Vienna falling

cache/images/article_2188_vienna3_140.jpg Der First Vienna FC kämpft um das finanzielle Überleben. Rettung verspricht sich der älteste Fußballklub Österreichs von Bauprojekten, hinter denen jedoch einige Fragezeichen stehen.

Die Hohe Warte am 20. September: In der zehnten Runde der Ersten Liga empfängt die Vienna den TSV Hartberg. Nach einem miserablen Saisonstart mit drei Niederlagen und dem frühen Trainerwechsel von Gerhard Fellner zu Kurt Garger haben sich die Wiener wieder etwas gefangen. Die Mannschaft musste im Sommer nach den Abgängen von Coach Alfred Tatar und einiger Schlüsselspieler wie Andreas Dober, Jochen Fallmann und Markus Pink einmal mehr neu zusammengestellt werden. Aber der Klassenerhalt scheint auch in der fünften Saison nach dem Aufstieg aus der Regionalliga machbar - trotz des Abzugs von drei Punkten aufgrund diverser Lizenzvergehen.

Hartberg hat an diesem Herbstabend keine Chance gegen die Vienna. Bis zur Pause können die 1.300 Zuschauer eine 2:0-Führung bejubeln, kurz vor dem Ende machen die Blau-Gelben mit dem 3:0 alles klar. Durch den zweiten Heimsieg in Folge nähert sich der Traditionsverein dem achten Platz an, der den Klassenerhalt garantieren würde. Doch so gut die Stimmung im Vienna-Block auch ist, offenbaren sich an vermeintlichen Kleinigkeiten die Probleme des Vereins. Unter dem tropfenden Tribünendach besingen die Fans den neuen Platzwart. Er ist einer der ihren und hat sich bisher schon um den Fanshop gekümmert. Nach dem Abgang des alten Greenkeepers hat er eine Aufgabe mehr - und zwar keine leichte. Der Platz der Hohen Warte wurde bei einer Umfrage unter den Erste-Liga-Spielern im Herbst 2012 zum schlechtesten Geläuf der Liga gewählt. Kein Ruhmesblatt, wenn man bedenkt, dass das Stadion erst vor sieben
Jahren generalsaniert wurde.

Wiederholte Engpässe
Die Schwierigkeiten beim ältesten Fußballverein des Landes beschränken sich jedoch nicht auf den holprigen Rasen und ein leckes Tribünendach. Es mangelt an Geld - und das scheinbar an allen Ecken und Enden. Bereits zweimal in der noch jungen Saison forderte die Spielergewerkschaft VdF Zahlungen für Vienna-Kicker ein. Ende Juli betraf es zunächst die bereits abgewanderten Fallmann, Bernhard Fucik und Uwe Kropfhofer, denen der Verein insgesamt rund 10.000 Euro schuldete. Nach einem kurzen medialen Hickhack bekamen sie die ausstehenden Gelder überwiesen. Vor dem Spiel gegen Hartberg wurde dann bekannt, dass auch bei Richard Strohmayer noch Gehälter offen seien, was nicht nur bei der VdF, sondern auch bei den Vienna-Fans für Kopfschütteln sorgte. Denn der 32-Jährige, der zuletzt die Amateurmannschaft als Spielertrainer leitete, hatte sich in den vergangenen fünf Jahren für den Verein förmlich aufgeopfert. Im Gespräch mit dem ballesterer will Strohmayer keine Schmutzwäsche waschen. "Ich habe einen Teil des Geldes bekommen, der Rest ist mir für Ende Oktober versprochen worden", sagt er. "Die Vorgänge im Verein will ich nicht kommentieren. Aber natürlich denkt man sich seinen Teil."

VdF-Geschäftsführer Rudolf Novotny betont, dass Vienna-Präsident Herbert Dvoracek sich nicht wundern dürfe, dass die Spielergewerkschaft mit dem Fall an die Öffentlichkeit gegangen sei. "Da geht es ja nicht um eine Lawine, Strohmayer hat 1.200 Euro pro Monat bekommen" sagt er. "Ich habe Dvoracek darauf aufmerksam gemacht. Und was passiert? Er hat die Sache vergessen." Nicht zum ersten Mal. Vor den erwähnten Fällen hatten sich auch Rade Djokic, Ernst Dospel, Wolfgang Mair, Marco Salvatore und Matthias Hattenberger mit dem Verein streiten müssen, um ausstehende Gehälter und Prämien zu erhalten. Ex-Trainer Frenkie Schinkels ging wegen seiner fristlosen Kündigung aus dem Jahr 2010 vor Gericht, bekam im Sommer dieses Jahres in zweiter Instanz Recht und erhielt 33.000 Euro zugesprochen. Mair, der seit Sommer 2012 bei Liefering unter Vertrag steht, sagt über die Zahlungsmoral auf der Hohen Warte: "In den eineinhalb Jahren, die ich bei der Vienna war, habe ich vielleicht einmal mein Gehalt pünktlich bekommen. Oft waren es zwei Wochen Verspätung, ich habe aber auch ein Monat und länger darauf gewartet."

War die Vienna in der Vorsaison bei der Bundesliga-Lizenzierung noch mit Auflagen davongekommen, wurde ihr die Spielgenehmigung im Mai in erster Instanz verwehrt. Unter anderem wegen "überfälliger Verbindlichkeiten gegenüber Arbeit- bzw. Dienstnehmern". "Es ist schlicht unprofessionell, was da passiert", sagt Novotny. "Im Bundesliga-Senat 3, in dem die VdF vertreten ist, ist keine Lizenz erteilt worden. Was die Vienna in der Folge gemacht hat, um sie doch noch zu kriegen, entzieht sich meiner Kenntnis." Für viele Beobachter war es ein überraschender Gnadenakt des Protestkomitees. Um eine 15.000-Euro-Strafe und den später von fünf auf drei Punkte reduzierten Malus für die neue Saison kam die Vienna allerdings nicht herum. "Eigentlich müsste der FC Lustenau ein abschreckendes Beispiel sein, aber die Liga hat scheinbar nichts daraus gelernt", sagt Wolfgang Mair über die Lizenzerteilung für seinen Ex-Klub. "So etwas macht den Fußball kaputt, aber es passt irgendwie zur Situation in Österreich."

Bundesliga, ausgeträumt
Seit viereinhalb Jahren ist Herbert Dvoracek Präsident der Vienna. Auf den Aufstieg 2009 folgte ein zäher Kampf ums sportliche und wirtschaftliche Überleben, der Spuren beim Klubchef hinterlassen hat. Beim Interview in den ungeheizten Räumlichkeiten des VIP-Klubs der Hohen Warte macht der Telekomunternehmer einen desillusionierten Eindruck. "Natürlich sind Fehler passiert, gerade in der Zeit nach dem Aufstieg haben wir über unsere Verhältnissen gelebt", sagt Dvoracek. "Wir träumen nicht mehr von der Bundesliga. Der Verbleib in der Ersten Liga ist für die Vienna allerdings überlebenswichtig. Wenn wir absteigen, wären die Fernsehgelder weg, und wichtige Sponsoren würden sich zurückziehen."

 

Seit geraumer Zeit beklagt Dvoracek mangelnde Unterstützung seitens der Stadt, die neben der Austria und Rapid nicht noch einen dritten Profiverein fördern wolle. Neben dem Ausstieg von stadtnahen Sponsoren wie Wien Energie und Gewista machen dem Vienna-Präsidenten jedoch auch die hohen Kosten für die Infrastruktur auf der Hohen Warte zu schaffen. Im Zuge der Stadionsanierung unter Dvoraceks Vorgänger Adolf Wala war die Vienna zur Untermieterin des Geländes degradiert worden. Der Vertrag mit dem Pächter IG Immobilien, einer Tochter der Nationalbank, für die Wala fast 40 Jahre gearbeitet hat, sei in die Hose gegangen, sagt Dvoracek. Denn für die Erhaltung des 66.000 Quadratmeter großen Areals muss weiterhin fast ausschließlich der Verein aufkommen. "Unabhängig von der Ligazugehörigkeit kostet uns das ungefähr 500.000 Euro im Jahr", so der Klubchef.

Keine Therme, keine Transparenz
Um die hohen Kosten zu stemmen, sucht Dvoracek einen Partner. Schließlich könne ein Teil der Hohen Warte ja anderweitig genutzt werden. Entsprechende Pläne werden seit Jahren gewälzt: Bei der Übernahme des Vienna-Zepters von Wala war von einem Wohnbauprojekt der IG Immobilien die Rede. Allerdings legten sich dagegen Anrainer und die mächtige Krone quer. Nach und nach kursierten unterschiedlichste Nutzungspläne für das hochattraktive Areal. Einmal war es eine Therme der britischen Aspria-Gruppe, ein anderes Mal sogar eine Skisprungschanze, die aus Wiener Kindern ÖSV-Adler machen sollte. Das verbindende Element: Realisiert wurde keines der Vorhaben, was auch den Abgang von Klubmanager Lorenz Kirchschlager beschleunigt haben soll. Über die Details der geplatzten Coups wussten immer nur Dvoracek und Vizepräsident Christian Bodizs Bescheid. Zwar installierte die Vienna bei der Generalversammlung im Mai 2013 mit dem Grünen-Bezirksrat Christian Tesar und dem SPÖ-Funktionär Wolfgang Markytan zwei weitere Vizepräsidenten, an der mangelhaften Transparenz im Vorstand änderte sich aber nur wenig. Markytan, der mit der Leitung der Wiener SPÖ-Landesparteischule bereits einen Job hatte, wurde als Teilzeitmanager Nachfolger von Kirchschlager. Ein Experiment, das die Vereinsführung im September wieder beendete. Neuer Manager ist jetzt Bodizs, Dvoraceks engster Vertrauter.

Aktuell setzt die Vienna all ihre Hoffnungen in einen Deal mit einer internationalen Privatschule. Bis 2016 sollen auf der Hohen Warte Gebäude für 650 Schüler entstehen. "Der Investor ist ein vier Milliarden schwerer US-Fonds, der an mehreren europäischen Standorten Schulen errichten will", sagt Dvoracek. "Wir sind in der Vertragsphase. Ich erwarte demnächst die Unterschrift sowie die Bankgarantie. Ohne die mache ich sowieso nichts mehr." Laut eigener Aussage hat Dvoracek auch schon bei der Stadt vorgesprochen und positive Signale erhalten.

Sollte der Deal zustande kommen, wären sowohl die Vienna als auch ihr Präsident die größten finanziellen Sorgen los. Dem Verein, den ein negatives Eigenkapital von rund 450.000 Euro drückt, blühen Einnahmen von rund 2,5 Millionen Euro. Zusätzlich könnte er das Stadion tageweise an die Schule, die einen Schwerpunkt auf Sportunterricht haben soll, vermieten. Das soll weitere 120.000 Euro im Jahr bringen. Dvoracek, der sich auch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Unregelmäßigkeiten beim Verkauf seiner Ex-Firma Mass Response ausgesetzt sieht, wäre damit zumindest als Vereinspräsident aus dem Schneider. Dem Verein habe er für die Umsetzung verschiedener Immobilienprojekte bereits

Das Fast-Food-Problem
Gebaut werden soll jedoch nicht nur auf der Hohen Warte, sondern auch am Trainingszentrum der Vienna in der Spielmanngasse. Auf dem weitläufigen Gelände in Wien-Brigittenau will Dvoracek statt der Kantine ein Fast-Food-Restaurant der Kette Burger King hinstellen. Geht es nach dem Präsidenten, ist das Projekt auf Schiene: "Mit dem Deal kommen 500.000 Euro herein. Natürlich muss ich etwas hergeben, aber dafür gehören die Altlasten auf einen Schlag der Vergangenheit an." Zwar gesteht Dvoracek Verzögerungen ein, weil die beauftragte Firma die Pläne erst kürzlich und nicht wie geplant im August eingereicht habe. Aber: "Wir kriegen das Geld, wenn die Baugenehmigung erteilt ist. Alles kein Problem."

Bei der Baupolizei sieht man die Lage etwas anders. Die Magistratsabteilung 37 bestätigt auf ballesterer-Anfrage zwar ein Prüfansuchen, erklärt aber, dass dieses abgelehnt worden sei. "Laut Flächenwidmungsplan ist das Gelände als Erholungsgebiet beziehungsweise Sportplatz definiert. Es dürfen daher nur entsprechende Gebäude wie eine Kantine errichtet werden, aber sicher kein Schnellrestaurant", heißt es. Endgültig gestorben sind die Pläne für die Vienna damit zwar nicht, es bräuchte aber eine Flächenumwidmung. Dafür sind wiederum ein Gemeinderatsbeschluss und eine umfassende Prüfung des Planungsamts notwendig - Verfahren, die sich über Jahre hinziehen können.

So lange wird Dvoracek nicht warten können. Er macht kein Hehl daraus, dass die Bauprojekte für die Vienna von existentieller Bedeutung sind. Hinter der Verwirklichung stehen allerdings größere Fragezeichen, als ihm lieb sind. Und damit droht auch so mancher Fanhoffnung ein Seifenblasenschicksal. Nach dem Präsidiumseinzug von Christian Tesar, der selbst aus dem Fanblock kommt, hatten die aktiven Anhänger zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dem Verein nicht egal zu sein.

Ein Pflänzchen im blau-gelben Beton
"Wir arbeiten daran, das kreative und wirtschaftliche Potenzial der Tribüne stärker in den Verein einzubinden", sagt Tesar, der auch die Vorhaben für das 120-Jahre-Jubiläum im kommenden Jahr koordiniert. Der neue Vizepräsident will die Hoffnung auf das Schulprojekt nicht aufgeben, im Zuge der Umbauten auf der Hohen Warte könnte nämlich auch ein neues Klubhaus mit Fanräumen geschaffen werden. Ins selbe Horn stößt Alexander Fontó vom Fanklub "Vienna Wanderers": "Wir wollen einen selbstverwalteten Veranstaltungsraum im Stadion, wo die Fans vor und nach dem Spiel zusammenkommen können."

Um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen, wollen die sechs Vienna-Fanklubs ihre Kräfte in einem Dachverband bündeln und eine Fancharta mit Rechten und Pflichten für den Verein ausarbeiten. Gespräche mit der Klubführung sind im Laufen, erste kleinere Schritte wurden bereits gesetzt. So haben die Anhänger unter der Haupttribüne im Rahmen einer selbstorganisierten Stadionverschönerung den grauen Sichtbeton blau-gelb übermalt.

Für Fontó symbolisiert das ein erstes zartes Pflänzchen der Mitbestimmung, als leidgeprüfter Vienna-Fan denkt er aber auch in die andere Richtung. Für den Fall eines finanziellen Zusammenbruchs planen die Fans, sich das Logo und den Vereinsnamen der Vienna zu sichern. "Wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen", sagt Fontó. "Natürlich soll auf der Hohen Warte guter Fußball gespielt werden, aber das Wichtigste ist der Fortbestand der Vienna - egal in welcher Liga."


Foto: Daniel Shaked

Referenzen:

Heft: 86
Verein: First Vienna FC
ballesterer # 121

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