Vergessene Vereine

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Nachdem sie im nationalsozialistischen Deutschland 1933 aus den Fußballklubs ausgeschlossen worden waren, gründeten jüdische Sportler neue Vereine. Lorenz Peiffer und Henry Wahlig haben ihre Geschichten rekonstruiert.

Jakob Rosenberg | 09.03.2016

Die Methoden waren unterschiedlich, das Ergebnis dasselbe. Einige Vereine führten einen „Arierparagrafen“ ein, andere schlossen jüdische Mitglieder individuell aus, wieder andere legten ihnen den Rückzug nahe. Nach der Machtübernahme der Nazis im Jänner 1933 hatten jüdische Sportler und Funktionäre keinen Platz mehr im deutschen Vereinsfußball. Hätten die USA nicht mit dem Boykott der Olympischen Spiele 1936 gedroht, wäre es wohl dabei geblieben. Doch unter diesem Druck gestattete Deutschland die Gründung jüdischer Sportvereine, die sich untereinander messen konnten. Lorenz Peiffer und Henry Wahlig haben sich auf die Suche nach ihren Spuren gemacht.

Über 200 Vereine haben die Historiker gefunden und ihre Geschichten rekonstruiert. Ihr Buch erzählt von den konkurrierenden Sportverbänden Makkabi und Schild, von der großen sozialen Bedeutung des Fußballs und von ständigen Schikanen und Repressalien. Doch viele Vereinschroniken bleiben fragmentarisch. Denn die Geschichte der jüdischen Vereine endete 1938 mit der nächsten Welle von Verfolgung und Vernichtung.


ballesterer: Wie hat sich die Recherche zu dem Buch gestaltet?

Lorenz Peiffer: Wir hätten nie gedacht, dass dieses Projekt eine solche Dimension annehmen würde – zu Beginn haben wir mit 40 bis 60 Vereinen kalkuliert. Wir haben sehr breit in den zeitgenössischen jüdischen Zeitungen recherchiert, und da sind es immer mehr Vereine geworden, bis wir bei 200 gelandet sind.

Wie konnte das derart vergessen werden?

Es hat nach 1945 im Sport kaum einen personellen Bruch gegeben. Wer zu den Tätern gehört hat, hatte kein Interesse daran, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. In anderen Bereichen ist es ab den 1960er Jahren zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit gekommen, der Sport hingegen hat sich sehr lange so gut wie gar nicht damit beschäftigt.

Welche Funktion hatten die jüdischen Vereine für ihre Mitglieder?

Wir haben die wenigen Zeitzeugen, die wir noch finden konnten, gefragt, was der Ausschluss aus dem alten Verein im Frühjahr 1933 für sie bedeutet hat. Die Antwort war immer dieselbe – es war ein riesiger Einschnitt. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat einmal festgestellt, dass es eine wesentliche Funktion des Vereins ist, soziales Kapital anzuhäufen. Dieses soziale Kapital ist den Juden 1933 genommen worden, mit den neuen Vereinen haben sie es wieder aufbauen können.

Sind diese Vereine nicht unter starker Beobachtung gestanden?

Ja, natürlich. Es hat immer wieder neue Auflagen gegeben, Vereinsgründungen sind behindert worden. Wir wissen von durch SA-Einheiten verwüsteten Sportplätzen. In Leipzig musste ein Verein seinen Platz mit einer blickdichten Mauer umgeben – jüdische Sportler sollten von den „arischen“ Menschen nicht wahrgenommen werden. 

 

 Buchtipp:

Lorenz Peiffer, Henry Wahlig

„Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland“

(Die Werkstatt 2015)

Referenzen:

Heft: 110
Rubrik: Rezensionen
ballesterer # 120

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