Verlierer im "calcio caos"

Der italienische Fußball hat eine der heißesten Sommerpausen seiner Geschichte hinter sich. Nach einer Tour de Force durch Sport- und Zivilgerichte wird Zweitligameister Genoa wegen einer Spielabsprache in die Serie C1 zurückversetzt und auch Torino darf nicht in die Serie A.
Reinhard Krennhuber | 01.09.2005
Das Schicksal des FC Genoa nahm mit der Verhaftung eines Kreditkartenbetrügers in Frankreich seinen Lauf. Als dieser im Verhör über Spielabsprachen im italienischen Meisterschaftsfinish zu plaudern begann, zapfte die Polizei die Telefone einiger Fußballfunktionäre an. Abhörprotokolle belegen, dass sich Genoa den 3:2-Sieg über Venezia in der letzten Runde erkauft hat. Genoa-Präsident Enrico Preziosi und Franco dal Cin, der den von ihm abgewirtschafteten Verein aus der Lagunenstadt wenige Wochen zuvor offiziell abgegeben hatte, sollen am 11. Juni sogar noch im Stadion miteinander telefoniert haben, als der Fixabsteiger überraschend mit 1:0 in Führung lag, wo doch ein 3:0 für Genoa vereinbart worden war.
Während die 34.000 Fans der Blau-Roten nach zehn Jahren der Zweit- und Drittklassigkeit die vermeintliche Rückkehr in die belle étage feierten, war ihr Verein eigentlich schon der Manipulation überführt. Und als wäre die Beweislast nicht schon erdrückend genug, wurde drei Tage später auch noch ein Venezia-Manager auf frischer Tat ertappt, als er sich die vereinbarten 250.000 Euro vom Firmensitz Preziosis abholte. Der neunfache italienische Meister und älteste Klub des Landes wurde in der Folge von den Sportgerichten in die dritte Liga zwangsrelegiert, mit einem Punkteabzug belegt und die federführenden Personen wie Preziosi und Dal Cin für fünf Jahre von allen Fußballämtern ausgeschlossen.

 

Keine Gnade für Wiederholungstäter

 

Auf der Strecke blieben in erster Linie Spieler und Fans. Über 14.000 Dauerkarten waren von Genoa nach dem Sieg über Venezia abgesetzt worden, doch statt Milan oder Juve sollten nun Provinzklubs wie Sangiovannese oder Novara das Marassi beehren. Die Volksseele kochte und die verzweifelten Anhänger setzten geschockt von der Härte des Urteils auf den Druck der Straße. Sie hatten gehofft, dass der Verein ähnlich wie Modena, Siena oder Chievo im letzten bekannt gewordenen Wettskandal mit einem Punkteabzug und Geldstrafen davon kommen würde. Am 8. August füllten Tausende in einer eindrucksvollen Demo die engen Gassen der Hafenstadt, ehe sich der friedliche Aufmarsch in einen Zug der Gewalt verwandelte. Dutzende Autos und Motorräder brannten, Geschäfte wurden zerstört und die Ordnungskräfte konnten nur mit Mühe eine Besetzung des Bahnhofs verhindern. Elf Tage später mussten auch die Gewaltbereiten ihre Niederlage eingestehen, als ein Zivilgericht in Genua das Urteil der Sportinstanzen bestätigte. Weitere heftige Straßenschlachten blieben trotz hunderter vor dem Justizgebäude versammelter Fans aus.
Der FC Genoa konnte keine Gnade erwarten. Zwielichtige Geschäfte und der Bankrott zahlreicher Vereine hatten dem italienischen Fußball in den vergangenen Jahren Negativschlagzeilen en masse eingetragen und die Sportbehörden wachgerüttelt. Die Beweislast gegen die Blau-Roten war erdrückend und Preziosi zudem kein unbeschriebenes Blatt. Gegen den größten Spielzeugfabrikanten des Landes läuft ein Zivilverfahren, weil er das gesamte Firmenvermögen auf die Antillen ausgelagert hat. Und auch im Fußball sorgte Preziosi schon einmal für Aufregung, als der damalige Como-Präsident 2003 den Klub nach dessen Abstieg dem sportlichen Ruin überließ und samt Trainer und den besten Spielern nach Genua übersiedelte. Übernehmen musste er damals die 22 Millionen Euro Schulden des Traditionsvereins, was ihn vermutlich auch zu der Torheit getrieben hat, sich den Sieg gegen einen sportlich schwer unterlegenen Gegner zu kaufen, um ja nicht den profitablen Aufstieg in letzter Minute zu vergeigen.

 

Die zwei Opfer des Schuhfabrikanten

 

Schlimm erwischt hat es auch den AC Venezia, jedoch weniger wegen der Spielabsprache. 2002 aus der Serie A abgestiegen, finden sich die Orange-Grünen nun unter dem Namen SSC Venezia in der Serie C2 wieder. Präsident Dal Cin hatte seit seiner Übernahme vor drei Jahren 16 Millionen Euro an Schulden angehäuft, Konkurs und Zwangsabstieg wären auch ohne den Genoa-Deal unvermeidlich gewesen. Vor dem Crash hatte Dal Cin das sinkende Schiff noch an den obskuren sizilianischen Industriellen Luigi Gallo abgetreten. Der Schuhfabrikant machte seinem Vorgänger alle Ehre: Er besiegelte nämlich nicht nur das Schicksal des eigenen Vereins, sondern trieb auch den AC Torino, den er im Vorjahr noch übernehmen hatte wollen, mittels einer gefälschten Bürgschaft über 18 Millionen Euro in den Ruin. Gallo wanderte dafür ins Gefängnis, dem »Toro« wurde die Lizenz für die Serie A verweigert. Wegen einem eigens geschaffenen Gesetz, das bankrotten Klubs den Einstieg eine Klasse tiefer zusichert, dürfen die eigentlich aufgestiegenen Granatroten unter dem neuen Namen SCC Torino nun zumindest in der Serie B weitermachen. Es gibt sie also doch noch die Auffangnetze im italienischen Fußball, solange man nicht so offensichtlich korrupt agiert wie Preziosi und seine Konsorten vom FC Genoa. 

Referenzen:

Heft: 18
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 82

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