Warten auf die Katharsis

Dem griechischen Fußball geht es kaum besser als dem griechischen Staat. Manipulierte Spiele und die allgegenwärtige Spirale aus Repression und Gewalt sorgen für zusätzlichen Frust in Zeiten allgemeiner Depression. An Besserung will niemand so recht glauben.
Reinhard Krennhuber | 12.12.2011
Eine Massendemo im Zeichen der Finanzkrise. Athen hat in den vergangenen beiden Jahren zahllose gesehen. Es kommt zu Ausschreitungen, Brandsätze fliegen, Tränengas liegt in der Luft. Als Borussia Dortmund am 19. Oktober in der Champions League bei Olympiakos Piräus gastiert, können sich zahlreiche deutsche Fußballfans vor Ort ein Bild davon machen, wie sehr die Proteste Griechenland in Atem halten. Vereinsvertreter, Fans und Sponsoren des deutschen Meisters übernachten in Hotels im Zentrum der Hauptstadt, das einmal mehr zum Brennpunkt eines Generalstreiks wird. »Es war eine Extremsituation«, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Tag danach zur Presse. »Ich habe sehr viele Anrufe von besorgten Mitarbeitern bekommen und gehört, wie die Molotowcocktails nur so flogen. Nebenan brannte ein Apartment aus. Es war dramatisch.«


Stundenlang ist die Dortmunder Abordnung mit Ausnahme der Spieler, die an einem ruhigeren Ort untergebracht werden in ihren Quartieren eingeschlossen. Wer sich vor die Tür wagt, bekommt das Tränengas der Polizei zu spüren. Der abendliche Transfer zum Karaiskakis-Stadion wird zum Hindernislauf. Erst eine halbe Stunde vor Spielbeginn treffen die Dortmunder Fans in Piräus ein. Watzke hätte auch eine Absage in Kauf genommen und sagt: »Man hätte sich bei der UEFA mehr Gedanken machen müssen.«


Ähnliches gilt für die Fans der Schwarz-Gelben, die während des Matches halblustige Botschaften wie »Schalke 04. Das Griechenland der Bundesliga« verbreiten. Die Antwort der Olympiakos-Fans fällt deftig aus. »Resist to the 4th Reich« steht auf einem Banner, der Reichsadler hat seinen Horst auf einem Euro-Zeichen errichtet. Der Eindruck von Dortmund-Trainer Jürgen Klopp, dass Deutschland bei den Griechen nicht besonders gut angeschrieben sei, bestätigt sich. Auf die in Frankfurt sitzende Europäische Zentralbank und Kanzlerin Angela Merkel, federführende Kraft hinter der harten EU-Finanzlinie, ist in Griechenland in diesen Tagen niemand gut zu sprechen.

Straßenkampf im Stadion
Seit Oktober 2009 schwebt über Griechenland das Damoklesschwert der Staatspleite. Die Proteste gegen die Sparpakete der Regierung, die Politik des Internationalen Währungsfonds und der EU haben das Land seither immer wieder lahmgelegt. Allein sieben Generalstreiks stehen zu Buche, dazu zahlreiche Demonstrationen mit teils zehntausenden Teilnehmern, die oft gewaltsam verliefen und bisher vier Menschen das Leben kosteten.


Beobachter sehen im Vorgehen der Demonstranten auf den Straßen immer wieder Parallelen zum Verhalten radikaler Fußballfans, die Fangruppen der griechischen Vereine haben bisher aber nicht in organisierter Form an den Protesten teilgenommen. »Natürlich sind Fußballfans unter den Demonstranten«, sagt Panathinaikos-Ultra Dimitris zum ballesterer. »Aber von der Teilnahme größerer Gruppen von Panathinaikos und Olympiakos habe ich nur beim letzten Generalstreik im Oktober gehört. Die Aussicht auf Auseinandersetzungen mit der Polizei dürfte dabei einen zusätzlichen Anreiz geliefert haben.« Das heiße jedoch nicht, dass die Fans keine politische Meinung hätten oder die Augen vor der Krise verschließen würden, so Dimitris: »Für die meisten Fans aus der Kurve steht ihr Fußballklub aber über der Politik und den Parteien.«


Dementsprechend werden die Konflikte mit dem Staat und der Polizei vorwiegend rund um die Stadien ausgetragen. Als Brennstoff dafür erwies sich eine mit Saisonbeginn eingeführte Regelung, wonach das Schiedsrichterteam ein Spiel bei Gesängen und Transparenten politischen oder beleidigenden Inhalts unterbrechen und im Extremfall sogar abpfeifen kann. Bereits in der ersten Runde der Superleague kam es bei PAOK Saloniki gegen Xanthi zu einem Präzedenzfall, als die Partie nach Schmähgesängen aus der Heimkurve für kurze Zeit ausgesetzt wurde. Richtig hoch ging die Wogen jedoch erst beim 4:0-Erfolg von Panathinaikos über Ergotelis am 22. Oktober. PAO-Fans hatten in der Kurve ein Transparent mit der Aufschrift »Politiker Parasiten, eingenistet im Parlament. Ihr werdet im Zorn der Empörten ertrinken« (sinngemäße Übersetzung, Anm.) gezeigt, das auch im Rahmen der Liveübertragung zu sehen war. Der Schiedsrichter unterbrach daraufhin die Partie allerdings ohne das gewünschte Ergebnis. Das Transparent im Block von »Gate 13« konnte nicht entfernt werden, stattdessen regnete es weitere missliebige Gesänge aus der Kurve. Nach mehreren Minuten Unterbrechung wurde die Partie fortgesetzt. Danach verlagerte sich der Kampf ums Transparent vor das Stadion, wo die Polizei Straßensperren errichtete und alle Autos nach dem Stück Stoff durchsuchte.

Blinder Zorn in Saloniki
»Es war wie eine Aktion gegen Terroristen. Mehrere Panathinaikos-Fans sind festgenommen und das Transparent sichergestellt worden«, sagt Dimitris. Zwar versuchten die Anhänger von »Gate 13« noch, ihre Kollegen zu befreien, die Polizisten konnten sich vor dem heranstürmenden Mob jedoch in Sicherheit bringen. Erfolgreich war die Polizeiaktion dadurch noch nicht. »Die Fans sind nach einigen Stunden auf dem Präsidium wieder freigelassen worden und mit ihnen das Transparent. Die Botschaft war so formuliert, dass man ihnen rechtlich nichts anhaben konnte.« Im nächsten Heimspiel hissten die Panathinaikos-Ultras ihr Banner erneut, und auch in anderen Kurven hagelte es Kritik an den Politikern.


Während Spiele mit Fanprotesten in den höchsten Spielklassen auch aus Rücksicht auf TV-Übertragungen maximal für einige Minuten unterbrochen wurden, kamen die neuen Regeln am 13. November bei der Viertligapartie von Iraklis Saloniki gegen Ethnikos Neo Agioneri voll zum Tragen. Iraklis war vor der Saison wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten die Lizenz entzogen worden. Die Fans des Traditionsklubs hatten schon die Parade zum Gedenktag des 28. Oktober gestört, im ersten Heimspiel der Saison entlud sich ihr Zorn in einem Spruchband mit der Aufschrift: »Pilavios, Krebs deinen Kindern!« In Gesängen wurden Verbandspräsident Sofoklis Pilavios und Finanzminister Evangelos Venizelos zudem als Hurensöhne bezeichnet, was den Schiedsrichter in der 8. Minute zu einer Spielunterbrechung veranlasste. Als die ersten Fans den Platz stürmten, brach er die Partie endgültig ab. Es folgten Auseinandersetzungen zwischen 300 Iraklis-Fans und der Polizei auf dem Spielfeld.

Streik im Angesicht des Todes
Überdeckt wird die Unruhe in den Kurven derzeit nur von einem Korruptionsskandal, der die griechische Meisterschaft seit seiner Enthüllung im Sommer durcheinanderwirbelt. Anfang Juni hatten die Behörden Ermittlungen gegen fast 70 Personen öffentlich gemacht, denen unter anderem Spielmanipulation, Wettbetrug, Steuerhinterziehung und Unterstützung einer kriminellen Organisation vorgeworfen wird. 15 Personen wurden verhaftet, unter den Verdächtigen fanden sich Klubpräsidenten und -funktionäre, Spieler, Schiedsrichter und ein lokaler Polizeichef. Die Beweisführung stützt sich auf anonyme Informanten, abgehörte Telefongespräche und eine Liste der UEFA mit 41 verdächtigen Ligaspielen aus der Saison 2009/10. ...

 

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Referenzen:

Heft: 68
Rubrik: Fansektor
ballesterer # 121

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