Verheiratet mit Fenerbahce

cache/images/article_2069_alp_140.jpg Fenerbahce Istanbul blickt auf eine 106-jährige Geschichte zurück und kann auf einen Mann zählen, der diese pflegt. Alp Bacioglu ist seit acht Jahren Direktor des Klubmuseums. Im Interview spricht er über seinen friedlichen Fanatismus, die Vereinbarkeit zweier Liebschaften und Auswärtsfahrten in den 1960er Jahren.

Im Istanbuler Sommer hat der Fußball Pause. Das Thermometer vor dem Sükrü Saracoglu zeigt fast 40 Grad. Auf dem Platz vor dem mächtigen Fenerbahce- Stadion auf der asiatischen Seite des Bosporus herrscht unübliche Leere, nur ein paar Touristen tummeln sich im Fanshop. Alp Bacioglu tut sich leicht, die ballesterer-Abordnung auszumachen. Aus dem Glutofen führt uns der Direktor des Fenerbahce-Museums in sein vollklimatisiertes Reich, wo hinter Glas unzählige Dokumente, Fotos und über 600 Pokale aus der bewegten Klubgeschichte lagern.

Die Ausstellung entspricht dem internationalen Anspruch Fenerbahces: Mit Platz wurde nicht gegeizt, die Infotafeln sind in Türkisch und Englisch gehalten. Bacioglu nimmt sich für die Führung viel Zeit. Er erklärt, warum einst ein Leuchtturm das Wappen von Fener zierte, wieso ein Pokal in der Mitte auseinandergesägt werden musste, und kommt auch auf die vermeintliche Vorliebe des türkischen Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk für die Blau-Gelben zu sprechen. Im Anschluss bittet uns der Museumsdirektor für das Interview zum Tee in sein Büro.

ballesterer: Herr Bacioglu, Sie sind nicht nur Direktor des Fenerbahce-Museums, sondern auch ein großer Anhänger des Klubs. Wie ist Ihre Fangeschichte verlaufen?
Alp Bacioglu : Fenerbahce war in den 1950er Jahren sehr populär. Es war ein Klub der einfachen Leute, und rund 60 Prozent der Istanbuler waren damals Anhänger von Fenerbahce. Galatasaray hatte im Vergleich dazu sehr wenige Fans, weil es als elitär und hochnäsig galt. Mein Vater war Fenerbahce-Fan, aber nicht so fanatisch, wie ich es später geworden bin. Als Bub habe ich ihn immer gedrängt, mich ins Stadion mitzunehmen. Er ist aber nicht zu allen Spielen gegangen, und so hat es bis 1960 gedauert, bis ich ihn begleiten durfte. Damals war ich zehn Jahre alt.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Matchbesuch?
Es war ein Pokalspiel gegen Besiktas. Nach 30 Minuten waren wir 0:2 hinten, und für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich habe mir davor zusammengeträumt, dass uns Besiktas niemals schlagen könne, und angefangen zu weinen. Daraufhin hat mein Vater gesagt: »Ich sehe schon, du wirst ein großer Fußballfan, aber du musst dir etwas merken: Ein Spiel endet nach 90 Minuten. Und du darfst nie aufgeben! Wir haben noch fast 60 Minuten Zeit. Wenn du nach dem Spiel weinst, ist das okay. Aber jetzt ist es noch zu früh!« Tatsächlich ist Fener noch vor der Pause der Ausgleich gelungen. Danach haben sie weitere vier Tore geschossen und 6:2 gewonnen. Ab diesem Zeitpunkt war ich ein Fenerbahce-Fanatiker und wollte jedes Spiel sehen. Meine Mutter hatte allerdings etwas dagegen. Ab 14 Jahren hat sie mir aber erlaubt, gemeinsam mit Freunden aus der Nachbarschaft ins Stadion zu gehen. Später bin ich auch zu Auswärtsspielen gefahren. Und ich habe alles gelesen, was ich über Fußball gefunden habe. Ich habe die Antiquariate von Istanbul nach alten Fußballheften durchstöbert und mein ganzes Taschengeld dafür ausgegeben. Auf dem Taksim-Platz habe ich mir ausländische Magazine wie den Kicker gekauft, den ich lesen konnte, weil mein Vater mir Deutsch beigebracht hat. Später habe ich in Konstanz am Bodensee studiert.
So hat die Entwicklung zum Sammler also langsam ihren Lauf genommen?
Anfang der 1980er Jahre habe ich den Chronisten von Fenerbahce kennengelernt. Er hat zweimal die Geschichte des Vereins niedergeschrieben - 1957 und 1982. Ich wollte ihn nach einem Spiel fragen, über das meine Freunde und ich immer gestritten haben. Nachdem wir eine halbe Stunde geplaudert hatten, meinte er: »Du hast eine Neigung, die mir gefällt. Du bist sehr begeistert von Fenerbahce. Komm doch öfters vorbei!« Nach ein paar Jahren hat er mir seine Hefte, die er zu jeder Saison angelegt hat, zum Kopieren geliehen. Er hatte in diesen handschriftlichen Aufzeichnungen alle Aufstellungen von Fenerbahce seit 1919 dokumentiert. Es war sein Tagebuch, und ich habe es fortgesetzt - wie ein Erbe. Es hat als Hobby angefangen, aber als der Verein Notiz davon nahm, ist mehr daraus geworden. 2004 hat unser Präsident Aziz Yildirim mit den Planungen für ein modernes Museum begonnen. Und da hat man mich gefragt, ob ich mitmachen will.

Da konnten Sie natürlich nicht Nein sagen.
Ich bin ein Jahr davor in Pension gegangen und hatte Zeit. Die Vorbereitungen waren sehr umfangreich. Die Architekten haben Informationen bei Manchester United, Bayern München, Ajax Amsterdam, Real Madrid und Barcelona eingeholt. Ich habe damals nichts für meine Arbeit verlangt, weil Fenerbahce eine große Liebe für mich ist. Nach einem Jahr war das Museum fertig und wurde am 19. November 2005 beim Champions-League-Spiel gegen Schalke 04 eröffnet. Seit diesem Tag bin ich Museumsdirektor und werde dafür auch bezahlt.
Was treibt Sie in Ihrer Leidenschaft für Fenerbahce an?
Es gibt nicht so viele Leute, die sich mit der Geschichte des Klubs befassen. Wenn ich das nicht dokumentiere, macht es vielleicht niemand. Mein Wunsch ist, dass diese Arbeit fortgesetzt wird und ich einen passenden Nachfolger finde. Auch wenn ich schon gestorben bin, soll ein Fenerbahce-Fan, der hierher ins Museum kommt, alle Spiele durchschauen können, egal ob es um die 1950er oder die 2020er Jahre geht. Deshalb speichern wir alle Spieldaten auf unseren Computern.

Haben Sie und Ihr Team wirklich jedes Fenerbahce-Spiel erfasst oder gibt es auch Lücken?
Mein Vorgänger ist 1908 geboren. Die ersten Jahre konnte er nur über Gespräche mit damals aktiven Fußballern rekonstruieren. Fußball war damals bei weitem nicht so beliebt wie heute. Wenn man in den Archiven die alten Zeitungen durchblättert, steht da beispielsweise, dass Fenerbahce am Wochenende gewonnen hat. Aber wie hoch und wer gespielt hat, erfährt man nicht. In den Anfangsjahren gibt es also noch einige weiße Flecken, die wir wahrscheinlich nicht mehr alle rekonstruieren können.

Auf welche Ergebnisse Ihrer Nachforschungen sind Sie besonders stolz?
Da gibt es einige. Fenerbahce hat beim Aufstand gegen die Besatzungsmächte nach dem Ersten Weltkrieg eine besondere Rolle gespielt. Die Engländer waren bis 1923 hier, und man hat nicht gewusst, ob es gelingen wird, sie wieder zu vertreiben. Die Funktionäre von Fener haben beschlossen, dass der Verein gegen die englischen Soldaten spielen soll, die zahlreiche Teams in Istanbul betrieben haben. Von 50 Spielen hat Fenerbahce 41 gewonnen und nur fünf verloren - das hat der Bevölkerung Mut gemacht und ihr gezeigt, dass wir die Engländer schlagen können. Es war eine unglaubliche Mannschaft, vielleicht vergleichbar mit dem Wunderteam der 1930er in Österreich - mit Zeki Risa Sporel als Torjäger. Er hat in 352 Spielen für Fenerbahce 470 Tore geschossen. Fußball ist davor nicht besonders populär gewesen in Istanbul. Das alte Taksim-Stadion hatte eine Kapazität von 5.000 Zuschauern und war meist nicht einmal halbvoll. Als Fener aber begonnen hat, die Engländer zu demontieren, sind es immer mehr geworden. Zuerst 3.000, beim nächsten Spiel 5.000. Ab dann sind weitere 5.000 draußen vor den Toren gestanden. Das war die Geburtsstunde der Popularität von Fenerbahce.

Was sind Ihre Lieblingsstücke im Museum?
Alle würden jetzt vermutlich erwarten, dass es ein Fußballpokal ist. Aber für mich ist es die Champions-League-Trophäe, die unsere Volleyballerinnen 2011 in Baku gewonnen haben. Es ist ein internationaler Titel, der für den Verein enorm wichtig ist. Aus der Fußballsammlung mag ich den Balkan-Cup sehr gerne, den wir 1968 durch einen Finalsieg über AEK Athen gewonnen haben. Das war eine große Sensation. Stolz sind wir auch darauf, dass Fenerbahce als erster türkischer Verein in einem Jahr die Meistertitel in fünf Sparten, also im Fußball bei den Männern und im Basketball und Volleyball bei Frauen und Männern, gewonnen hat.

Besuchen Sie auch die Spiele der anderen Fenerbahce-Sektionen?
Ja, natürlich. Ich bin jetzt 62 Jahre alt, da kann ich nicht mehr zu jedem Auswärtsspiel der Fußballer fahren. Also gehe ich an diesen Wochenenden zum Basketball oder Volleyball, meine Frau begleitet mich ab und zu.

Das ist ein gutes Stichwort: Wie geht Ihre Frau mit der Fülle an Fenerbahce in Ihrem Leben um?
Als ich ihr den Heiratsantrag gemacht habe, habe ich bei einem Abendessen zu ihr gesagt: »Willst du meine Mätresse sein? Meine zweite Frau?« Sie war ein bisschen verstört, da habe ich gemeint: »Du weißt ja, ich liebe dich, aber ich bin bereits mit Fenerbahce verheiratet. Wenn ich für dich meinen Verein aufgeben muss, lassen wir es besser. Denn ohne Fenerbahce kann ich nicht leben.« Sie hat es akzeptiert, und das freut mich sehr.

Im türkischen Fußball gibt es immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen. Haben Sie auch bedrohliche Situationen erlebt?

Früher hat es bei den Spielen viel weniger Gewalt gegeben, insofern war es auch nicht besonders gefährlich, zu Auswärtsspielen zu fahren. Außerdem war ich nie ein Hooligan. Wenn es zu Schlägereien gekommen ist, habe ich mich herausgehalten und mein Bier getrunken. Meine Freunde haben gewusst: Der macht nichts. Das ist mein persönlicher Zugang zum Fantum, aber natürlich gibt es auch andere. Bei den drei großen Istanbuler Vereinen gibt es eine Fülle miteinander rivalisierender Gruppen. Galatasaray-Fans haben zum Beispiel vor ungefähr zehn Jahren den Fanklub »Die for you« gegründet. Es hat nicht lange gedauert, bis Fans von Fenerbahce als Antwort die Gruppe »Kill for you« ins Leben gerufen haben.

Waren Sie Mitglied einer organisierten Fangruppe?
Ich war immer Teil der Tribüne und bin dort groß geworden. 1986 habe ich mit ein paar Freunden die Anhängervereinigung von Fenerbahce gegründet. Sie ist bis heute die größte Gruppe auf der Tribüne des Saracoglu-Stadions, und wir haben fünf Minuten von der Fähranlegestelle in Kadiköy auf der asiatischen Seite ein Lokal, in dem sich die Fans die Auswärtsspiele anschauen können.

Sie sind schon in den 1960er Jahren auswärts gefahren. Sind damals viele Fans mit der Mannschaft mitgereist?
Ja, durchaus. Es gab ja keine Fernsehübertragungen. Wenn du ein Spiel in Anatolien oder in Izmir sehen wolltest, musstest du hinfahren. Für mich und meine Freunde war das eine Pflicht. Zwischen 1968 und 1974 habe ich fast jedes Auswärtsspiel besucht. Wir sind meistens mit dem Bus gefahren, weil es am Billigsten war. Nach Izmir haben wir damals zwölf Stunden gebraucht. Für ein Sonntagsspiel sind wir am Samstagnachmittag losgefahren und irgendwann Montagfrüh zurückgekommen. Wir haben viel getrunken. Viele sind direkt vom Bus in die Arbeit, andere haben blau gemacht. Für mich war es relativ leicht. Ich habe im Versicherungsbüro meines Vaters gearbeitet und es mir einrichten können, dass ich erst am Nachmittag komme.
Was unterscheidet die damalige Fangeneration von der heutigen?
Zurzeit gibt es mehr Gewalt. Die Rivalität unter den Fans der Istanbuler Vereine ist größer geworden. Als Anfang der 1970er Jahre alle Mannschaften im Taksim-Stadion gespielt haben, sind die Anhänger der verschiedenen Klubs davor in das Kneipenviertel von Beyoglu gegangen und haben zusammen getrunken, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Heute ist das fast undenkbar. Wenn 20 Fans von Galatasaray vor dem Spiel in eine Fenerbahce-Kneipe gehen, dann kracht es. Einige Präsidenten in der Vergangenheit haben diese Rivalität angeheizt und die Leute nervös gemacht. Da muss sich auch Fenerbahce an der Nase nehmen. Dazu kommt, dass Galatasaray, auch durch den UEFA-Cup-Sieg, immer mehr Anhänger bekommen hat und einige von ihnen nach wie vor die Meinung vertreten, ihr Klub sei etwas Besseres als Fenerbahce.

Abschließend noch ein Blick in die Zukunft: Was wünschen Sie sich für sich und Fenerbahce?
Ich würde gern noch ein Champions-League-Finale miterleben. Das fehlt dem Klub, und ich denke, er hat es sich in seiner 105-jährigen Geschichte verdient. In den 1960er und 1970er Jahren war der türkische Fußball nicht so gut, damals sind die Klubs regelmäßig gegen österreichische Gegner ausgeschieden. Ich kann mich erinnern, dass die Leute gesagt haben: »Nicht schon wieder Rapid.« Seit einigen Jahren hat sich das geändert. Fenerbahce ist 2008 im Viertelfinale der Champions League gestanden, und ich hoffe, dass ich noch einen größeren Erfolg erlebe.

 

Referenzen:

Heft: 75
Rubrik: Aktuell, Fansektor
Thema: Türkei
ballesterer # 121

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