Eine Wohngemeinschaft erstickt in T-Shirts
Wir befinden uns in Tottenham/Nord-London, Mitte der 1990er Jahre. Eine in einem Reihenhaus untergebrachte Wohngemeinschaft quillt über vor T-Shirts mit philosophischen Zitaten auf der Vorderseite. Es sind die wilden Anfangsjahre des Leiberlversandes »Philosophy Football«.
»Mark war immer blind gegenüber totalem Chaos«, rekapituliert Mitbegründer Hugh Tisdale heute mit Schaudern. Sein Kompagnon Mark Perryman präzisiert: »Die im Wintergarten gelagerten Shirts sind durch das undichte Dach immer nass geworden, und über die trockene Ware im Rest des Hauses hat sich unsere Katze hergemacht. Der Mitbewohnerin vom Obergeschoß habe ich von Zeit zu Zeit 20 Pfund gegeben - als Entschädigung dafür, dass die Treppe praktisch nicht mehr benutzbar war.« Die versandfertigen Pakete wurden anfangs in Müllsäcken zum Postamt geschleift, später halfen Einkaufswagerl.
Über 50.000 verkaufte Leiberl später läuft alles in geordneten Bahnen ab. Der Versand wird im Stadtteil Shortditch von einem Büro aus abgewickelt, den sich Philosophy Football mit dem kongenialen Fußballmagazin »When Saturday Comes« teilt. Die Ursprungsidee des ungewöhnlichen Unternehmens nehmen Tottenham-Fan Perryman und Aston-Villa-Anhänger Tisdale nicht für sich in Anspruch. Schuld war der Besuch eines trostlosen Spurs- Matches gegen die Queens Park Rangers. Perryman schaute sich nach dem torlosen Remis mit einem befreundeten QPR-Fan ein Video über Philosophie und Torhüter an. Dabei tauchte ein Zitat des algerisch- französischen Philosophen und Schriftstellers Albert Camus auf, der jahrelang Goalie von Racing Universitaire in Algier gewesen war: »Alles, was ich mit größter Gewissheit über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.« Der QPR-Anhänger war begeistert und wollte den Spruch auf einem T-Shirt sehen.
Perryman schrieb damals für die linke Zeitung »New Times«, für die Tisdale das Layout machte. Am folgenden Montagmorgen läutete das Telefon des Grafikers, und Perryman eröffnete ihm seine Idee, den Camus-Spruch auf T-Shirts zu drucken, unterschätzte aber das Potenzial: »Man kann damit zwar kein Geld verdienen, aber das wird ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk. « Den Anruf nennt der Tottenham- Fan heute in koketter Bescheidenheit »den einzigen Geistesblitz seines Lebens.« Nicht ganz glaubwürdig für einen Autor, dessen Bücher in der Zwischenzeit auf Italienisch, Deutsch, Niederländisch, Türkisch und Japanisch übersetzt wurden.
Aus dem wunderschönen Weihnachtsgeschenk wurde schnell die erste Kollektion von »Philosophy Football - sporting outfitters of intellectual distinction«. Tisdale erklärt den raschen Aufschwung mit der unglaublich hohen Medienpräsenz, die sein Kompagnon in dieser Phase durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit erreichte.
Die Cantona-Verteidigungskampagne
Als besonders günstig erwies sich die Produktion eines Cantona-Leiberls im Jahr 1995. Die Shirts waren gerade fertig, als der französische Star im Dress von Manchester United seinen legendären Kung-Fu-Tritt gegen einen Fan von Crystal Palace setzte.
Die berüchtigte britische Boulevardpresse stellte Cantona sofort als brutalen Barbaren hin und verlangte einmütig eine lebenslange Sperre. Perryman und Tisdale vertraten die Meinung, dass sich der Franzose die dem Tritt vorangegangenen rassistischen Beschimpfungen nicht gefallen lassen musste. Flugs definierten sie die Produktion des T-Shirts per Presseaussendung um in eine »Eric-Cantona-Verteidigungskampagne «.
Perryman erklärte seine Position im landesweit ausgestrahlten BBC-Radio. In der Wohngemeinschaft in Tottenham brachen sofort alle Dämme. Das Telefon läutete ununterbrochen, über 200 Cantona-Shirts wechselten noch am selben Tag den Besitzer.
Als der Fall Cantona vor Gericht kam, trat der Franzose vor die sensationslüsterne Presse und speiste sie mit einem einzigen Satz ab: »Wenn die Seemöwen dem Fischkutter folgen, dann deshalb, weil sie glauben, dass Sardinen ins Meer geworfen werden.« Für Philosophy Football ausreichend Stoff für das zweite Cantona-Shirt.
Die Fankultur-Verteidigungskampagne
Dass manche Fußballer Intelligentes von sich geben, ist einer der Grundpfeiler von Philosophy Football. Umgekehrt haben einige der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts aus Beobachtungen des Fußballgeschehens grundlegende philosophische Erkenntnisse gewonnen.
Ein dritter wichtiger Faktor ist die Überzeugung, dass Fans ihre eigene Kultur entwickeln können und sollen. Tisdale: »Wir wollten von Anfang an keine Markenlogos auf unseren Shirts haben. Und wir sehen überhaupt nicht ein, dass sich Coca Cola immer in die Fußballkultur drängen will.« Der Zorn darüber entlud sich naturgemäß in einem T-Shirt. Die Aufschrift: »Live football, sleep football, drink sugary brown water.«
In Sachen Fankultur ist Mark Perryman seit einigen Jahren mit dem bemerkenswerten Projekt LondonEnglandFans unterwegs. Die Fanvereinigung sieht die Spiele des englischen Nationalteams als Gelegenheit, andere (Fan-)Kulturen kennen zu lernen. Im Sommer 2004 fand in Wien anlässlich des WM-Qualifikationsspiels ein höchst stimmungsvolles englisch- österreichisches Treffen von LondonEnglandFans und ballestererfm statt.
Perryman spricht sich für einen »verspielten, internationalistischen Nationalismus « der Fans aus. Übersetzt in ein Shirt zur Euro 2004 prangt von der Brust die Aufstellung des englischen Teams, während auf dem Rücken das portugiesische »Inglaterra« steht.
Beim U21-Auswärtsspiel gegen Aserbaidschan erntete eine Handvoll LondonEnglandFans vergangenes Jahr mit einem Philosophy-Football-Leiberl zu Ehren von Tofik Bachramov stehende Ovationen der Gastgeber. Der zum Teil fälschlich als »russischer Linienrichter, der die WM 1966 für England entschieden hat« in die Geschichte eingegangene Mann ist in Wirklichkeit aus Aserbaidschan und hat den dortigen Fußballverband mitbegründet.
Dissidenten
Seit Ende 2000 werden in Shortditch auch »dissenters shirts« verpackt, Leiberl mit politischen Zitaten. Ein Teil der daraus lukrierten Einnahmen geht an thematisch verwandte Projekte wie eine Initiative zur Unterstützung enteigneter Palästinenser, die Anti-Irak-Kriegsbewegung oder »Hope, not hate«, eine Kampagne gegen die rechtsradikale British National Party.
»Uns ist ein Kunde aber nicht wichtiger, weil er sich für unsere politischen Shirts interessiert«, sagt Mark Perryman, »und wir werben auch nicht damit, dass unser Textil nicht von Kindern gefertigt wird. Wir wollen nicht so tun, als würden wir den gesamten Produktionsprozess kontrollieren. « Wer nachfragt, erfährt, dass die Shirts aus Kanada geliefert werden, zusammen mit einem Zertifikat über die Einhaltung der dort geltenden arbeitsrechtlichen Bestimmungen.
Angesprochen auf die Auswahl der Wortspender, kommen die beiden Leiberlfetischisten ins Schwitzen. »Es ist tatsächlich wie in einem Fußballteam. Wer keine gute Performance zeigt, muss ausgetauscht werden.« So war es etwa mit Sigmund Freud, dessen Shirts sich einfach nicht gut genug verkauften. Dass in Hinblick auf die EM 2008 ein bisschen wenig Schweizer und Österreicher (Wittgenstein) im Team sind, hat das geschäftstüchtige Duo auch schon erkannt. Wer ein geeignetes schweizerisches oder österreichisches Zitat nach London schickt, hat deshalb gute Chancen, es demnächst auf einem Philosophy-Football-Shirt wieder zu finden - und das erste davon als Belohnung im Postkastl. Gut möglich, dass der Spruch unübersetzt im Original gedruckt wird. Denn wie Pasolini schon nachgewiesen hat: Auch nicht-englische Spruchleiberl können zum Verkaufsschlager werden!
Netztipp: Philosophy Football






erscheint am 12. Juli 2013.
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