ballestererfm: Dein Stück »Port« handelt von Menschen aus den unteren Schichten von Stockport, einer dahinsiechenden Industriestadt vor den Toren Manchesters. Manchester United kommt in den Dialogen immer wieder vor. Wie wichtig sind deiner Meinung nach Fußballklubs in vernachlässigten Gegenden wie eben Stockport?
SIMON STEPHENS: Fußballklubs haben dort dieselbe einzigartige Bedeutung, die sie vermutlich auf der ganzen Welt haben. Sie sind von Interesse für eine Gemeinde. Sie bieten eine Möglichkeit, sich zu unterhalten. Sie sind Zeitvertreib. Sie wirken einigend und polarisierend zugleich. Sie regen einen auf und kosten viel Geld. In Port erfüllen sie im Wesentlichen drei Funktionen. Erstens sind sie innerhalb eines bestimmten Raumes Teil einer Kultur. So drückt sich die Identität einer Stadt auch durch ihren Fußballklub aus. Leute aus Manchester fühlen sich kaum mehr als Mancunians, als wenn sie an ihre Fußballklubs denken. Außer natürlich sie denken an ihre Bands. Zweitens bieten sie eine Quelle des Stolzes, und dadurch eine Möglichkeit des Trostes. Und drittens, was in Port besonders entscheidend ist, offerieren sie eine Möglichkeit zu träumen, einen möglichen Fluchtweg. Der Wunsch, für Manchester United zu spielen wird so zu einer Möglichkeit, die Stadt hinter sich lassen zu können.
Sind Klubs wie United also etwas Beständiges in einer sich verändernden Welt? Eine Konstante, mit der sich die Menschen identifizieren können?
Fußballklubs sind niemals, wirklich niemals beständig. Nicht einmal die beständigsten unter ihnen. Sie erfinden sich mit jedem Spiel neu. Dennoch sind sie immer auch etwas Permanentes. Etwas, auf das man sich verlassen kann. Manchester United ist nach dem Ende eines Spiels etwas anderes als zuvor, zumindest in einer gewissen Art und Weise. Trotzdem wird United vermutlich immer wieder ein neues Spiel haben. Deshalb ist es auch so katastrophal, wenn Fußballklubs auf einmal verschwinden.
In Port träumt ein Charakter davon, Eric Cantona zu sein. Inwiefern kann ein Theaterstück zeigen, wie wichtig Fußball im Leben vieler Menschen ist?
Ich denke, dass ein Stück alles machen, alles zeigen und alles entdecken kann - sofern es den Menschen betrifft. Aber ein Theaterstück kann kein Fußballspiel auf die Bühne bringen, auch nicht mit dem größten Aufwand. Es kann aber aufzeigen, wie sehr Fußball auf die Menschheit wirkt. Allerdings bleibt es anderen überlassen, darüber zu urteilen, wie erfolgreich der Fußball dabei nun wirklich ist. Ich für meinen Teil habe das in Abschnitten von Port und auch in Passagen anderer Stücke versucht.
Zweifelsohne hat der Fußball einen großen Stellenwert. Kann er aber wirklich an Orten Hoffnung schaffen, wo es eigentlich keine Hoffnung gibt?
Nicht ganz. Aber er kann eine wunderbare Ablenkung sein und endlos Trost spenden. Fußball kann jedoch keine Ehen retten, keine Krankheiten heilen, keine Verbrechen bekämpfen, keine Kriege beenden, nicht die Umwelt retten, keinen Reichtum umverteilen und vermag auch keine Menschen auszubilden.
Manche Menschen können sich dafür ihr Leben lang an bestimmte Spiele erinnern. Kannst du dich an deinen ersten Besuch in Old Trafford noch erinnern?
Ich erinnere mich daran, wie sehr mich die physische Präsenz so vieler Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort überwältigt hat. Ich kann mich noch erinnern, dass mich das Aussehen vieler älterer Fans eingeschüchtert hat, schließlich war das in England am Anfang der 80er-Jahre. An das Spiel selber kann ich mich nur noch entfernt erinnern. Ich glaube mich zu entsinnen, dass Steve Coppell ein Tor schoss und 40.000 Leute ausrasteten, was natürlich großartig war. Auch kann ich mich daran erinnern, nachher von den Spielern Autogramme bekommen zu haben, wenngleich ich zu nervös war, um mit ihnen zu sprechen. Schließlich war ich erst neun, für mich waren sie verdammte Götter. Würde ich heute Roy Keane oder Eric Cantona treffen, dann wäre ich wahrscheinlich ähnlich sprachlos. Ich erinnere mich auch noch an meinen Vater, als er ein paar Kids Geld gegeben hat, damit sie auf sein Auto aufpassen. Das heißt, damit sie nicht die Reifen aufschlitzen. Und ich kann mich an den Geruch der Hot Dogs erinnern.
Gehst du noch immer regelmäßig ins »Theatre of Dreams«?
Nein, ich bin ja ein Dramatiker. Wie sollte ich mir es da leisten können, Man United zu sehen?
Gibt es eigentlich eine Erklärung dafür, dass viele große Musiker aus Manchester wie Johnny Marr, Mark E. Smith oder die Gallaghers sich als City-Fans bezeichnen, und nur einige Langweiler wie Simply Red United-Fans sind?
Ganz so kann man das nicht stehen lassen. City-Fans können sich damit brüsten, für ein mieses Team zu sein. Das macht sie authentisch. Für United zu sein wirkt dagegen natürlich nicht gerade authentisch. Deshalb sind viele zu verlegen, um zuzugeben, dass sie eigentlich United-Fans sind.
Ist es für dich aus heutiger Sicht ein Widerspruch, als kritischer Schriftsteller einen Global Player wie Manchester United zu unterstützen?
Fußball ist irrational, nicht wahr? Das ist ein Teil seiner Schönheit. Jeder Fußballklub ist zutiefst kapitalistisch in seiner Ausrichtung, St. Pauli einmal ausgenommen. Alle sind so. Nur manche sind eben bessere Kapitalisten als andere. Dennoch reizt es mich, meinen Sohn zu einem kleinen, miesen, lokalen Team mitzunehmen. Allerdings ist er ein großer Fan von Alan Smith. Und Ruud van Nistellroy. Und Wayne Rooney. Deshalb wird er wohl den sozialen Wert eines solchen Besuches nicht zu würdigen wissen.
Apropos Rooney. Wir hatten hier in Österreich große Schwierigkeiten, während der Europameisterschaft seine Interviews zu verstehen. Geht es den Leuten in Manchester ähnlich?
Er hat einen starken Akzent, aber seit wann müssen Fußballspieler redegewandt sein? Es verblüfft mich immer wieder, wie viel Zeit ich damit verbringe, an jedem Wort vollkommen ungebildeter Schwachköpfe zu hängen. Rooney ist mit Sicherheit nicht der Schlimmste. Hast du schon einmal ein Interview mit Wes Brown gehört? Oder Ryan Giggs? Außerdem wird Rooney das Herz jenes Teams sein, das den Champions League-Pokal dorthin zurückbringt, wo er hingehört. Allerdings noch nicht in diesem Jahr.
Die englischen Fernsehkomiker Baddiel und Skinner haben Wayne Rooneys Aussehen mit dem einer Kartoffel verglichen. Was kann man von einer solchen Art von Humor halten?
Rooney mag zwar wie eine Kartoffel aussehen, aber Kartoffeln sind gut. Zumindest bildet er sich nicht ein, gut aussehend zu sein. Er ist mit Sicherheit nicht der hässlichste Spieler in der Premier League, nicht einmal der hässlichste bei Man United. Außerdem muss ich sagen, dass ich immer nur den wirklich hässlichen United-Spielern vertraue. Paul Scholes, Ryan Giggs, Nicky Butt, Roy Keane, Jaap Stam und Ruud van Nistelroy, das sind alle - auf ihre Weise - zutiefst hässliche Typen. Erst mit attraktiven Spielern wie Rio Ferdinand oder David Beckham fangen die Probleme an. Die sind zwar beide tolle Spieler, aber auf ihre Art auch wieder katastrophal. Deshalb habe ich mich im Sommer sehr über das Engagement von Alan Smith und Wayne Rooney gefreut. Nicht nur weil ich sie für großartige Spieler halte, sondern weil sie beide so schön hässlich sind.






erscheint am 12. Juli 2013.
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