Unberechenbarer Standard

cache/images/article_1352_standard_140.jpg Bei der Auslosung war Salzburgs Europa-League-Gegner für manche österreichische Medien nicht weniger als ein »Traumlos«. Der ballesterer nimmt Standard Lüttich unter die Lupe und liefert sechs Argumente, warum diese Einschätzung dem belgischen Meister nicht gerecht wird.

Der Zauberlehrling

95. Minute im letzten Gruppenspiel der Champions League zwischen Standard Lüttich und AZ Alkmaar. Der belgische Meister liegt gegen den niederländischen 0:1 zurück und würde damit auch noch die Qualifikation für die Europa League verpassen. Ein letzter Freistoß, Tormann Sinan Bolat läuft in den gegnerischen Strafraum. Ein langer Ball, Bolat steigt hoch, wird mit beiden Händen am Trikot gerissen, aber versenkt den Ball per Kopf im Kreuzeck.

Es war das erste Tormanntor aus dem Spiel in der Champions League und Bolats erster Treffer in seiner Profikarriere. Aber es war nicht das erste Mal, dass er Standard in letzter Minute die Saison rettete. Vergangenen Mai hielt er am finalen Spieltag in der Nachspielzeit einen Elfmeter und brachte seinen Verein damit in die Entscheidungsspiele gegen das punktegleiche Anderlecht. Die Siegermentalität, die Standard schließlich den Titel sicherte, verkörpert der belgisch-türkische Doppelstaatsbürger wie kein anderer. Dabei hatte sich der inzwischen zur Nummer zwei des türkischen Nationalteams avancierte Youngster seinen Stammplatz erst in der Schlussphase der abgelaufenen Saison gesichert.



Der Motor

Wie Bolat 1988 geboren ist der zentrale Mittelfeldspieler Steven Defour. Mit 18 erhielt er die Kapitänsschleife und den Goldenen Schuh als bester Spieler in Belgien. Defour führte seinen Verein nach einer Durststrecke von 25 Jahren zu zwei Meistertiteln in Folge. Mit phänomenalem Stellungsspiel und enormer Kampfkraft hält er seinen Vorderleuten den Rücken frei, zugleich schlüpft er immer wieder in die Spielmacherrolle. Der 1,73 Meter kleine Flame übernimmt auch abseits des Spielfelds Verantwortung. Kürzlich wies der 21-Jährige darauf hin, dass er immer noch gegen die Ligareform sei, und beklagte sich über das mangelnde Rückgrat seiner Kollegen: »Ich habe eine Petition der Kapitäne initiiert. Zuerst haben alle zugesagt, am Ende hat kein einziger unterschrieben.« Inzwischen ist die Reform mit Fußball zur Weihnachtszeit und einem Play-off-System umgesetzt.

Defour ist der Anführer einer Generation von sehr jungen Spielern, die an große Ziele glaubt. Wie in den beiden Meisterjahren hat Standard auch heuer mit einem Schnitt von knapp 23 Jahren den jüngsten Kader der Liga. Erstaunlich viele Nachwuchsspieler wurden in den letzten Jahren erfolgreich in die Kampfmannschat eingebaut. Allein in der vergangenen Herbstsaison setzten die Abgänge und Ausfälle Standard doch arg zu. Mit Defours verletzungsbedingter Abwesenheit seit September ging die Dominanz im Mittelfeld verloren, die Abwehr wurde immer unsicherer. Vor Weihnachten flog der Titelverteidiger aus den ersten sechs, die sich für das Meister-Play-off qualifizieren.



Der Prügelknabe

Auch die Acht-Spiele-Sperre für den ebenfalls 21-jährigen Axel Witsel belastete die Mannschaft stark. Anfang September hatte Witsel im Schlager gegen Anderlecht dem Polen Marcin Wasilewski einen mehrfachen offenen Schien- und Wadenbeinbruch zugefügt. Seit seinem Wiedereinstieg in die Meisterschaft ist der Mittelfeldspieler ein Schatten seiner selbst und weit entfernt von jenen Leistungen, die ihm 2007 den Goldenen Schuh eingebracht hatten.

Die ehemals größte Hoffnung des belgischen Fußballs hat offenbar noch den wochenlangen Medienrummel und die Morddrohungen vom September zu verarbeiten. Im Jänner setzte die Zeitung Het Laatste Nieuws noch einen drauf und nominierte ihn für ihre Wahl zur widerlichsten Person des Jahres 2009. Standard, seit Jahren immer wieder mit einzelnen Medien auf Kriegsfuß, reagierte mit einem Boykott der Verleihung des Goldenen Schuhs, den Het Laatste Nieuws sponsert. Prompt ging die Auszeichnung zum dritten Mal in vier Jahren nach Lüttich. Überreicht wurde sie Premierminister Yves Leterme, einem bekennenden Standard-Fan. Der Spieler des Jahres, Milan Jovanovic, saß zu Hause.



Der Händler

Angekündigt werden Strafaktionen für Medien zumeist von Luciano dOnofrio, dem Vizepräsidenten und starken Mann des Vereins. Der Italiener dominiert den Klub seit 1998, obwohl er bis 2004 offiziell nur Spielervermittler war. In seiner Zeit vor Standard managte dOnofrio unter anderen Zinédine Zidane. Im Grunde ist der Vize auch heute noch Vermittler, denn er richtet die Klubpolitik ganz auf die Entwicklung neuer Spieler und profitable Transfers aus. Allein der Wechsel von Marouane Fellaini zu Everton spülte im Sommer 2008 20 Millionen Euro in die Vereinskassa. Standard warf die Engländer wenige Tage später aus dem Europacup.

Transparent sind dOnofrios Geschäfte nicht immer. Dubiose Transaktionen in Frankreich brachten ihm dort Verurteilungen und ein Betätigungsverbot ein. Nach dem Rücktritt von Standard-Trainer Lazlo Bölöni am 10. Februar hievte dOnofrio seinen Bruder Dominique dOnofrio auf die Betreuerbank, der die Mannschaft bereits von 2002 bis 2006 betreut hatte.



Der Papa

Über einen Transfer von Milan Jovanovic wurde in den letzten Wochen viel spekuliert, ehe er am Tag von Bölönis Rücktritt seinen Abgang zu Liverpool mit Ende der Saison bekannt gab. Der 29-jährige Serbe, dessen Marktwert laut transfermarkt.de bei 8,5 Millionen Euro liegt, verhinderte mit zehn Meisterschaftstoren im Herbst Standards totalen Absturz. Symptomatisch der Treffer, mit dem er Standard in der Champions League gegen Arsenal mit 2:0 in Führung schoss. Er erkämpfte sich in der eigenen Hälfte den Ball, legte ein blitzschnelles Solo hin, der überraschende finale Haken führte zum Elferfoul. Den Strafstoß verwandelte Jovanovic selbst. Am Ende überwand Arsenal die überforderte Lütticher Abwehr dreimal und gewann noch 3:2.

In der Witsel-Affäre blickte Jovanovic in der allgemeinen Hektik über den Tellerrand. »Man kann nach so etwas nicht über Fußball sprechen. Der Punkt interessiert mich nicht mehr. Für mich ist ein Bein, ein Spieler oder eine Karriere wichtiger als ein Punkt oder eine Meisterschaft«, sagte Jovanovic nach Wasilewskis Horrorfraktur. Mitte Jänner trafen Standard und Anderlecht zum ersten Mal seit dem Gewaltexzess vom Sommer aufeinander. Wieder sah Witsel eine Rote Karte für ein gefährliches Tackling. Eine Halbzeit lang zu zehnt und ohne die verletzten Jovanovic und Defour ging Standard zu Hause 0:4 unter. Ein verschossener Elfer und zwei Eigentore besiegelten den schwarzen Sonntag.



Der zwölfte Mann

Viele Standard-Fans arbeiten in den Lütticher Stahlwerken in der Nähe des Stade Maurice Dufrasne. Zu den Spielen reisen immer auch einige tausend aus Flandern in das wallonische Lüttich. Das geht nicht zuletzt auf die Zeiten zurück, als die Stahlstadt florierte und viele Arbeitskräfte aus dem früher armen Landesteil anzog. Nicht erst seit den sportlichen Erfolgen der letzten Jahre ist das 30.000er-Stadion gut gefüllt, selbst in den düsteren 1990er Jahren kamen die Fans in Scharen. Red Bull Salzburg erwartet also ein Hexenkessel voller ekstatischer Fans, die zumindest bis zur 95. Minute an Standards Chance glauben.

Referenzen:

Heft: 49
Rubrik: Spielfeld
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png