eine ungewisse Zukunft.
Am 5. Juni 1995 schoss Peter Guggi das wichtigste Tor seiner Karriere. Im Finale gegen DSV Leoben fixierte er mit einem Kracher aus 25 Metern den bis dato letzten Cupsieg des SK Rapid und ebnete den Weg für die denkwürdigen Europacup-Auftritte der Hütteldorfer. Ganz nebenbei verhinderte er damit auch den größten Erfolg seines ehemaligen Arbeitgebers.

Die Vereinschronik des steirischen Zweitligisten ist nicht gerade gespickt mit Erfolgen. Neben dem Erreichen des Cupfinales stehen nur noch einige regionale Titel und Kurzauftritte in der obersten österreichischen Spielklasse zu Buche. Doch der Verein aus der Obersteiermark weiß auf anderer Ebene Sympathiepunkte zu sammeln.  1928, noch unter dem Namen WSV Donawitz, als reiner Werkssportverein der Alpine Montan gegründet, galten die Leobener lange als der Inbegriff des Arbeiterfußballs. Auftritte im ehemaligen Donawitzer Stadion gestalteten sich für Gastmannschaft und Auswärtsfans sowohl beeindruckend als auch furchteinflößend. Umgeben von Schlacke und einem Publikum, das zum Großteil aus Fabrikarbeitern bestand, konnte das »Hochofenballett« auch gegen die Großen des österreichischen Fußballs bestehen.

In den 70er Jahren entwickelte sich Leoben, mittlerweile in DSV Alpine unbenannt, immer mehr zur steirischen Talenteschmiede und etablierte sich als fußballerisches Zentrum der Obersteiermark. Aus dem Schatten der mächtigen Stahlwerke der VÖEST Alpine zog damals auch ein gelernter Betriebselektriker aus, um sich in der Fußballwelt einen Namen zu machen: Walter Schachner gilt auch heute noch als die Lichtgestalt des obersteirischen Fußballs.

Mit der großen Stahlkrise sah sich der DSV Alpine Anfang der 90er Jahre mit schwierigen Zeiten konfrontiert. Als erster Rettungsversuch fusionierte man mit dem 1. FC Leoben, um die fußballerischen Kräfte in der 25.000-Einwohner-Stadt zu bündeln. Doch auch als DSV Leoben schienen die finanziellen Schwierigkeiten nicht gelöst, und so drohte unweigerlich der Konkurs.

Mit Linz beginnts
Kurz vor dem endgültigen Aus betrat Hans Linz die Bühne in der Mur-Mürz-Furche. Der Hotelbesitzer und Finanzberater aus Gröbming präsentierte sich zunächst als Hauptsponsor und übernahm 1998 auch das Präsidentenamt. Mit Linz erreichte der Nadelstreif die bodenständige Hüttenstadt. Fans und Verein waren zwar heilfroh, einen Finanzier im Stadion zu haben, aber der Bruch mit der proletarischen Tradition schien vorprogrammiert.

»Wir waren alle erleichtert, dass der Verein doch noch gerettet werden konnte. Mit Hans Linz an der Spitze schien sowohl finanziell als auch sportlich einiges möglich«, räumt auch Ronald vom größten DSV-Fanklub »Green Elite« gegenüber dem ballesterer ein. Mit dem neuen Präsidenten und dessen wirtschaftlichem Background sollte der Wiederaufstieg in die höchste Spielklasse geschafft werden.

Doch es kam alles anders. Linz konzentrierte sich eher darauf, den sportlichen Werdegang seines Neffen Roland zu fördern, und begann sukzessive wichtige Posten im Verein mit Bekanntschaften aus seiner Heimatregion zu besetzen. Dass der DSV Leoben zusehends zu einem »DSV Gröbming/Ennstal« mutierte, stieß dem Leobener Publikum sauer auf.

Ronald sieht darin auch einen Hauptgrund für den drastischen Zuschauerschwund, an dessen Tiefpunkt in der abgelaufenen Herbstsaison durchschnittlich nur noch 524 Besucher die Drehkreuze passierten: »Das hatte bald nichts mehr mit der Stadt Leoben zu tun. Zusammen mit den mäßigen Leistungen auf dem Platz fragten sich viele, warum sie sich das noch antun sollten.«

In der Saison 1999/2000 schrammte der DSV trotz eines starken Kaders erneut haarscharf am Aufstieg in die Bundesliga vorbei. Dass just vor dieser Saison der alte Donawitzer Platz in ein schmuckes Stadion umgebaut wurde, tat dem Unmut der Fans keinen Abbruch. Es schien, als müsste man sich entgegen allen Versprechen an das Zweitligadasein gewöhnen. In den Folgejahren sollten sich die Befürchtungen bestätigen. Ohne sportliches Konzept hatte der DSV offenbar ein Abonnement auf die Tabellenplätze drei bis sieben. Doch die Lethargie sollte gebrochen werden, denn im Herbst 2008 folgte der Super-Gau.

Die AvW-Affäre erreicht Leoben

Hans Linz war mit seiner Finanzberatungsgesellschaft HLF in der Steiermark jahrelang als Vermittler für Genussscheine des Kärntner Be teiligungsunternehmens AvW (Auer von Welsbach Gruppe) aufgetreten. Mehrere tausend Anleger sollen laut Wirtschaftsblatt über die Linz-Firma rund 130 Mio. Euro in AvW-Papiere investiert haben. Das Unternehmen geriet aber im Zuge der Wirtschaftskrise aufgrund nicht autorisierter Transaktionen eines Mitarbeiters in akute Zahlungsschwierigkeiten, die Kurse fielen in den Keller und die AvW-Papiere waren unverkäuflich.

Das traf auch Linz hart, seine HLF meldete am 22. November Konkurs an, die Anleger müssen sich laut Pressemeldungen auf einen Totalverlust einstellen. Einige in Besitz von Hans Linz stehenden Immobilien wurden vorläufig beschlagnahmt. Gegen den Unternehmer laufen seither Ermittlungen wegen schweren gewerbsmäßigen Betrugs, er bestreitet die Vorwürfe.

Neben den Gläubigern und Anlegern kamen auch der DSV Leoben und seine Fans zum Handkuss. Kurz zuvor hatte Linz noch verkündet, die Außenstände des Vereins auf die Hälfte reduzieren zu können. Zudem stehe eine Investorengruppe ante portas. Das stellte sich jedoch ebenso als Gerücht heraus wie ein Lizenzverkauf an den GAK oder Red Bull. Die versprochene Rettung blieb aus.

Unfähig seiner Sponsorentätigkeit weiter nachzukommen, legte der ehemalige Retter am 7. Dezember sein Präsidentenamt zurück. Mit dem Rücktritt von Linz begann sich das vereinsinterne Personalrad zu drehen. Der neue starke Mann an der Spitze des steirischen Traditionsvereins hieß Edi Lieber und war gar nicht so neu. Lieber stellte nach außen den personifizierten Umbruch dar, war aber schon seit Jahren eine fixe Größe im Team von Linz gewesen. Von den Fans klingt leise Kritik durch: »Ich finde nicht, dass Hans Linz alleine für diese Misere verantwortlich gemacht werden kann. Da waren jahrelang die falschen Leute in den falschen Positionen. Und wenn das ein Umbruch ist, dann kommt er viel zu spät«, so Ronald von der »Green Elite«.

Die Bemühungen, den Verein vor dem endgültigen Aus zu retten, konnten der neuen Führung jedoch nicht abgesprochen werden. Hoffnungsschimmer traten zutage: Sogar im fernen Portugal nahm man Rücksicht auf die schweren Zeiten in der Obersteiermark. Roland Linz verzichtete vorübergehend auf ausstehende Zahlungen von seinem Wechsel zur Wiener Austria. Eine noble Geste, und doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ohne Kicker zum Neustart?
Weil es sich ohne Gage schlechter kickt, griffen die finanziellen Turbulenzen des Vereins auch auf die Leistungen auf dem Fußballplatz über. Am Ende einer katastrophalen Herbstsaison fand sich der DSV auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder. Anfang 2009 folgte dann die nächste Hiobsbotschaft für die leidgeprüften Fans der Grün-Weißen. Von Vereinsseite wurde allen Spielern die kostenlose Freigabe erteilt, um die Personalkosten drastisch zu senken. Für die sportliche Leitung unter Trainer Heimo Kump in puncto Vorbereitung ein Blindflug ins Ungewisse, viele Leistungsträger dürften den Verein verlassen.

Kurz vor Redaktionsschluss setzte der neue Vorstand den nächsten drastischen Schritt und verkündete die Einstellung des Profibetriebs. Alle Testspiele wurden bis auf weiteres abgesagt. Edi Lieber erklärte, man konzentriere sich ausschließlich auf die Rettung des Vereins. Von einem Lizenzantrag für die nächste Saison und einen Verbleib in der Liga sei derzeit nicht einmal zu träumen.

Dass an einem Abstieg wohl kein Weg vorbeiführt, bereitet dem Leobener Anhang noch das wenigste Kopfzerbrechen. Vielmehr sehen die Fans ihre fußballerische Existenz gefährdet, denn alle Zeichen stehen auf Konkurs. Ronald träumt vom Neustart: »Mir ist ganz egal, in welcher Liga wir nächste Saison spielen, solange es den DSV noch in irgendeiner Form gibt. In Fußballpension möchte ich mich noch nicht begeben. Ich denke, dass bei einem Neustart auch der Identifikationsfaktor steigen würde, und mit ihm die Zuschauerzahlen.«

Referenzen:

Heft: 39
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 121

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