Vergessene Eintracht

cache/images/article_2058_img_0948_140.jpg Mit dem fast sicheren Aufsteiger Eintracht Braunschweig steht der deutschen Bundesliga viel Tradition ins Haus: Neben Kutten, Hools und der ­Erfindung der Trikotwerbung hat der norddeutsche Verein auch einen langjährigen Fankonflikt im Gepäck.
Nicole Selmer | 11.04.2013

In der Braunschweiger Bahnhofshalle läuft ein digitales Laufband und verkündet: »Willkommen in der Löwenstadt«. Die Straßenbahnwagen sind blau-gelb, ebenso die Bierdosen. Die Löwen sind das Erbe des Welfen-Herrschers Heinrich, der Braunschweig im Mittelalter zu einer großen Stadt machte. Blau-Gelb sind die Farben von Eintracht Braunschweig, das derzeit nach fast 30 Jahren zum Sprung zurück in Deutschlands Liga eins ansetzt. Löwen und Eintracht gehören zu Braunschweig, und gerne weisen die Braunschweiger auf die enge Verbindung von Stadt und Verein hin. »Braunschweig ist wie ein größeres Dorf. Wenn die Spieler am Morgen nach dem Spiel zum Bäcker gehen, ist die Stimmung dort je nach Spielausgang gut oder schlecht«, sagt Eintracht-Fan Robin Koppelmann.

Stadt in Eintracht
»Brauchen Sie noch ein Ticket? Wir haben eines über.« Die Gruppe von Fans vor dem Bahnhof ergänzt das Angebot noch mit Hinweisen zur richtigen Matchvorbereitung. Vor dem Spiel am Sonntagmittag gegen den TSV 1860 München müsse man unbedingt noch im Innenstadtlokal Lindi einkehren. »Da gibt's Braunschweiger Bier und Schlagermusik.« Mit einem Vorsprung von zwölf Punkten auf den dritten Platz ist der Aufstieg der Eintracht recht wahrscheinlich. Die Fans sehen dem mit einer Mischung aus Demut und Ehrgeiz entgegen: »Sechs Punkte gegen Hannover, alles andere ist egal.« Hannover sorgt in Braunschweig für heftige Emotionen. Die Rivalität ist alt und auch weit abseits des Stadions lebendig. Im 17. Jahrhundert lief Hannover Braunschweig politisch und wirtschaftlich den Rang ab und gab ihn nicht wieder her. Hannover wurde 1946 Landeshauptstadt von Niedersachsen, Braunschweig verkümmerte im Zonenrandgebiet im Schatten der Mauer.


Aber wenigstens im Fußball war die Stadt obenauf: Die Eintracht und nicht Hannover 96 kam 1963 in die neu gegründete Bundesliga, wurde 1967 Meister und galt lange Zeit als Nummer eins in Niedersachsen. Vor 40 Jahren ging von Eintracht Braunschweig gar eine Revolution im deutschen Fußball aus - oder genau genommen von Günter Mast: Der Geschäftsführer des Likörfabrikanten Jägermeister wurde Sponsor und später Präsident der Eintracht und führte 1973 nach vielen Querelen mit DFB und Verein die Trikotwerbung in der Bundesliga ein. Das gelbe Shirt mit dem Jägermeister-Hirschen auf der Brust gibt es heute als Retroversion im Fanshop zu kaufen. Ansonsten ist in Sachen moderner Fußball allerdings nicht allzu viel weitergegangen in Braunschweig.

Biotop Braunschweig
Nach dem letzten Bundesliga-Abstieg 1985 pendelte der Verein zwischen zweiter und dritter Liga. Die Braunschweiger Fanszene machte währenddessen durch gewalttätige und rechtsradikale Auftritte unter anderem der Hooligangruppe »Alte Kameraden« auf sich aufmerksam. »Ich bin als Kind mit Gegnern wie VfL Herzlake und SV Wilhelmshaven groß geworden«, sagt Eintracht-Fan Maximilian. Mit der Nummer eins in Niedersachsen war es da schon lange vorbei. »Aber beim Derby gegen Hannover in den 1990er Jahren brannten bengalische Feuer in der Südkurve, und alle haben gesungen. Das wollte ich auch. Mit 14, 15 habe ich mich das erste Mal in den Block 9 getraut. Damals waren da noch Reste des Skinhead-Publikums, aber auch Kutten und Jugendliche. Nach Sieg-Rufen kam immer noch ein hörbares Heil, aber nicht mehr vom gesamten Block.«


Braunschweig spielt in einem städtischen Stadion mit Laufbahn und ohne Sponsorennamen, hier zum Fußball zu gehen ist eine kleine Zeitreise. Bis zum Sommer soll die neue Haupttribüne fertig sein, aber Ende Februar ist alles noch eine Baustelle, der Weg zur Tribüne führt über halb gefrorene Schlammflächen. Im Publikum sind zahlreiche Männer und manche Frauen um die 50 oder 60 in Kutten zu sehen. Braunschweig ist old school und pflegt dieses Markenzeichen. »Unsere Szene gehört wohl mit Offenbach und Essen zu den traditionellsten in Deutschland«, sagt Robin Koppelmann, gewählter Sprecher der Fanszene. »Die alten Fans erzählen, wie es früher war, als man noch gegen Schalke und den HSV gespielt hat. Die jüngeren hören da gerne zu.«

 

Das hat Auswirkungen auf die Braunschweiger Kurvenkultur. In der Südkurve dominieren im Block 9 zwar die Ultras von »Cattiva Brunsviga« mit Fahnen, Vorsänger und Dauersupport, aber dazwischen und in den Blocks daneben versammeln sich Allesfahrer, Kutten, Hools und ganz normale Stehplatzfans hinter einem eigenen Vorsänger. Ultra in Braunschweig ist Ultra mit Kompromissen. »Der klassische Ultra-Stil ist hier nicht möglich«, sagt Koppelmann. »Die Ultras singen eher traditionellere Sachen. Und wenn der Rest der Südkurve ältere Lieder anstimmt, gehen sie darauf ein und hoffen, dass ihre Gesänge auch mal Gassenhauser werden.«

Ultras Nord und Süd
Aber Ultra in Braunschweig hat auch noch ein anderes Gesicht: In der gegenüberliegenden Kurve hängt das Transparent »Ultras Curva Nord«. Dahinter sitzen die Mitglieder der »Ultras Braunschweig«, die aber nicht durch Fahnen, Megafone oder sonstige Utensilien erkennbar sind. Einer von ihnen ist Maximilian, der mit der Eintracht auch schon gegen Herzlake dabei war und den die Derbystimmung in die Südkurve gelockt hat. UB versteht sich als politische Ultra-Gruppe und hat sich, neben der Unterstützung der Eintracht, dem Kampf gegen Diskriminierung verschrieben.

 

In der Südkurve ist UB nicht erwünscht, die Gruppe möchte dort auch gar nicht sein. Ein tiefer Riss geht durch die Braunschweiger Fanszene. UB selbst hat eine politisch bewegte Geschichte. Maximilian sagt: »In den Anfangsjahren gab es durchaus Rechte und Leute, mit denen ich nichts zu tun haben will.« Einige Jahre später haben Teile der Gruppe allerdings genug von Auswärtsfahrten im Suff und zu Musik von Kategorie C und bringen das Thema Antirassismus in die Gruppe und so auch in die Kurve. Die Spaltungsprozesse bahnen sich ab 2006 an, zuvor schon ist mit »Cattiva« eine zweite Ultra-Gruppe entstanden, die nun ebenso wie Hool-Nachwuchsgruppen Zulauf erhält. Da sei es auch zu rassistischen Anfeindungen gegen den damaligen Trommler und den Vorsänger von UB gekommen, die beide aus Griechenland stammen, sagt Maximilian.


Die »Ultras Braunschweig« wiederum bringen andere Fans durch kompromisslose Ultra-Kultur gegen sich auf. »UB hat in Block 9 damals nur die eigenen Lieder gesungen und sich als Elite der Fanszene dargestellt«, sagt Karsten König, Mitarbeiter des sozialpädagogischen Fanprojekts. »Das hat zu einer Grundablehnung geführt.« 2008 eskaliert das Verhältnis zum Verein. Um den Konflikten aus dem Weg zu gehen, will UB in die Nordkurve umziehen und das gegen den Widerstand von Sicherheitskräften und Verein erzwingen. Die Folge: Stadionverbote für rund 120 Fans. Damit sind die »Ultras Braunschweig« im Eintracht-Stadion vorerst Geschichte. Die Gruppe bleibt dem Verein treu, sie unterstützt die Wasserball- und Handballteams und verstärkt ihr politisches Engagement.

Ruhestörer
Nach dem Rauswurf von UB atmet die Kurve auf. »Wenn du so ein großes Theater gehabt hast, sind erst einmal alle froh, wenn es besser wird«, sagt König. Anders als UB verzichtet »Cattiva Brunsviga« auf elitäres Auftreten und gibt sich politisch neutral - Hools, Kutten, Ultras und Fanklubfans finden immer besser zusammen. Im Herbst 2010 wird die Einheit der Braunschweiger Fanszene institutionalisiert: Es entsteht der »FanRat«, gewählt von einem Fanparlament. »Die Szene wächst zusammen«, sagt FanRat-Sprecher Robin Koppelmann. »Wir können als Dachverband gegenüber dem Verein, der Polizei und den Medien mehr Einfluss ausüben.«

 

Daneben liefert die Eintracht sportliche Erfolge: Mit Trainer Torsten Lieberknecht und Sportdirektor Marc Arnold gelingt in der Saison 2010/11 der Aufstieg in die zweite Liga, 2012/13 wird die Eintracht souveräner Herbstmeister. Alles könnte so schön sein, wären da nicht die »Ultras Braunschweig«, die zurück ins Stadion wollen. Dort jedoch will sie niemand haben. »Wir hatten gemeinsam mit dem Verein Gespräche über die Rückkehr von UB«, sagt Koppelmann. »Im Fanparlament haben die aktiven Fans klar gesagt, dass wir diese Gespräche abbrechen sollen. Es hieß unisono: »Die wollen wir nicht.««


Den »Ultras Braunschweig« geht es bei der Rückkehr ins Stadion auch um eine Eintracht ohne Nazis. Aus der Zusammenarbeit mit antifaschistischen Gruppen ist die »Initiative gegen rechte (Hooligan-)Strukturen« entstanden, die Verbindungen zwischen der Fanszene und lokalen rechtsradikalen Gruppen ebenso dokumentiert wie Übergriffe auf Migranten und Linke. Im Oktober 2012 veröffentlicht die Initiative ihre Ergebnisse in der Broschüre »Kurvenlage. Rechte Aktivitäten innerhalb der Fanszene von Eintracht Braunschweig«. Zum folgenden Heimspiel erscheint UB gemeinsam mit Unterstützern aus anderen Städten. »Wir haben nicht darauf spekuliert, dass wir angegriffen werden, aber die Möglichkeit in Kauf genommen«, sagt Maximilian. »Es muss klar sein, dass es hier auch um einen explizit politischen Konflikt geht.«

 

Tatsächlich gibt es verbale Drohungen, der Polizeischutz verhindert körperliche Angriffe. Doch in der Braunschweiger Fanszene gelten UB als Provokateure. »Es ist eben problematisch, wenn du hier mit Paulianern und Werderanern reinkommst, und das ausgerechnet am Tag nach Erscheinen der »Kurvenlage««, sagt Fanprojekt-Mitarbeiter Karsten König. »Ich weiß nicht, ob das taktisch klug war.« ...


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Referenzen:

Heft: 81
Rubrik: Fansektor
Verein: Eintracht Braunschweig
ballesterer # 120

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