»Viagogo ist ein Drecksladen«

cache/images/article_2147_bub_vianogo_(5)_140.jpg Neun Tage hatte der Vertrag des FC Schalke 04 mit der Ticketplattform Viagogo Bestand, dann kündigte der Verein. Zu groß waren die Proteste der Fans gegen den Online-Schwarzmarkt mit Vereinssanktus. Das Nein zu Viagogo aus Gelsenkirchen ist richtungsweisend für die gesamte deutsche Bundesliga.
Edgar Lopez, Nicole Selmer | 16.08.2013

Die Pressemitteilung des FC Schalke 04 lässt nicht erahnen, dass die Fans gerade eine lange Auseinandersetzung gewonnen haben: Viagogo habe vertragliche Regelungen trotz mehrfacher Aufforderungen nicht eingehalten, daher habe der Verein nach mehrfachen Abmahnungen die einzig mögliche Konsequenz gezogen und den Vertrag gekündigt. Nach neun Tagen Laufzeit. Schalke hat damit das Versprechen gegenüber seinen Mitgliedern eingehalten, das Geschäftsgebaren von Viagogo genau im Auge zu behalten. Dabei hatte man sich von der neuen Partnerschaft doch so viel versprochen, wie Marketingvorstand Alexander Jobst auf der Vereinswebsite erläutert: »Wir haben damals die Möglichkeit gesehen, den Schwarzmarkt einzudämmen und zudem einen wirtschaftlichen Vorteil zu erzielen. Wir mussten nun einsehen, dass das mit diesem Partner nicht möglich ist.«


Zu dieser Erkenntnis sind die Schalke-Fans schon vor Längerem gelangt. Die Kampagne »ViaNOgo« arbeitet bereits seit sechs Monaten mit Aktionen im Stadion gegen die Zusammenarbeit mit dem Ticketanbieter. Einen Höhepunkt erreichten die Proteste bei der Jahreshauptversammlung des Vereins. In zahlreichen Reden forderten Fans die Kündigung des Vertrags. Unter ihnen auch Stefan Barta, der seit 1976 Schalke-Fan und seit 1991 Vereinsmitglied ist. »Nach der Hauptversammlung hat der Verein an dem Deal festgehalten und geglaubt, wir würden Ruhe geben. Aber das haben wir nicht. Fans haben dem Verein täglich E-Mails über Verstöße von Viagogo geschickt. Da haben sie sich wahrscheinlich gedacht: »Bevor es die ganze Saison Unruhe gibt, kündigen wir lieber.««


Legaler Schwarzmarkt
Die Praxis des Unternehmens sorgt nicht nur in Gelsenkirchen für Aufregung, Viagogo ist auch an anderen Bundesliga-Standorten wie München, Stuttgart und Hannover aktiv. Die Modalitäten unterscheiden sich von Verein zu Verein, bestehen jedoch aus zwei Hauptsäulen. Einerseits dient Viagogo den Klubs als Tauschbörse: Zuschauer, die einen Spielbesuch nicht wahrnehmen, können ihre Tickets verkaufen beziehungsweise ihre Jahreskarten verleihen - mit Zuschlägen von bis zu 100 Prozent. Neben diesem exklusiven Zweitmarkt erhält Viagogo von den Vereinen mitunter auch eigene Kartenkontingente für den Onlineverkauf - im Fall des FC Schalke waren für zehn Spiele je 300 Karten vorgesehen.

 

In beiden Geschäftsbereichen macht das Onlineportal seinen Umsatz mit hohen Gebühren und Versandkosten. Hinzu kommen Preisaufschläge beim Weiterverkauf der bereitgestellten Kartenkontingente, die ebenfalls bis zu 100 Prozent betragen dürfen. Das Geschäftsmodell des Unternehmens stellt für viele Fans den Ausverkauf des Fußballs dar. »Da werden Geschäfte auf Kosten von Fans gemacht, die sich einen Stadionbesuch nicht mehr leisten können«, sagt Stefan Barta. »Wir schimpfen uns in Gelsenkirchen Kumpel- und Malocherklub, aber genau diese Leute kommen nicht mehr ins Stadion, weil's zu teuer geworden ist.«


Viagogo ersetzt nicht nur die von Fans selbst organisierten Tauschbörsen, sondern legalisiert nach Meinung vieler Anhänger auch einen Schwarzmarkt, der nicht vor dem Stadion, sondern mit Billigung des Vereins online abgewickelt wird. »Jetzt soll's legal sein, bloß weil's im Internet ist, das geht doch nicht«, sagt Barta.

Demokratiedefizite
Genug Zündstoff also für die Jahreshauptversammlung der Schalker Ende Juni. Zu viel für Vorstand und Aufsichtsrat, die sich bemühten, die Viagogo-Proteste im Keim zu ersticken. Schalke-Fan Katharina Strohmeyer sagt: »Der Verein hat es an Demokratieverständnis mangeln lassen. Im Vorfeld ist kein einziger der von Mitgliedern gestellten Anträge zugelassen worden.« Daher formulierte die Juristin einen Eilantrag, der eine Probeabstimmung mit lediglich empfehlender Wirkung an den Vorstand vorsah. Auch das war jedoch fast zu viel. »Erst wollten sie mich gar nicht auf die Rednerbühne lassen, ein Jurist sollte mich abbügeln, aber ich hatte die Satzung etwas genauer gelesen als er. Am Ende blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Probeabstimmung zuzulassen.« 80 Prozent der rund 8.000 anwesenden Mitglieder sprachen sich gegen den Viagogo-Vertrag aus. Trotz der Kehrtwende der Vereinsführung beim Viagogo-Deal sieht Strohmeyer kein Umdenken, wenn es um die Mitsprache der Fans geht. »Am liebsten wäre denen, wenn es gar keine Mitbestimmung gäbe. Ich fahr weiter auf Schalke, aber mit Bauchschmerzen. Vor 15 Jahren, beim UEFA-Cup-Sieg, war alles noch viel näher beieinander. Heute ist es ein Riesenkonzern.«


Auch wenn sie die Kommerzialisierung des Fußballs nicht aufhalten können, haben die Schalker Fans zumindest Viagogo Sand ins Getriebe gestreut. Der VfB Stuttgart beschloss, den bis Ende 2014 laufenden Vertrag nicht zu verlängern. Der Deutsche Fußball-Bund erklärte Anfang August, rechtliche Schritte gegen das Unternehmen zu prüfen, nachdem schon Karten für ein Länderspiel im Handel sind, für die der Verband selbst noch keine Preise festgelegt hat. Katharina Strohmeyer sagt: »Viagogo ist ein Drecksladen. Selbst wenn nur ein anderer Verein aufgrund unserer Initiative nicht mit ihnen kooperiert, ist das ein Erfolg für den Fußball.«

 

Foto: Susanne Blondundblau

Referenzen:

Heft: 84
Rubrik: Fansektor
Verein: FC Schalke 04
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