Thatchers Vermächtnis

cache/images/article_2078_mag_140.jpg Die Boulevardzeitung The Sun nennt sie den größten britischen Premier aller Zeiten, der Daily Mirror bezeichnet sie als Spalterin der Nation. Für den Coach von West Ham United, Sam Allardyce, war sie »die Frau, die versucht hat, den Fußball zu töten«. Trainerlegende Brian Clough sah in ihr »des Fußballs natürlichen Feind«. Am 8. April starb Margaret Thatcher.
Clemens Zavarsky | 13.05.2013

»Was wir nie vergessen sollten: Diese Frau hat die Arbeiterklasse gehasst. Und sie hat den Fußball gehasst«, schrieb David Maddock in der britischen Tageszeitung Daily Mirror. Fußball sei für Margaret Thatcher ein Ärgernis gewesen, eine Frage von Recht und Ordnung - nicht von Sport. Der erste internationale Auftritt englischer Hooligans bei der EM 1980 in Italien, die Plünderungen und Brandschatzungen von West-Ham-Fans in Brighton 1978, die heftigen Ausschreitungen von 1.000 Millwall-Fans in Luton 1985 - während Thatchers Amtszeit als britische Premierministerin von 1979 bis 1990 erlebte der Hooliganismus seine Hochblüte. Thatcher hatte ihn sich mit ihrer Politik selbst herangezüchtet. Durch die Privatisierung der staatlichen Industrie nahm sie einer Generation die Möglichkeit, den Arbeitsplatz ihrer Eltern in den Stollen, Fabriken und Lagerhallen anzutreten. Und mit dem Abbau des Sozialstaats verschärfte sie die Lage der No-Future-Generation, die ihren sozialen Frust in den Stadien entlud.


Thatchers Regierung wurde bald auf den sozialen Brennpunkt Stadion aufmerksam, 1986 begann mit »Own Goal« die erste großangelegte Polizeiaktion gegen Hooligans. In umstrittenen Prozessen zeichnete die Strafverfolgung ein Bild grausamer Neonazis. »Keiner von denen war eine Gefahr für die Gesellschaft, aber die Polizei musste Maggie zeigen, dass sie dieser gesellschaftlichen Krankheit den Garaus machen würde«, schreibt Martin King, frühes Mitglied der »Chelsea Headhunters«, in seinem Buch »Hoolifan«. Das Boulevardblatt The Sun berichtete seitenweise über die Prozesse und rückte Fans pauschal ins Extremisteneck. Eine Strategie, die sich schon während des großen Bergarbeiterstreiks Mitte der 80er Jahre bewährt hatte, als der Gewerkschaftsvorsitzende Arthur Scargill diffamiert wurde.


Den Bergarbeiterstreik konnte Thatcher aussitzen. Die Gewerkschaften erholten sich von dieser Niederlage bis heute nicht, auch die britische Bergwerskindustrie wurde zerstört. Innerhalb von fünf Jahren wurde mehr als die Hälfte der Zechen in Großbritannien geschlossen oder privatisiert. Den Kampf gegen den Hooliganismus hatte Thatcher aber nur scheinbar gewonnen. Zweieinhalb Jahre nach der Operation »Own Goal« waren die meisten Verurteilten wieder auf freiem Fuß, ihre Urteile wurden aufgrund mangelnder Beweise aufgehoben.

Tod im Stadion
In die Ära Thatcher fallen auch die größten Stadionkatastrophen des englischen Fußballs. Am 11. Mai 1985 löste eine weggeworfene Zigarette beim Drittligaspiel gegen Lincoln City einen Brand im Valley-Parade-Stadion von Bradford City aus, 56 Menschen starben. »Der Brand in Bradford zeigte erstmals, dass die baufälligen Stadien in England zu einer wahren Todesfalle geworden waren«, schreibt Andy Lyons im Fußballmagazin When Saturday Comes. Die Verhinderung der Tragödie sei gescheitert »an der Selbstgefälligkeit der Funktionäre, die den Standpunkt vertraten, die Zuschauer sollten sich gefälligst mit den Substandard-Tribünen zufriedengeben«.


Zwei Wochen später folgte die nächste Katastrophe. Am 25. Mai starben vor dem Meistercup-Finale zwischen Juventus und dem FC Liverpool im Brüsseler Heysel-Stadion 39 italienische Fans. In einem völlig überfüllten Sektor war es zu einer Massenpanik gekommen, die Fans wurden zu Tode getrampelt und von einer einstürzenden Mauer erdrückt. Auch diese Tragödie hätte sich verhindern lassen: Nicht nur war das Heysel-Stadion in einem schwer baufälligen Zustand, auch fehlte den Veranstaltern ein Sicherheitskonzept, denn sie hatten die rivalisierenden Fangruppen in unmittelbarer Nähe zueinander untergebracht.

Opfer des Systems
Thatchers Regierung sah sich von der Tragödie in ihrem Kampf gegen den Hooliganismus bestätigt und unterstützte die Fünf-Jahres-Sperre für englische Klubs in den Europacup-Bewerben. Im englischen Profifußball führte sie mit dem »Football Spectators Act« 1989 das »Membership Scheme« ein. Fortan durfte nur noch ins Stadion, wer einen gültigen Fanausweis hatte. Die steigenden Kartenpreise und die Weigerung einiger Anhänger, »ihr Privatleben vor dem Gesetz auszubreiten«, wie es Hooligan-Literat Mark Chester nannte, drängten die Arbeiterklasse zunehmend aus den Stadien. Der ehemalige Labour-Abgeordnete Roy Hattersley sagte 1992 über Thatcher: »Sie hat es geschafft, die Verbindung der Arbeiterklasse mit den Bergarbeitern und den Fußballfans zu trennen.« Anfang der 90er Jahre begann mit der Gründung der Premier League und den Fernsehgeldern von Rupert Murdoch zwar die sportliche Renaissance des englischen Fußballs, das Publikum hatte sich aber nachhaltig verändert.


Davor hatte sich am 15. April 1989 aber noch eine weitere Katastrophe ereignet, die englische Fans bis heute traumatisiert. Beim FA-Cup-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest kamen an diesem Tag 96 Liverpool-Fans ums Leben. Thatcher machte mit Hilfe der Sun die Fans dafür verantwortlich. Unter dem Titel »The Truth« veröffentliche das Boulevardblatt ein Pamphlet: »Liverpool-Fans stahlen die Geldbörsen der Toten und urinierten auf die Polizei, die zur Rettung herbeigeeilt war.« Der Öffentlichkeit wurde vorgegaukelt, randalierende Fans hätten die Massenpanik verursacht. Es sollte 23 Jahr dauern, bis im September 2012 die wahren Umstände der Tragödie ans Licht kamen: ein eklatantes Versagen der Behörden und ausgebliebene Hilfeleistung. Zumindest 41 Menschen hätten gerettet werden können. Der konservative Premier David Cameron und die Sun entschuldigten sich bei den Angehörigen der Opfer. Thatcher selbst dürfte die Rehabilitierung der Opfer nicht mehr mitbekommen haben, schon seit 2000 litt sie an Demenz.


Bei den Premier-League-Spielen am 13. und 14. April wollte der englische Verband eine Trauerminute für die verstorbene Ex-Premierministerin einlegen - kurz vor dem Jahrestag des Hillsborough-Dramas. »Respekt sollte denen entgegengebracht werden, die ihn verdienen«, sagte Liverpool-Legende Kenny Dalglish. »Nicht denen, die ihn fordern.« Und so wurden an jenem Wochenende in vielen englischen Stadien Trauerminuten abgehalten: zu Ehren der 96 Toten von Hillsborough.

Referenzen:

Heft: 82
Rubrik: Fansektor
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