Veilchenkrieg

cache/images/article_1268_veilchenkr_140.jpg In der Austria-Familie kracht es gewaltig. Der Verein startete die neue Saison mit einer verschärften Linie gegenüber »Problemfans« und belegte einige von ihnen mit Hausverboten. Die Reaktionen der Kurve zeigen alte Konflikte und neue Bruchlinien in der heterogenen Fanszene auf.
Die Tribünen der Wiener Austria bieten derzeit ein merkwürdiges Bild. Die Transparente der Fanklubs hängen kopfüber von der Osttribüne ein erster stiller Protest gegen die neu verhängten Hausverbote am Verteilerkreis. Nicht nur das Bundesministerium für Inneres hatte die Sommerpause genutzt, um mit der »Welle gegen Gewalt« eine neue Werbekampagne zu starten, auch beim Spitzenreiter in der aktuellen Gewaltstatistik wurde mit der Aktion »Gewalt sieht Rot! Bei Violett.« Imagepolitur betrieben.

 

Beim Heimspiel gegen Kapfenberg appellierte die Vereinsführung in einem Flugblatt an den »innersten Kreis« der Fans, keine »schwarzen Schafe« zu dulden und die Aktion zu unterstützen. Doch dieser Aufruf zum Selbstreinigungsprozess blieb nicht ohne Begleitmaßnahme. Der Klub erstellte eine Liste möglicher Betroffener und erteilte schließlich zwölf Hausverbote. Als Maßnahme des privaten Hausrechts bedürfen diese keiner formalen Begründung und werden ausschließlich vom Verein ausgesprochen.

 

Druckventil schwarze Liste

Wo ein Kommunikationsdefizit herrscht, stehen Spekulationen über die Motive für den harten Strategiewechsel der Austria hoch im Kurs. In einer ersten Stellungnahme vermutete das Fanportal osttribuene.com eine Profilierungskampagne der Innenministerin. Hausverbote gegen die medial leicht verwertbaren Bauernopfer »Fußballgewalttäter« sollten das Image der angeschlagenen Ministerin aufbessern. Der Verein stehe unter dem Druck der Polizei, endlich etwas zu unternehmen.

 

Austria Vorstand Markus Kraetschmer bestreitet das: »Ich habe von Sponsoren und Partnern immer wieder zu hören bekommen, dass wir die Reibereien mit einem Teil der Fans in den Griff bekommen müssen. Die Liste der Hausverbote ist nicht von der Polizei an uns herangetragen worden, sondern der Verein hat sie intern erstellt.« Allerdings habe es im Vorfeld mehrere Treffen mit Vertretern des Ordnerdiensts Group Four, der Polizei aus dem Bezirk, der WEGA und Szenekundigen Beamten gegeben. Weiters seien Fans durch informelle Gespräche und die Arbeit des Fanbetreuerteams in den Kommunikationsprozess eingebunden gewesen.

 

Eine Aussage, die die Fans so nicht stehen lassen wollen. »Wir haben Verständnis dafür, dass der Verein nach der letzten Saison, wo es zum Beispiel zum Böllerwurf gegen Georg Koch gekommen ist, unter Druck steht«, erklärt ein Vertreter der »Soccerholics« im Gespräch mit dem ballesterer. »Die Kommunikation war aber alles andere als glücklich. Wir haben immer nur gehört, dass irgendwelche schwarze Listen kursieren, aber keine konkreten Anhaltspunkte dafür, wer warum betroffen ist. Da drängt sich der Verdacht der Willkür auf.«

 

Zuckerbrot und Peitsche

Ein Fall ließ die Wellen besonders hochgehen. Ein Austria-Fan soll am Rande einer FPÖ-Kundgebung mit Nazi-Parolen auffällig geworden sein. Der Klub verhängte ein Hausverbot. Dem Fanportal osttribuene.com ist dabei ein Dorn im Auge, dass sich die Kurve um ein unpolitisches Auftreten bemühe und ein Hausverbot ohne Fußballbezug verhängt worden sei. Schließlich habe sich die politische Aktivität nicht im Stadion manifestiert und sei somit eine Privatangelegenheit. Kraetschmer verteidigt die Entscheidung mit einem Verweis auf die violette Geschichte: »Auch wenn das außerhalb des Stadions passiert, solche Menschen wollen wir bei der Austria nicht haben. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Norbert Lopper (legendärer Klubsekretär von 1956 bis 1983, Anm.) seine Familie im KZ verloren hat, versteht man, dass Rechtsradikalismus ein sehr sensibles Thema ist. So ein Gedankengut ist mit der Grundphilosophie der Austria nicht vereinbar, und das Stadion darf für so etwas nicht als Plattform verwendet werden.«

 

Auch im neuen Viola Pub im Bauch der Osttribüne hätten sich rechtsextreme Äußerungen in letzter Zeit gehäuft und die Stimmung vergiftet. Kraetschmer kritisiert, dass solche Vorfälle andere Fans vom Stadionbesuch abhalten würden: »Wir werden weiter hart gegen Unbelehrbare vorgehen und gegebenenfalls auch weitere Hausverbote aussprechen. Das ist der eine Teil unserer Doppelstrategie. Als zweites Element soll die sozialarbeiterische Schiene weitergefahren und verstärkt werden.« Das Fanzentrum soll bei möglichen Problemen wie Arbeitslosigkeit der jugendlichen Fans ansetzen und ihnen die Möglichkeit geben, sich in ihrer Arbeit für die Austria zu verwirklichen. Damit soll der Gewalt der Nährboden entzogen werden und der Selbstreinigungsprozess der Fans ein Selbstläufer werden.

 

Fehlende Einheit

Derzeit erweckt es aber den Eindruck, als habe die harte Linie ihr Ziel deutlich verfehlt. Die erste Pressemitteilung von osttribuene.com war noch von den wichtigsten Gruppen gezeichnet worden. Seither konkurrieren die Fanklubs um die Formen möglicher Proteste. Im Europacup-Rückspiel gegen Novi Sad kam es zur ersten Zerreißprobe, als Fans im unteren Rang der Osttribüne das unsignierte Transparent »Scheiß auf familienfreundlichen Fußball! Pro Gewalt und Pyro in Stadien« zeigten.

 

Eine nicht koordinierte Botschaft einer wieder erstarkenden Gruppe, die keine Gruppe sein will: »Unsterblich«. Da sich »Unsterblich« als loser Zusammenschluss versteht, wird die Provokation als Initiative einzelner Mitglieder abgetan und keine Verantwortung dafür übernommen. Eine Darstellung, die auch bei anderen Fans für Verwunderung sorgt. Ein Vertreter der »Soccerholics« kritisiert: »Die Selbstregulierung hat in Ansätzen schon funktioniert, aber zur Zeit geht gar nichts. Auch die Fanvertretung zerbröckelt zunehmend. Manche Gruppen verstehen nicht, warum immer nur dann Solidarität eingefordert wird, wenn es Strafen zu bezahlen gibt. Sonst schaut jeder nur auf sich.«

 

Neue Verhältnisse 

Während die Fans in der Magna-Zeit in ihrem Protest gegen Frank Stronachs Klubführung weitgehend an einem Strang zogen, fehlt ein solches einendes Element im Moment. Trotz der öffentlichen Beteuerung, die Kurve durch die Hausverbote nicht spalten zu lassen, entladen sich in der Eskalation alte Konfliktlinien und Probleme. Neben dem Erstarken von rechtsradikalen und gewalttätigen Fans sind es vor allem die neuen­ Verhältnisse auf der Osttribüne, die ihren Teil zur Neuordnung der Hierarchie im Fanblock beitragen. Die Verwendung einer Mikroanlage durch die »Fanatics« bedeutet einen tiefen Einschnitt in die Supportkultur. Mit dem Verstärker ausgestattet, dominieren sie die Gesangsgestaltung.

 

Die Hausverbote haben bei den Austria-Fans einen empfindlichen Nerv getroffen. Die vielfältige Fankultur könnte zur Quelle der Zersplitterung werden. Die Breite der involvierten Akteure lässt keine einfachen Zukunftsszenarien erwarten. Zunächst gilt es, die Reaktion der Fanklubs auf die Unruhe durch die Hausverbote abzuwarten. Denkbar sind viele Konstellationen im Verhältnis der Fanklubs untereinander und zum Verein, ebenso wie die Formen der Auseinandersetzung ob in stärkerer Dialogbereitschaft oder Konfrontation. Der Rosenkrieg im Haus der Veilchen könnte jedenfalls noch genügend Stoff für ein kompliziertes Beziehungsdrama abgeben.

Referenzen:

Heft: 45
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 120

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