»Ultrà hat keine klare politische Richtung«

cache/images/article_1214_ultra_140.jpg Der deutsche Politikwissenschafter Jonas Gabler hat ein Buch über Ultrà-Kulturen und Rechtsextremismus in Deutschland und Italien geschrieben. Mit dem ballesterer sprach er über Unterschiede zwischen den beiden Ländern und aktuelle Entwicklungen.
Nicole Selmer | 06.05.2009
ballesterer: Herr Gabler, wie wird eine Kurve rechts?

Jonas Gabler: Meist ist es so, dass eine Fangruppe die Kurve dominiert und dort die soziale Kontrolle ausübt. Manchmal gibt es auch ein Gegengewicht das ist etwa in Bologna so, wo sich linke und rechte Ultras (zum Thema: Ultrà-Schwerpunkt in ballesterer-Ausgabe #14) die Waage halten. Bei Lazio dagegen haben sich die rechtsextremen »Irriducibili« in der Curva Nord durchgesetzt und moderatere Gruppen verdrängt. Das ist dann ein Teufelskreis, weil diejenigen, die etwas dagegensetzen können, eher wegbleiben. In Deutschland wird die Situation im italienischen Fußball gern als Schreckensvisionan die Wand gemalt.

 

Ist die deutsche Fankultur auf dem Weg zu italienischen Verhältnissen?

Nein. Wenn man von italienischen Verhältnissenin Deutschland spricht in Bezug auf Gewalt oder Rassismus im Stadion, ist das Angstmacherei. Hinter der verstärkten Hinwendung zum Rechtsextremismus in der italienischen Ultrà-Kultur, die als eher linksextreme Bewegung angefangen hat, steckt eine Entwicklung von 20, 25 Jahren. Wir haben es dort mit einer Subkultur zu tun, die in sich gefestigter und abgeschlossener ist als in Deutschland. In Italien haben sich mittlerweile rechte Hegemonien wie es die Sozialwissenschaft nennt entwickelt, und damit ist ein Punkt erreicht, an dem es ganz schwer ist, dagegen vorzugehen. Natürlich sind in solchen Gruppen nicht nur überzeugte Rechtsextreme, für die es um Politik geht. Für manche ist das eben Teil ihrer Fanidentität. Sie identifizieren sich mit bestimmten Idealen wie Stärke, Männlichkeit und Ehre.

 

Bedient die Ultrà-Kultur mit ihren festen Hierarchien und ihrem Gruppengefühl nicht gerade solche Ideale einer rechten Lebenswelt?

Ja, so gesehen gibt es Berührungspunkte zwischen Ultrà und Rechtsextremismus. Allerdings: Man kann starkes Gruppengefühl sagen, man kann es aber auch Solidarität nennen. Für mich bezeichnet Ultrà in erster Linie die Ausdrucksformen und die Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs. Die Ultras selbst interpretieren ihre Kultur ganz unterschiedlich und setzen sich in Beziehung zu gegensätzlichen politischen Überzeugungen. Ultrà gibt keine klare politischeRichtung vor, sondern es hängt maßgeblich davon ab, wie eine konkrete Gruppe sich definiert. Es gibt Anschlusspunkte für rechts wie links.

 

Wobei für deutsche Ultras doch eher das Motto »Kein Politik im Stadion« angesagt ist

Da hat in den letzten zwei, drei Jahren langsam ein Wandel eingesetzt. Viele Ultrà- Gruppen haben eingesehen, dass ein »No politics«-Dogma nicht mit ihrer eigenen Haltung, der Kritik an Kommerzialisierung und Repression, zusammenpasst, die in sich schon politisch ist. Außerdem gibt es in Deutschland zunehmend Ultras, die antirassistische Positionen beziehen bzw. sogar explizit links sind. Selbst Gruppen wie die »Harlekins« bei Hertha BSC, die sicher nicht politisch links sind, engagieren sich inzwischen gesellschaftlich und sammeln Geld für Krebsstiftungen.

 

Wären linke Ultras nicht auch links, wenn sie nicht Ultrà wären, sondern Pfadfinder oder Schmetterlingssammler?

Aber Schmetterlingssammler haben nicht diese Außenwirkung. Keine andere Jugendkultur ist medial so präsent wie Ultras. Es ist bedeutsam, was da passiert, gerade auch politisch, weil es sich eben öffentlich abspielt. Das ist auch einKampf um Einfluss, in den Kurven, aber ebenso in der Gesellschaft. Deswegen ist es wichtig, die antirassistische Fankultur, die sich etabliert hat, zu unterstützen. Ich halte viele Elemente der Ultrà-Kultur wie die kreativen Ausdrucksformen oder die Kritik an der Kommerzialisierung für positiv. Das ist sicher nicht die schlechteste Freizeitbeschäftigung für Jugendliche.

 

Welche Rolle spielen die Vereine im Kampf gegen Rechtsextremismus im Stadion?

In Deutschland hat sich etwas geändert, weil Fußball in den 1990er Jahren für breitere Teile der Gesellschaft interessant geworden ist. Das heutige Engagement ist ganz klar eine Folge der Kommerzialisierung. Das sehe ich an meinem Lieblingsverein Hertha BSC. Als man in den 90er Jahren mit dem Aufstieg in die erste Liga neue Zuschauergruppen erschließen wollte, wurde das Image wichtig und damit auch Aktionen gegen Rassismus gestartet. Heute sind die rechten Alt-Hools auch noch da, aber die gehen in der Masse viel stärker unter.

 

Haben die Klubs in Italien denn keine Angst vor einem schlechten öffentlichen Bild durch rassistische Fans?

Nehmen wir das Beispiel AC Milan. Da ist es wichtiger, dass sie Beckham holen, um das Merchandising anzukurbeln. Dabei sieht man bei Milan, wo es früher starke linke Ultrà-Gruppierungen gab, auch hakenkreuzähnliche Fahnen im Publikum. Das spielt aber offensichtlich eine untergeordnete Rolle für das Image der Vereine.

 

Damit fällt auch das Argument für Fans weg, rassistische Äußerungen zu unterlassen, weil das dem Verein schadet.

Ja, das funktioniert gar nicht, obwohl in den italienischen Statuten sogar vorgesehen ist, dass die Fans Strafen gegen ihre Vereine reduzieren können, wenn sie sich im Stadion gegen rassistische Gesänge aus der eigenen Fanszene artikulieren. So etwas klappt aber wohl nur in einer Gesellschaft, die für das Thema sensibilisiert ist. In Italien gibt es diese Sensibilität nicht in ausreichendem Maße, insofern ist es nur konsequent, dass es sich im Stadion genauso verhält. Es ist kaum zu erwarten, dass der Fußball da die Rolle einer politischen Avantgarde übernimmt.

 

Jonas Gabler:

»Ultràkulturen und Rechtsextremismus.

Fußballfans in Deutschland und Italien«

(PapyRossa 2009)

Referenzen:

Heft: 42
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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