Unmögliche Normalität

Hannes S. ist tot. Der Fußballfan fiel der Rivalität zwischen dem 1. FC Magdeburg und dem Halleschen FC zum Opfer. In der Trauerarbeit zeigen die Fanszenen beider Klubs Besonnenheit.

Nicole Selmer | 12.12.2016

„Du fährst zum Stadion, triffst deine Leute, holst dir dein Getränk, deine Bratwurst, es ist alles wie immer – und doch auch nicht“, sagt Alexander Schnarr. Er ist Fan des deutschen Drittligisten 1. FC Magdeburg, steht seit Jahren auf der Nordtribüne und bloggt über seinen Klub. Die Veränderung, von der er spricht, ist der Tod von Hannes S. Am 2. Oktober hatte sich der FCM-Fan Kopfverletzungen zugezogen, als er aus einem fahrenden Zug gestürzt war. Zehn Tage später starb er. Die Umstände seines Todes sind nicht restlos geklärt. Bekannt ist, dass Hannes mit drei Freunden unterwegs war. Sie waren als Magdeburg-Fans erkennbar und gerieten im Zug mit einer größeren Gruppe von Anhängern des Lokalrivalen Hallescher FC aneinander. Hannes, so viel scheint sicher, wäre ohne diese Rivalität nicht gestorben. Die Polizei ermittelt wegen Totschlags.

 

Der Rivalität trotzen

Wie bei vielen ostdeutschen Klubs ist auch beim 1. FC Magdeburg – Sieger im Cup der Cupsieger 1974 − die Vergangenheit größer als die Gegenwart. „In der aktiven Fanszene von heute“, sagt Schnarr, „spricht man scherzhaft auch von der ‚Generation Amateurfußball‘, die letzten 25 Jahre ist schließlich dort gespielt worden.“ Die Rivalität mit dem Halleschen FC hat nach der Wende an Fahrt aufgenommen – die Vereine streiten um die Vorherrschaft im seit 1990 existierenden Bundesland Sachsen-Anhalt. Rivalen aus DDR-Zeiten wie Dynamo Dresden, Hansa Rostock, Lok Leipzig und der FC Carl Zeiss Jena verabschiedeten sich nach und nach in höhere oder niedrigere Ligen. Der Hallesche FC und der 1. FC Magdeburg verbrachten viele Jahre gemeinsam im Unterhaus, seit 2012 bzw. 2015 spielen sie wieder Profifußball. Die Ultraszenen hatten Zeit, ihre Feindschaft zu pflegen. Auch mit Gewalt. Erst beim Derby im Jänner wurden Fans beider Klubs verletzt. „Die Auseinandersetzungen haben sich über die Jahre hochgeschaukelt“, sagt Steffen K., Fan und Szenekenner aus Halle. Der Tod von Hannes hat das verändert. „Schockstarre“, „Ohnmacht“, „Erschütterung“ – das sind die Worte, mit denen die Fans die ersten Reaktionen in Halle und Magdeburg beschreiben.

 

Woanders dreht man derweil an großen Rädern: Der Bürgermeister der Stadt Halle fordert auf Facebook eine gewaltfreie Fankultur, in einem Kommentar der lokalen Presse wird über eine Kriegserklärung der Magdeburger Ultras Richtung Halle spekuliert. Die Fanszenen auf beiden Seiten reagieren hingegen mit Bedacht. Noch während Hannes S. im Koma liegt, schreiben die Hallenser Ultras der „Saalefront“ auf ihrer Website: „Trotz aller Rivalität – Kämpfe Hannes“. Nach seinem Tod veröffentlicht „Block U“, der Zusammenschluss der aktiven Fanszene in Magdeburg, ein Statement: „An Fußball und alles, was das Fanleben ausmacht, ist momentan absolut nicht zu denken", heißt es dort. „Trotz aller Rivalität und der aufgewühlten Gefühlslage rufen wir zur Besonnenheit auf, um jegliche Verschärfung der aktuellen Situation zu verhindern!“ Am Stadion in Magdeburg werden Kerzen aufgestellt, am Zaun hinter der Nordtribüne Schals aufgehängt, am Boden Fotos von Hannes aufgelegt. Während der ersten Spiele gibt es Schweigeminuten, Spruchbänder und Beileidsbekundungen – auch in anderen Stadien. Auch in Halle.

 

Derbydeeskalation

Die Situation, in der Hannes S. tödlich verletzt wurde, war nicht ungewöhnlich. Steffen K. sagt: „Es hat früher auch Vorfälle gegeben, die von der Ausgangslage ähnlich gefährlich oder gefährlicher waren und die mit ein paar Blessuren abgegangen sind.“ Die Wege von verfeindeten Fans kreuzen sich nun einmal – zufällig und absichtlich. Wegen der starken Sicherheitsvorkehrungen geschieht das nur noch selten im Stadion. An- und Abfahrtswege sind jedoch weniger leicht kontrollierbar, die Magdeburger kamen von einem Heimspiel gegen Holstein Kiel, Halle hatte auswärts bei Fortuna Köln gespielt.

 

Die Fans aus Halle und Magdeburg sagen beide Sätze, die zunächst widersprüchlich klingen: „Dass so etwas geschieht, ist undenkbar“ und „Das hätte jedem passieren können“. Der Tod von Hannes S. ist ein Einschnitt, ein Ereignis, mit dem eine Grenze überschritten wurde und das sich dennoch in der Normalität abgespielt hat. „Es gibt keinen richtigen Umgang mit so etwas“, sagt Schnarr. „Man muss einen eigenen Weg finden.“ Die Fanszenen der beiden Klubs tun das in den Wochen, die folgen.

 

Anfang November erklärt die „Saalefront“, auf den Besuch des Derbys Ende November in Magdeburg zu verzichten. Zahlreiche weitere Gruppen schließen sich an. „Noch nie hat es so viele Gespräche innerhalb der gesamten Fanszene gegeben“, sagt Steffen K. „Alles ist abgestimmt worden. Und das hat in der einen oder anderen Gruppe vielleicht ein Umdenken in Gang gesetzt.“ Auch zwischen den rivalisierenden Szenen wird offenbar kommuniziert. Die Magdeburger Ultras wollen dem Rückspiel im April offenbar ebenfalls fernbleiben. Das geht aus einem Statement der Hooligans des 1. FC Magdeburg hervor. Anders als die Ultras werde man auf das Derby in Halle nicht verzichten, heißt es dort. An ein weichgespültes Abkommen mit dem Erzfeind fühle man sich nicht gebunden.

 

Schwierige Bewältigung

Das erste Spiel nach Hannes’ Tod, das erste Auswärtsspiel, die Beerdigung – die Trauerarbeit in der Fanszene verläuft in mehreren Schritten. Das Heimderby gegen den Halleschen FC am 26. November ist ein weiterer. Kurz vor Anpfiff tritt Christoph S. ans Stadionmikrofon, Hannes’ Bruder. Er spricht über den Schock, die Trauer, die Presse, die die Familie in den vergangenen Wochen bedrängt hat, und die Unterstützung durch die Freunde aus der Kurve. Und er fordert ein Umdenken von den Fans. „Dieser unglaublich tragische Vorfall gibt uns die Möglichkeit zu zeigen, dass wir es sind, dass wir es sein können, die den Wandel einleiten“, sagt er. „Niemand soll vergessen. Niemand soll verzeihen. Aber wir können allen Menschen da draußen beweisen, dass wir wirklich die größten der Welt sind.“

 

Magdeburg gewinnt 1:0. Im Bericht der ARD-Sportschau an diesem Abend spielen Hannes und sein Bruder, Gewalt und Trauer keine Rolle. Der Beitrag dreht sich um die zwei Tage vor dem Spiel angedrohte Sperre des Stadions wegen Problemen mit der Statik. Vor der Nordtribüne brennen immer noch Kerzen.

Referenzen:

Heft: 118
Rubrik: Fansektor
Thema: Deutschland
ballesterer # 119

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