Ungewisse Zukunft

PARIS   Der Tod eines Fans Ende November hat die Anhänger von Paris Saint-Germain schwer getroffen. Die kommenden Monate könnten weitere Rückschläge für sie bereithalten - Ein Lokalaugenschein.
Mario Sonnberger | 09.05.2008
Die ganze Welt sieht zu«, titelt die Sportzeitung »LÉquipe«, doch die halb leere U-Bahn widerspricht den Schlagzeilen. In den dreißig Minuten Fahrzeit von der Innenstadt zur Porte de Saint-Cloud am Prinzenpark lassen sich rot-blaue Schals heute an einer Hand abzählen. In den letzten Stationen empfangen Einsatzkräfte die einfahrenden Züge. Medien, Fans und Polizeipräsenz schaffen eine Atmosphäre zwischen bangen Erwartungen und demonstrativer Gleichgültigkeit. Und tatsächlich lässt sich das Ausmaß des Konflikts vorerst nur erahnen, dessen Eskalation vor kurzem ein diffuses Ränkespiel um Macht, Sicherheit und Gerechtigkeit entfacht hat.

 

Eskalation im November

 

Es ist der Abend des entscheidenden Gruppenspiels im UEFA-Cup. Paris Saint-Germain kämpft um den Aufstieg, doch die öffentliche Aufmerksamkeit gilt dem Geschehen auf den Rängen. Die Partie gegen Panathinaikos Athen ist das erste Heimspiel seit drei Wochen. Das erste Mal überhaupt bleiben Teile des Prinzenparkstadions den Anhängern verschlossen. Am 23. November kam es nach einer bitteren 2:4-Niederlage gegen Hapoel Tel Aviv außerhalb des Stadions zum Zusammenstoß eines mitgereisten Israeli mit einer Gruppe von Heimfans, die  ihn mit antisemitischen Schmähungen und Handgreiflichkeiten bedachten. Nach dem Eingreifen eines Zivilpolizisten wuchs der gewaltbereite Mob rasch auf eine Hundertschaft an. Der in die Enge getriebene, getretene und zu Boden gestoßene Beamte feuerte schließlich in Panik einen Warnschuss ab, der einen PSG-Supporter tötete und einen weiteren verletzte.
Seither herrscht in Paris der Ausnahmezustand. Die Stadt droht dem Verein mit dem Einfrieren von Subventionen; aufgebrachte Anrainer des Prinzenparks fordern gar die Auflösung des Klubs. Die Eskalation der Ereignisse wird in der Öffentlichkeit vor allem den Boulogne Boys zugeschrieben, jenem Fanklub, dem der Getötete angehörte und der gemeinhin für seine Nähe zum rechten Lager bekannt ist. Auch ihr Gegenüber, die »Supras« auf der Tribune dAuteuil, geraten ins Schussfeld der Kritik. Innenminister Nicolas Sarkozy fordert die Fanclubs auf, sich von Gewalt und Rassismus loszusagen und kooperativ zu zeigen. Andernfalls würden sie kurzerhand aufgelöst. Die Kooperation besteht dabei vor allem in der Übermittlung von Personendaten an den unter Druck geratenen Verein, der in einer ersten Reaktion über 200 Stadionverbote ausspricht auch über die Tribune Boulogne hinaus. Bis auf Widerruf wird der gesamte erste Rang gesperrt, in dem sich neben den organisierten Fans auch fanklublose Unabhängige aufhalten. Gegen den Polizisten wird indes ein Verfahren wegen »tödlicher Gewalt mit Waffen« im Zuge »legitimer Selbstverteidigung« eingeleitet.

 

Zurück zur Normalität

 

Von der angespannten Stimmung ist vor dem Match gegen Panathinaikos noch nicht viel zu spüren. Das Polizeiaufgebot erreicht mit 2.000 Einsatzkräften und 700 Ordnern allerdings eine Dimension, wie sie der Parc des Princes sonst nur bei Gastspielen des Erzrivalen aus Marseille erlebt. Gut hundert Meter vor dem Stadion hat die Exekutive eine Schleuse errichtet. Als wir uns mit den Reisepässen ausweisen, wird ein kurzer Blick auf unsere Eintrittskarten geworfen, ehe man uns durchlässt. Wenige Minuten vor Spielbeginn nehmen wir unsere Plätze auf der Tribune du Paris ein.
Der erste Eindruck in der Metro hat nicht getäuscht das Prinzenparkstadion ist an diesem Abend vielleicht zur Hälfte gefüllt. Die Tribune Boulogne präsentiert sich ausgedünnt, viele Fans bleiben dem Spiel aus Protest fern. Auch die Supras Auteuil lassen demonstrativ einen Sektor frei. Lediglich der von allen Seiten durch Netze und Zäune begrenzte Sektor der griechischen Schlachtenbummler ist zum Bersten voll. Von der ersten Minute an zieht das grüne Kurvenkollektiv ins ungleiche Duell mit den schweigenden PSG-Fans. Es wird gehüpft und gesungen, was das Zeug hält. Nur vereinzelt verlieren sich französische Gesänge im Oval.
Grabesstille herrscht im Süden des Stadions, wo die Boulogne Boys quer über die gesperrten Sektoren ein schwarzes Transparent mit der schlichten Aufschrift »Julien« gehängt haben. Dem Getöteten wird auch auf der Tribune dAuteuil und selbst im griechischen Sektor Tribut gezollt. Gesungen wird erst, als Kapitän Pauleta PSG entgegen dem Spielverlauf mit 1:0 in Führung bringt. Doch selbst das Tor des Portugiesen vermag den Stimmungsboykott nicht nachhaltig zu beenden. Auf der Tribüne wird ein weiteres Transparent entrollt: »Schließung der Fantribünen Cherki, du sprichst von Diskriminierung?« Gemeint ist Pascal Cherki, in der Stadtregierung für sportliche Belange zuständig und Vertreter eines harten Kurses gegenüber den Anhängern, die sich nunmehr pauschal in einen Topf geworfen sehen auch außerhalb von Paris.

 

Deckmantel Antirassismus

 

Gregory, Begründer der Horda Frenetik in Metz und Vorsitzender des Antirassismusnetzwerks RSRA, verurteilt die Vereinnahmung antirassistischer Themen für Maßnahmen gegen organisierte Fans. Dem ballestererfm gegenüber erklärt er, dass die  mangelnde Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Gruppen nur neue Probleme schaffen würde: »Das Rassismusproblem auf der Boulogne ist evident. Aber die Vorkommnisse werden nun benutzt, um sämtliche Ultras still zu halten auch deklariert antirassistische wie die Supras Auteuil.« Tatsächlich vernimmt man den Vorschlag, die ungeliebten Fanklubs einfach aufzulösen, aus der Pariser Präfektur nicht zum ersten Mal.
Auf dem Spielfeld gelingt die Rehabilitation des Vereins. Nach der Pause schickt PSG die inferioren Griechen mit drei Toren innerhalb von acht Minuten ohne Punkte nach Hause. »LÉquipe« wird das Spiel am nächsten Tag ein »Aufatmen« nennen, »Le Parisien« eine »Erleichterung«, und tatsächlich lässt der erste Sieg der Hauptstädter seit eineinhalb Monaten die Stimmung spürbar ansteigen.
Neben Pauleta drückt vor allem Bonaventure Kalou dem Spiel mit zwei Toren seinen Stempel auf. Auch abseits des Platzes ist der Nationalspieler der Elfenbeinküste eine Schlüsselfigur, hat er doch vor kurzem als einziger Spieler das Schweigegelübde des Klubs gebrochen und sich offen an die Medien gewandt. »Ich bin erstaunt, dass man erst nach dem Tod eines Menschen erkennt, dass es in Paris rassistische und antisemitische Anhänger gibt«, so der Afrikaner im Vorfeld der Partie. Nach dem Spiel gibt er sich kämpferisch: »Wenn ich dafür, was ich gesagt habe, ausgepfiffen werde, umso besser. Das zeigt, dass meine Nachricht angekommen ist. Ich bin zufrieden, dass ich geredet habe, denn ich glaube, dass viele Fans meine Worte verstanden haben.«
Diese sehen die Situation nicht sehr rosig. Härtere Gesetze, so die Überzeugung, würden auch Fangruppen treffen, die bisher durch bewussten Gewaltverzicht eine regulierende Wirkung in den Stadien ausüben konnten. Das kommt vielerorts den Unabhängigen zugute, die nun selbst zum Sicherheitsrisiko für die überforderte Polizei werden. Vor allem das populistische Vorgehen Sarkozys, der sich am 22. April zum Präsidenten wählen lassen will, beunruhigt die Supporterszene. In den nächsten Monaten sollen daher Demonstrationen und Kundgebungen folgen, um auf sich aufmerksam zu machen und eine lückenlose Aufklärung der Vorfälle vom 23. November zu fordern.

Referenzen:

Heft: 26
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png