Umkämpft und unentschieden

Der Fußball schmückt den deutschen Wahlkampf - als Symbol für Zusammenhalt, Toleranz und Erfolg. Mit konkreten Forderungen tun sich die großen Parteien schwer, Fans werden als Wähler nur selten ernstgenommen.
Nicole Selmer | 16.09.2013

In der Broschüre »Kanzlerin für Deutschland« schreibt Angela Merkel über wichtige Themen: Arbeit, Sicherheit, Streuselkuchen - und Fußball. Großartig seien die Triple der Wolfsburger Frauen und der Münchener Männer gewesen: »Viele Menschen erleben gerade im Sport, was wir gemeinsam erreichen können.« Ähnlich vage bleibt die Rolle des Sports in den Wahlprogrammen von CDU/CSU und SPD: Zusammenhalt, Inklusion und Toleranz heißen die
Schlagworte. Konkreter wird es bei den kleinen Parteien. In seltener Einheit setzen Linkspartei, FDP und Grüne auf Prävention, Dialog und die Förderung der Fanprojektarbeit. Die Piratenpartei widmet Fanrechten in ihrem Wahlprogramm sogar einen eigenen Abschnitt, der Stadionverbote, Pyrotechnik und die Datei Gewalttäter Sport abhandelt. Mit Plakaten und dem Flyer »Menschenrechte enden nicht am Stadiontor« will sie Fans als Wähler gewinnen.

Wahlwerbung jetzt und einst

Das versuchte auch die Jugendorganisation der SPD in Nordrhein-Westfalen: Sie verteilte Postkarten, die einen Handschlag zwischen Merkel und Uli Hoeneß mit dem Spruch »Glückwunsch Uli! Wir Steuern das schon« zeigten. Schlecht gewählt war der Zeitpunkt der Aktion vor dem Dortmunder Stadion. Kurz zuvor hatte es sowohl in Dortmund als auch beim Rivalen Schalke 04 umstrittene Polizeieinsätze gegeben. Verantwortlich dafür war in den Augen der Fans Ralf Jäger, der sozialdemokratische Innenminister des Landes. Während Fans die Instrumentalisierung ihrer Anliegen für den Wahlkampf kritisierten, verbat sich BVB-Geschäftsführer und CDU-Mitglied Hans-Joachim Watzke Parteiwerbung auf dem Stadiongelände.

Fans und Funktionäre mögen sich von Politik abgrenzen, in der politischen Debatte ist der Fußball dennoch omnipräsent. Deutlich wurde das beim Fernsehduell zwischen Merkel und SPD-Herausforderer Peer Steinbrück, Aufsichtsratsmitglied von Borussia Dortmund. Nicht nur, dass kaum eine Auswertung ohne Fußballsprache auskam und es um Unentschieden, Eigentore und Spielanteile im TV-Duell ging, in der Analyserunde in der ARD saß als Experte zudem der ehemalige Profi Paul Breitner. Er berichtete, wie der Fußballwahlkampf vor 40 Jahren ablief. 1972 habe die FDP ihm 100.000 Mark geboten, um für sie zu werben. Breitner lehnte ab.

Referenzen:

Heft: 85
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png