Tiefe Bässe, kampfbetontes Spiel

cache/images/article_2079_raz_140.jpg Kurt Razelli bastelt Songs aus der Fernsehrealität. Neben sudernden Pensionisten und Prolos aus dem Gemeindebau bedient er sich bei Marko Arnautovic und David Alaba.
Reinhard Krennhuber | 13.05.2013

Wir treffen Kurt Razelli in einem Café in der Shopping City Süd am Rande von Wien - in einem Ambiente, das wie geschaffen ist für Fernsehformate wie die »Alltagsgeschichten« des ORF, die den Stoff für Razellis Arbeit liefern. Für den ballesterer verabschiedet sich der Musiker kurz aus der Anonymität, doch viel gibt er nicht von sich preis. Er sei Anfang 30, wohne in einem Wiener Außenbezirk und verdiene sein Geld mit diversen Auftragsarbeiten in der Unterhaltungsbranche, sagt Razelli. »Den Künstlernamen habe ich gewählt, weil er gut klingt - nach einem Wiener mit italienischen Wurzeln.«

Teamkicker im Fleischwolf
»Ein noch nie dagewesenes, künstlerisch hochwertiges Premiumprodukt« - so definiert Razelli seine Musik. Das Augenzwinkern ist gratis - genauso wie seine Songs, die er über YouTube verbreitet. Razelli hat sich auf das Sampling spezialisiert. Er nimmt Interviewfetzen aus Reality-TV-Sendungen, reiht sie in Schleifen, bastelt Refrains und unterlegt das Ganze mit Beats und Effekten. Am Schluss schneidet er das Bildmaterial dazu.


In einem Song stecken ein bis zwei Tage Arbeit, pro Monat veröffentlicht Razelli bis zu vier Tracks. Als Ausgangsmaterial dienen ihm Sequenzen aus Elisabeth T. Spiras Alltagsgeschichten, den ATV-Trashformaten »Geschäft mit der Liebe« und »Saturday Night Fever« sowie Fußballübertragungen. Im »Arnautovic Song« lamentiert der Teamspieler über seine vergebene Chance beim 1:2 im WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland. Der Track zählt mit mehr als 53.000 Klicks zu den beliebtesten Stücken. Im »Irland vs. Österreich Song« bekommt Arnautovic Unterstützung von David Alaba, der für Dublin hohe Bälle und ein kampfbetontes Spiel erwartet. Neben den Teamspielern drehte Razelli auch schon Peter Pacult und Frenkie Schinkels durch den Fleischwolf.

Milan und die Admira
»Ich schaue ur gern Fußball«, sagt Razelli und outet sich als Milan-Fan. »Nicht wegen dem Berlusconi. Mich hat der Mythos Milan fasziniert und die legendären Europacup-Schlachten - wie das Spiel gegen Salzburg, als Otto Konrad die Wasserflasche draufgekriegt hat.« Darüber hinaus ist Razelli aus nachbarschaftlichen Gründen der Admira verbunden. »Für eine Saisonkarte reicht's nicht. Aber wenn das Wetter schön ist, kann man sich die Admira schon anschauen.« Für seine Musik eigne sich die Nationalmannschaft aber besser, weil die Spiele tiefer im kollektiven Gedächtnis verankert seien, sagt Razelli: »An Wiener Neustadt gegen Admira kann sich schon eine Woche später niemand mehr erinnern.«   


Razellis Samples kommen gut an, erst kürzlich überschritt sein YouTube-Kanal die Marke von einer Million Klicks. Für mehr als 100.000 Views verlieh er dem »7.200 Schilling Song« via Facebook eine Goldene Schallplatte. »Die Reaktionen sind sehr positiv«, sagt Razelli. »Der Robert Nissel von »Geschäft mit der Liebe« hat mich angeschrieben und gefragt, ob ich das darf. Als ich ihm erklärt habe, dass ich damit kein Geld verdiene, war es für ihn okay.« Von den Fußballern habe sich bisher leider keiner gemeldet. »Könnt ihr mir einen Kontakt zu Arnautovic herstellen?«, fragt Razelli. Der Bremen-Legionär hat es ihm besonders angetan: »Er redet so schön prollig, ist aber immer authentisch.«

Zwischen Anonymität und Fame
Leben kann Razelli von seiner Musik nicht. Zwar gibt es Anfragen zur Zusammenarbeit von Musikern wie Skero und der »Ausländer Song« soll auf dem nächsten »Soundselection«-Sampler des Radiosenders FM4 vertreten sein, eine kommerzielle Nutzung ist jedoch schwierig. »Natürlich würde ich gerne eine CD rausbringen, aber dafür müsste ich mir die Rechte sichern und das ist kompliziert«, sagt Razelli. »Merchandise wäre auch eine Möglichkeit, aber das kollidiert mit der Anonymität.« Vom süßen Leben eines Popstars ist Kurt Razelli also noch ein Stück entfernt, doch er nimmt es locker: »Die Fans und der Fame sind mein Gewinn.«

Referenzen:

Heft: 82
Rubrik: Spielfeld
Thema: Musik
ballesterer # 121

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